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Umwelt+Natur

Vormenschen beeinträchtigten schon die Artenvielfalt

Dinofelis
Die urzeitliche Großkatze Dinofelis ist eine der großen Raubtierarten, die heute ausgestorben sind. (Bild: Mauricio Anton)

Der Mensch ist heute der Hauptgrund für den Niedergang vieler Tier- und Pflanzenarten weltweit. Doch auch die ersten Vormenschen in Afrika könnten die Tierwelt schon vor gut drei Millionen Jahren entscheidend und nachhaltig verändert haben, wie nun eine Studie nahelegt. Demnach geht das Aussterben vieler großer afrikanischer Raubtiere nicht auf Klimaveränderungen zurück, sondern auf Konkurrenz durch unsere Vorfahren.

Der Einfluss des Menschen auf die irdische Artenvielfalt ist unbestritten: Rund eine Million Spezies sind nach aktuellem Stand akut gefährdet oder vom Aussterben bedroht, die meisten davon durch Eingriffe des Menschen in ihren Lebensraum, durch Jagd oder andere anthropogene Faktoren. Doch der Mensch hat nicht erst in der Neuzeit damit begonnen, die Biodiversität seiner Umwelt zu verändern. So häufen sich die Hinweise darauf, dass unsere Vorfahren zumindest Mitschuld am Verschwinden vieler großer Pflanzenfresser und Raubtiere am Ende der letzten Eiszeit hatten, vor allem in Nordamerika.

Rätselhafter Artenschwund unter großen Carnivoren

Doch es gibt noch einen Artenschwund, dessen Ursache bislang ungeklärt blieb: In Ostafrika lebten noch vor rund fünf Millionen Jahren rund 80 verschiedene Arten großer Raubtiere mit mehr als 21 Kilogramm Körpergewicht. „Unter ihnen waren die noch heute existierenden Wildhunde, Raubkatzen und Hyänen, aber auch ausgestorbene Arten von Bären, Säbelzahnkatzen sowie riesenhafte Varianten von Ottern, Mardern und Schleichkatzen“, erklären Soeren Faurby von der Universität Göteborg uns seine Kollegen. Von diesen großen Raubtieren gibt es heute aber nur noch neun, die restlichen sind im Laufe der letzten vier Millionen Jahren ausgestorben.

Um der Ursache für dieses Aussterben auf den Grund zu gehen, untersuchten Faurby und sein Team zunächst, ob sich die Temperaturen, die Niederschläge oder die Vegetation im Laufe der letzten vier Millionen Jahren in Ostafrika verändert haben. „Ein Klimawandel wäre die einfachste Erklärung für das Aussterben der großen Carnivoren“, so die Forscher. Doch die Klimadaten lieferten keine Hinweise auf einen solchen Wandel in Ostafrika. Zudem ergab ein Vergleich mit den Aussterberaten kleinerer Raubtiere, dass deren Vielfalt in den letzten vier Millionen Jahren weitgehend gleichgeblieben ist. „Das spricht gegen ein klimabedingtes Aussterben der großen Carnivoren, denn davon müssten große und kleine gleichermaßen betroffen sein“, sagen die Wissenschaftler.

Konkurrenz durch gezielten Beuteklau

Was aber war dann die Ursache? Faurby und sein Team untersuchten dies, indem sie als nächstes die Verteilung und geschätzte Häufigkeit der Vormenschen in Ostafrika und deren Gehirngröße mit den Daten zur Artenvielfalt der großen Raubtiere verglichen. Dabei zeigte sich: Überall dort, wo Vormenschen wie Ardipithecus, Paranthropus, Australopithecus oder frühe Vertreter der Gattung Homo lebten, sank im Laufe der Zeit die Zahl der großen Raubtiere. Dieser Niedergang verstärkte sich zudem im gleichen Maße, indem das Gehirn unserer Vorfahren wuchs und sie damit auch immer fortgeschrittenere Werkzeuge und Verhaltensweisen entwickelten. „Diese Ergebnisse stützen die Annahme, dass der Mensch für die steigenden Aussterberaten der ostafrikanischen großen Raubtiere im Pliozän und Pleistozän verantwortlich war“, berichten die Forscher.

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Der Einfluss der Vor- und Frühmenschen war dabei aber nicht primär die Jagd auf diese großen Raubtiere, sondern vielmehr eine spezielle Form der Nahrungskonkurrenz, wie Faurby und sein Team erklären. Demnach könnten unsere Vorfahren ihren tierischen Nachbarn gezielt die frisch erlegte Beute entwendet haben und die Raubtiere dabei sogar aktiv von den Beutekadavern vertrieben haben. „Es gibt Hinweise darauf, dass frühe Hominiden Dornenzweige nutzten, um sich gegen Raubtiere zu verteidigen“, sagen die Wissenschaftler. „Solche Zweige könnten auch verwendet worden sein, um Carnivoren von einem halb gefressenen Kadaver zu vertreiben.“ Für die großen Raubtiere bedeutete dieser sogenannte Kleptoparasitismus, dass sie immer seltener satt wurden und auf Dauer unter Nahrungsmangel litten. Je stärker sich unsere Vorfahren ausbreiteten und vermehrten, desto größer wurde der Konkurrenzdruck auf die großen Raubtiere Ostafrikas. Das könnte nach Ansicht der Forscher schon ausgereicht haben, um diese allmählich aus der von den Vormenschen besiedelten Gegend verschwinden zu lassen.

Nach Ansicht der Forscher demonstriert dieses Szenario, dass auch unsere Vorfahren keineswegs immer in völliger Harmonie mit der Natur lebten. „Die Monopolisierung von Ressourcen ist eine Fähigkeit, die wir und unsere Vorfahren schon seit Millionen von Jahren besitzen“, sagt Faurby. „Aber erst heute verstehe wir die Folgen und können unser Verhalten ändern, um nach einer nachhaltigen Zukunft zu streben.“

Quelle: Universität Göteborg; Fachartikel: Ecology Letters, doi: 10.1111/ele.13451

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