Wahnsinn im Labor - wissenschaft.de
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Wahnsinn im Labor

Nach Jahrzehnten des Verbots und des Vergessens experimentieren Mediziner und Psychiater wieder mit Halluzinogenen – und suchen nach neuen Therapiemöglichkeiten für psychisch Kranke.

Die Reise ins Unbewusste beginnt in einem roten Ledersessel in einer verdunkelten, schallisolierten Kammer der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. „Ich stürze einen tiefen schwarzen Tunnel hinunter ins Leere. An den Wänden des Tunnels sehe ich einzelne farbige Flecken und Strukturen. Ich fühle Entsetzen und vollkommene Ohnmacht“, beschreibt Versuchsperson Nicolas Langlitz, ein deutscher Anthropologe, seine Erlebnisse. Der Grund für seinen Horrortrip: Psilocybin – der Inhaltsstoff so genannter Zauberpilze wie dem Spitzkegeligen Kahlkopf oder dem Glockenschüppling, der Halluzinationen verursacht.

Auf Langlitz‘ Kopf sind zahlreiche EEG-Elektroden befestigt, die seine Hirnströme messen. Doch davon nimmt er keine Notiz. „ Vor mir öffnen sich Höhlen, über deren Wände geometrische Muster laufen. Ich höre eigenartige Geräusche: schwingendes Wellblech, von weit her kommende Funksprüche“, stammelt er ins Mikrofon – während die Wissenschaftler aus der Arbeitsgruppe Neuropsychopharmacology and Brain Imaging unter der Leitung des Arztes und Psychiaters Franz X. Vollenweider ihn gespannt beobachten. Die Arbeitsgruppe gilt als weltweit führend bei der Erforschung des Zusammenspiels von Hirn und Halluzinogenen.

Schon einmal versuchten Wissenschaftler zu ergründen, wie chemische Substanzen auf die Psyche wirken und zwischen Wahn und Wirklichkeit vermitteln. Sie versuchten, mehr zu erfahren über die Arbeit des menschlichen Geistes im normalen und im außergewöhnlichen Zustand, um vielleicht auch neue Ansätze zur Behandlung psychischer Störungen zu finden. So wie andere Medikamente die Abläufe im Körper beeinflussen, Krankheiten heilen und manchmal Nebenwirkungen haben, könnten auch psychoaktive Drogen gegen Krankheiten des Geistes eingesetzt werden, lautete die Überlegung.

Bis in die Mitte der Sechzigerjahre wurden allein in Deutschland über 1000 Studien darüber publiziert, ob Halluzinogene wie Psilocybin, Meskalin oder das 1938 vom Chemiker Albert Hofmann in der Schweiz entdeckte LSD bei der Behandlung von Schizophrenie, Depression und Alkoholismus helfen können. Die ersten Ergebnisse waren vielversprechend, doch plötzlich kam die Forschung ins Stocken: Die US-amerikanischen Hippies hatten mit ihrem exzessiven Drogenkonsum die Halluzinogene in Verruf gebracht. Dann erschwerten neue Gesetze und argwöhnische Ethikkomissionen die Arbeit der Wissenschaftler. „Seit Ende der Sechzigerjahre war die Wissenschaft der halluzinogenen Stoffe ein verlassenes und diskriminiertes Forschungsgebiet“, bedauert der Psychiater Torsten Passie von der Medizinischen Hochschule Hannover, einer der wenigen deutschen Kenner der einschlägigen Forschung.

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Erst die Verbreitung einer neuen Klasse psychoaktiver Stoffe, der synthetischen Ecstasy-Gruppe, gab in den Achtzigerjahren den Anlass, sich erneut mit Halluzinogenen zu beschäftigen. Diese Stoffe verändern – wie die herkömmlichen Halluzinogene auch – das psychische Erleben stark: Sie erzeugen Euphorie und steigern die Empathie. Im Vergleich zu ihren Vorgängern aber erschüttern sie nicht das Ich-Empfinden, wirken kürzer – statt zwölf Stunden etwa vier bis sechs Stunden – und lassen sich besser kontrollieren. Insbesondere in den USA behandelten viele Psychotherapeuten ihre Patienten mit Ecstasy, bis der Stoff 1986 verboten wurde. Anhand toxikologischer Untersuchungen sollten die Gefahren der neuen Substanzen eingeschätzt werden – die Diskussion darüber läuft bis heute. Immer noch ist unklar, ob bereits der gelegentliche Konsum der Partydroge die Gesundheit gefährdet oder ob sie erst dann zur Gefahr wird, wenn sie häufig und überdosiert oder in Verbindung mit Alkohol eingenommen wird – und man dabei noch bis zur völligen Erschöpfung die Nächte durchtanzt, ohne genug Wasser zu trinken.

Mehr als die Gefahren lockt derzeit aber wieder der potenzielle Nutzen von Ecstasy und Co. „Seit etwa zehn Jahren erkennen mehr und mehr Wissenschaftler, dass früher die Risiken der Halluzinogene überschätzt worden sind“, kommentiert die renommierte Ecstasy-Expertin Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank von der psychiatrischen Klinik der Universität Köln.

Mittlerweile haben weltweit viele Forschergruppen gezeigt, dass der soziale Kontext, in dem Drogen genommen werden, einen großen Einfluss auf die Folgen haben kann. In den USA etwa beobachtet der Psychiater John Halpern von der Harvard University in einer Langzeitstudie die Gesundheit von 210 Navajo-Indianern, Mitglieder der Native American Church im Südwesten der USA. Ihnen haben die Behörden den Genuss von Peyote – einem meskalinhaltigen Kaktus – für religiös-rituelle Feste genehmigt. Halpern konnte selbst bei den Gemeindemitgliedern, die nach eigener Aussage mindestens hundertmal Peyote genommen hatten, keine Beeinträchtigungen von Intelligenz, Gedächtnis oder sonstigen kognitiven Leistungen entdecken. Mehr noch: Ähnliche Studien in Brasilien zeigten, dass gewalttätige Alkoholiker, die in einem religiös-rituellen Kontext die Droge Ayahuasca zu sich genommen hatten, häufig mit dem Trinken aufhörten. Dabei gilt Ayahuasca als eines der stärksten Halluzinogene überhaupt, stärker noch als das Supermittel LSD.

Diese neue Sichtweise bewegt immerhin einige Gesundheitsbehörden und Ethikkomissionen zum Umdenken. Peu à peu akzeptieren sie den kontrollierten Konsum von Halluzinogenen im Rahmen wissenschaftlicher Studien und die Forschung mit psychoaktiven Substanzen.

Die Federal Drug Administration in den USA genehmigte Harvard-Psychiater Halpern gleich mehrere Studien – unter anderem, wie Ecstasy Krebspatienten im Endstadium das Sterben erleichtern kann und ob LSD gegen extreme Cluster-Kopfschmerzen hilft. Francisco Moreno von der University of Arizona in Tucson testet Psilocybin bei der Behandlung von schweren Zwangsstörungen. Im russischen St. Petersburg geht der Suchtmediziner Evgeny Krupitsky der Frage nach, ob Ketamin – ein bei Veterinären beliebtes Anästhetikum mit stark halluzinoger Wirkung – Menschen gegen ihre Alkohol- oder Heroinabhängigkeit helfen kann. Zwar liegen noch keine endgültigen Ergebnisse vor, doch die Forscher sind optimistisch.

Einfach sind die Zulassungsverfahren für die Erforschung von Halluzinogenen allerdings immer noch nicht. So stoppten die Universitätsbehörden in Barcelona vor Kurzem ein Projekt, das den therapeutischen Nutzen von Ecstasy zur Behandlung von posttraumatischen Störungen testen sollte: Man wolle mit Drogen nichts zu tun haben, erklärten die Verantwortlichen.

Auch in den USA ist – trotz der erwähnten Gegenbeispiele – die Genehmigungsprozedur so mühsam, dass der weltweit wichtigste Geldgeber der Halluzinogenforschung, die private Heffter-Stiftung, erst gar nicht im eigenen Land investiert, sondern das Forschungszentrum an der Universität Zürich einrichtete und Franz Vollenweider zum Direktor bestellte. In seiner Arbeit gehe es um ähnliche Fragen wie in den Studien der Fünfziger- und Sechzigerjahre, erklärt der Schweizer Psychiater: Es sollen mögliche therapeutische Effekte erforscht und die Wirkung auf das Bewusstsein erkundet werden. Untersucht wird unter anderem, ob Psilocybin gegen Zwangsstörungen hilft oder die Kreativität steigert, und welche Gefahren Ecstasy birgt. Allerdings: „Im Vergleich zu früher sind das alles neueste Verfahren: Die Effizienz der Substanzen muss mit modernen epidemiologischen und psychometrischen Mitteln nachgewiesen werden können“, sagt Vollenweider. Soll heißen: Die statistischen Techniken und Messverfahren sind besser geworden und können jetzt auch bei der Erforschung von Halluzinogenen eingesetzt werden.

Insbesondere die neuen bildgebenden Verfahren ermöglichen es, nicht nur Effekte festzustellen, sondern auch deren Ursachen zu ergründen. Im Labor der Vollenweider-Arbeitsgruppe stehen verschiedene bildgebende Verfahren wie EEG (Elektroenzephalographie) und PET (Positronen-Emissions-Tomographie) zur Verfügung, um das Geschehen in den Hirnen der Probanden zu erfassen. Anders als viele vorschnelle Avantgardisten der psychedelischen Therapie – also der Behandlung mit Halluzinogenen – ist Vollenweider nicht darauf fixiert, gleich umfassende Heilmethoden zu präsentieren. Vielmehr geht es ihm zunächst darum, grundlegende Fragen zu klären, die dann mittelfristig auch bei der Therapie von psychischen Erkrankungen helfen könnten. Unklar ist etwa noch: Wie funktioniert die Wahrnehmung – im normalen und im pathologischen Zustand? Welche Rezeptoren filtern die Wirklichkeit und wie werden sie von psychoaktiven Substanzen verändert? Beispielhaft lassen sich diese Fragen an der Erforschung der Schizophrenie demonstrieren, einem wichtigen Arbeitsgebiet der Zürcher Forscher.

Schon der erste LSD-Trip der Menschheitsgeschichte 1943 lässt aus heutiger Sicht vermuten, wie wichtig die Substanz für das Verständnis von Schizophrenie werden könnte, erläutert Vollenweider und verweist auf den Erlebnisbericht des Schweizer Erfinders Albert Hofmann. „Zeit und Raum gerieten immer mehr durcheinander, ich wurde von der Angst übermannt, verrückt zu werden“, berichtete der Forscher, nachdem er eine vermeintlich kleine Menge des von ihm synthetisierten kristallinen Pulvers geschluckt hatte. „Ich glaubte, ich wäre gestorben. Mein ,Ich‘ hing irgendwo im Raum in der Schwebe und ich sah meinen Leib tot auf dem Sofa liegen. Ich beobachtete und registrierte deutlich, wie sich mein ,Alter Ego‘ klagend im Raum umherbewegte.“

Hofmanns Beschreibungen erinnern deutlich an einige Symptome der Schizophrenie: Ich-Störungen, Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Mittlerweile sind zahlreiche weitere psychoaktive Substanzen bekannt, die bei gesunden Menschen vorübergehend psychotische Symptome erzeugen. Die Wissenschaftler folgern: Wäre es nicht hilfreich, mit diesen Stoffen Modellpsychosen auszulösen, um die Krankheit kontrolliert unter Laborbedingungen zu studieren? Zumal sich Schizophrenie-Patienten nur ungern in die Röhre eines Computertomografen legen und in der Regel Medikamente nehmen, die das Untersuchungsergebnis verfälschen können.

Die bisherigen Erfolge geben den Halluzinogenforschern recht. Man weiß bereits seit geraumer Zeit, dass das Gehirn von Schizophrenie-Patienten zuviel des Neurotransmitters (Botenstoffes) Dopamin ausschüttet. Durch die Forschung mit Halluzinogenen wurden noch weitere mögliche „ Krankheits-Kandidaten“ identifiziert: Die chemisch-strukturelle Ähnlichkeit von LSD und Psilocybin mit Serotonin legt die Vermutung nahe, dass auch ein Ungleichgewicht bei diesem Neurotransmitter eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Krankheit spielt. Und Versuche mit den Halluzinogenen Ketamin und PCP (Phencyclidin: „Angel Dust“), die über die Glutamatrezeptoren wirken, rücken auch den Botenstoff Glutamat in die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler. Fazit: Die Halluzinogenforschung hat wesentlich dazu beigetragen, dass heute Ungleichgewichte bei Dopamin, Serotonin und Glutamat als wesentliche Faktoren der Schizophrenie gelten. Vollenweiders Ziel ist es nun zu erforschen, wie diese drei Stoffe das psychotische Wahnsystem genau in Gang setzen.

Um darauf eine Antwort zu finden, nutzen die Zürcher Forscher das so genannte Präpuls-Inhibitions-Paradigma des akustischen Schreckreflexes. Es geht von der Beobachtung aus, dass Menschen, die zum Beispiel wegen eines unerwartet lauten Tons (Puls) erschrecken, unwillkürlich und reflexartig für einen Moment die Augen schließen. Dieser Reflex tritt allerdings weniger deutlich auf, wenn den Probanden zuvor ein leiser, kaum hörbarer Ton vorgespielt wird – der Präpuls. „Die Verarbeitung des lauten zweiten Pulses wird offenbar gehemmt, um die aktuell ablaufende Reizverarbeitung des leisen Präpulses nicht zu stören“, erläutert Vollenweider.

Seine Arbeitsgruppe konnte mit Hilfe von Modellpsychosen nachweisen, dass Halluzinogene zu einem ähnlichen Präpuls-Inhibitions-Defizit führen wie eine chronische Schizophrenie-Erkrankung. Die Bilder aus dem PET zeigen, dass die halluzinogenen Äquivalente von Serotonin, Dopamin und Glutamat über verschiedene Regelschleifen auf die Hirnregion des Thalamus einwirken. Er dient als eine Art Filter für alle Informationen, die von den Sinnesorganen geliefert werden. „Die Drogen öffnen diesen Filter und lassen das Großhirn in einer Informationsflut ertrinken“, erklärt Vollenweider.

Diese Ergebnisse bestätigten erstmals experimentell eine seit langem bekannte Theorie, nach der Schizophrenie-Patienten von inneren und äußeren Reizen regelrecht überflutet werden, da ihr Gehirn sie nicht mehr vernünftig ordnen und zu einem angemessenen Bild zusammenfügen kann. Wenn man die Physiologie dieser Störung genauer kennen würde, ließen sich womöglich neue Medikamente gegen Schizophrenie entwickeln.

Doch zuvor widmet sich Vollenweider dem Rätsel, ob der künstlich erzeugte Bewusstseinszustand von Nicolas Langlitz ähnliche Datenströme erbringt wie tiefe Meditation bei tibetanischen Mönchen. Aber: Fehlanzeige! Trotz dreimaliger Psilocybin-Einnahme verspürt er keine mystischen Gefühle. Dafür werden seine Erlebnisse immer verlockender: „Eine Frau (Helvetia) sonnt sich neben ihrem Schild an einem Bergsee. Mir kommt der Gedanke: Das ist die Schweiz. Da liegt sie wie eine Insel der Seligen mitten in Europa. Halluzinationen eines deutschen Anthropologen.“ ■

Andrea Schuhmacher schreibt als freie Wissenschaftsautorin. Obwohl die Halluzinogen-Forschung sie fasziniert, bevorzugt sie ein Glas französischen Rotwein.

Andrea Schuhmacher

Ohne Titel

• Ecstasy und Co. könnten schon bald zur Therapie von Alkoholismus oder Depression eingesetzt werden.

• Manche Halluzinogene öffnen einen „Filter“ im Gehirn und lassen es in einer Informationsflut ertrinken.

• Mit Drogenexzessen brachten die Hippies in den Sechzigerjahren psychoaktive Stoffe in Misskredit.

Ohne Titel

· • Ecstasy und Co. könnten schon bald zur Therapie von Alkoholismus oder Depression eingesetzt werden. • Manche Halluzinogene öffnen einen „Filter“ im Gehirn und lassen es in einer Informationsflut ertrinken. • Mit Drogenexzessen brachten die Hippies psychoaktive Stoffe in den 60er Jahren in Verruf.

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Albert Hofmann

LSD, mein Sorgenkind

Die Entdeckung einer „Wunderdroge“

dtv Taschenbücher 2006, € 9,–

John Horgan

Rational Mysticism: Spirituality Meets Science in the Search for Enlightenment

Mariner Books 2004, $ 11,–

Internet

Homepage von Psychiater Torsten Passie an

der Medizinischen Hochschule Hannover:

www.schamanismus-information.de

Übersicht über diverse halluzinogene Stoffe (auf Englisch):

www.erowid.com

Eine neue Studie zum Narkotikum Ketamin:

www.aerzteblatt.de/v4/news/ news.asp?id=25215

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