Wale: Stress-Geschichte im Ohrenschmalz - wissenschaft.de
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Wale: Stress-Geschichte im Ohrenschmalz

Auch die gelassen wirkenden Meeresgiganten können im Stress sein. (Foto: Blauwal, eco2drew/iStock)

Wie der Mensch in den letzten 150 Jahren den Bartenwalen das Leben schwer gemacht hat, spiegelt sich im Ohrenschmalz der Meeresriesen wider, berichten Forscher. Analysen von Ohrpfropfen der Tiere aus Museen haben gezeigt, dass sich in der Zeit des Walfangs, aber auch während des zweiten Weltkriegs besonders viel Stresshormone in den baumringartigen Strukturen der Ohrpfropfen abgelagert haben. Wie die Forscher feststellten, waren allerdings auch die letzten Jahrzehnte wieder zunehmend belastend für die Wale. Möglicherweise sind Temperaturerhöhungen im Rahmen des Klimawandels dafür verantwortlich.

Bei uns ist es bekanntlich nicht gut, wenn Ohrenschmalz den Gehörgang komplett verstopft – doch bei den Walen ist das normal: Bei ihnen bildet sich aus der zähen Substanz ein Pfropfen, der den Gehörgang völlig ausfüllt und vor Druckschwankungen beim Tauchen schützt. Beim Hören stört sie dies nicht, da der Schall unter Wasser direkt auf das Hörsystem der Tiere übertragen wird. Bereits seit langem ist bekannt, dass sich anhand der Strukturen des Ohrpfropfens das Alter eines Wales ablesen lässt, denn wie bei einem Baumstamm bildet sich jedes Jahr eine neue Schicht.

Logbuch im Ohr

Wie die Forscher um Stephen Trumble von der Baylor University in Waco bereits in einer früheren Studie gezeigt haben, können Analysen des Ohrpfropfens auch Informationen über die Lebensumstände von Walen geben, beispielsweise über Schadstoffbelastungen. In ihrer aktuellen Studie sind sie nun allerdings den Konzentrationen eines speziellen Stoffes in den Wachstumsschichten des Ohrenschmalzes nachgegangen: Sie untersuchten die Gehalte des Stresshormons Cortisol. Wie beim Menschen wird es auch bei Walen im Zusammenhang mit unangenehmen Belastungen ausgeschüttet. Beim Untersuchungsmaterial handelte es sich um Proben von Ohrpfropfen von Finn-, Buckel- und Blauwalen aus dem Atlantik und Pazifik, die aus Museumsbeständen stammten. Sie deckten die Zeitspanne von 1870 bis 2016 ab.

Wie die Forscher berichten, zeichneten sich in den Ergebnissen deutliche Korrelationen zwischen dem Stressniveau und bestimmten Entwicklungen in den letzten 150 Jahren ab. Besonders deutlich machte sich demnach der industrielle Walfang bemerkbar: In den 1960er Jahren, als das rücksichtslose Abschlachten seinen Höhepunkt erreichte, verzeichneten die Forscher auch das Maximum bei den Cortisol-Werten in den Ohrpfropfen der Tiere. Entsprechend zeichnete sich auch das Ende der Walfang-Ära ab: Als Mitte der 1970er Jahre das massenhafte Töten endlich vorbei war, sanken die Cortisol-Konzentrationen auf die niedrigsten Werte des Untersuchungszeitraums.

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Walfang, Krieg und Temperaturerhöhung

Ein weiterer bemerkenswerter Effekt zeichnete sich im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg ab, berichten Trumble und seine Kollegen. In den Ohrenschmalz-„Jahresringen“ aus dieser Zeit zeichnet sich ebenfalls ein auffällig hohes Stressniveau der Tiere ab, obwohl in dieser Zeit der Walfang eigentlich deutlich zurückging. „Offenbar haben die mit dem Krieg verbundenen Stressfaktoren den Effekt des gesunkenen industriellen Walfangs ersetzt“, sagt Co-Autor Sascha Usenko. Konkret vermuteten die Forscher, dass etwa Detonationen unter Wasser, Seeschlachten sowie die erhöhten Schiffszahlen die Stressbelastung während dieser Periode des reduzierten Walfangs erhöht haben. „Unsere Ergebnisse dokumentieren, wie verschiedene menschenverursachte Störfaktoren bei großen Walen zu einer physiologischen Reaktion führen“, resümiert Trumble.

Für die Wale sind nach dem Ende des industriellen Walfangs zwar zunächst ruhigere Zeiten angebrochen, doch wie die Forscher berichten, zeichnet sich in den letzten Jahrzehnten erneut eine deutliche Zunahme der Stressbelastung ab. Sie fanden in diesem Zusammenhang Hinweise darauf, dass den Tieren die ungewöhnlich hohen Wassertemperaturen zu schaffen machen, die in ihrem Lebensraum nun immer häufiger auftreten. Dieser Spur wollen Trumble und seine Kollegen nun weiter nachgehen. Wie sie berichten, haben sie dazu noch viel Untersuchungsmaterial auf Lager: Museen haben ihnen mittlerweile noch über hundert weitere Ohrpropfen von Walen zur Verfügung gestellt.

Quelle: Baylor University, Nature Communications, doi:10.1038/s41467-018-07044-w

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