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Insekten

Wandel bei den Libellen Deutschlands

Die Schwarze Heidelibelle (Sympetrum danae) bevorzugt stehende Gewässer. Die Art ist in Deutschland von einem starken Rückgang betroffen. (Bild: Frank Suhling)

Die Luftakrobaten der Uferzonen im Visier: Die Verteilung der Libellenarten in Deutschland hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt – es gibt Gewinner und Verlierer der Umweltveränderungen, zeigt eine Studie. Demnach sind deutliche Zuwächse bei den Arten zu verzeichnen, die an Fließgewässern leben und höhere Temperaturen bevorzugen. Rückgänge gab es hingegen bei den Libellen, die an stehende Gewässer angepasst sind. Die jeweiligen Trends sind teilweise auf Erfolge des Umweltschutzes zurückzuführen, es zeichnen sich aber auch die Effekte des Klimawandels ab, erklären die Wissenschaftler.

Deutschland ist Libellenland: Nirgendwo sonst in Europa gibt es eine solche Artenvielfalt bei diesen Fluginsekten der aquatischen Ökosysteme. Durch den menschlichen Einfluss unterliegen diese Lebensräume allerdings einem teils erheblichen Wandel. Wie sind die Libellen damit in den letzten Jahrzehnten zurechtgekommen? Dieser Frage sind die Forscher um Diana Bowler vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig nachgegangen. Sie analysierten dazu über eine Million Dateneinträge zum Vorkommen von 77 Libellenarten Deutschlands aus dem Zeitraum von 1980 bis 2016. Die meisten Informationen stammten dabei von ehrenamtlichen Bürgerwissenschaftlern und von der Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen (Libellenkundler).

Zuwächse, aber auch Abnahmen

Grundsätzlich zeigt die Studie: Während es bei vielen anderen Insektengruppen in den letzten Jahrzehnten generell einen deutlichen Rückgang bei den Beständen und der Verbreitung gegeben hat, zeichnet sich bei den Libellen ein differenziertes Bild ab – die Wissenschaftler stellten sowohl Zu- als auch Abnahmen fest. Demnach hat sich die Verbreitung von 45 Prozent der Arten in den letzten 35 Jahren ausgeweitet und bei 26 Prozent ist sie stabil geblieben. Rückgänge stellten die Forscher hingegen bei 29 Prozent der 77 Libellenarten Deutschlands fest. Wie sie betonen, sind viele dieser Spezies mit schrumpfender Verbreitung bereits gefährdet und sollten daher nun mehr in den Fokus von Schutzmaßnahmen rücken.

Die Blauflügel-Prachtlibelle (Calopteryx virgo) ist eine der Arten, die seit 1980 vom Gewässerschutz in Deutschland profitiert haben. (Bild: André Günther)

Durch den Blick auf die Artmerkmale wurde auch deutlich, welche Faktoren den jeweiligen Entwicklungstrends zugrunde liegen. Bei den Gewinnern der Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten handelt es sich demnach um Libellen, die bevorzugt an den Ufern von Fließgewässern leben sowie um wärmeliebende Arten. „Bislang seltene Spezies wie die Feuerlibelle und das Kleine Granatauge sind mittlerweile in Deutschland viel häufiger geworden. Diese Arten bevorzugen höhere Temperaturen, ihre Zuwächse in Deutschland liegen also höchstwahrscheinlich am langfristigen Klimawandel“, erklärt Bowler.

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Klimawandel und Umweltschutz

Die Positivtrends bei den an Fließgewässer angepassten Arten führen die Forscher hingegen auf erfreulichere Effekte zurück – auf Erfolge beim Schutz dieser Lebensräume. „Die Zuwächse bei diesen Arten zeigen eine Erholung von den Auswirkungen früherer Wasserverschmutzung und der fast vollständigen Zerstörung natürlicher Flussauen“, sagt Co-Autor Klaus-Jürgen Conze von der Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen. Der Hintergrund: In Deutschland wurden erste Projekte zur Verbesserung der Frischwasserqualität und zum Schutz von Fließgewässern bereits in den 1990er Jahren ins Leben gerufen.

Doch den erfreulichen Entwicklungen steht leider der besorgniserregende Schwund bei 29 Prozent der Libellenarten Deutschlands gegenüber. Wie die Forscher berichten, handelt es sich bei den Verlierern der letzten Jahrzehnte um Spezies, die kühlere Temperaturen und stehende Gewässer wie Sümpfe und Moore bevorzugen. Sie sind auf kleine oder flache Gewässer angewiesen, die durch Trockenheit und niedrige Grundwasserspiegel immer seltener werden. Die Folgen des Klimawandels machen diesen Spezies also offenbar zu schaffen. „Sie leiden sehr unter dem Rückgang ihrer Lebensräume“, sagt Bowler. Hier sehen wir noch immer große Herausforderungen für den Schutz und Erhalt dieser Habitate“.

Neben der Planung von Maßnahmen zur Verbesserung der Biodiversität sehen die Wissenschaftler auch Bedarf für weitere Forschungsarbeiten. Dabei betonen sie abschließend die wichtige Rolle von ehrenamtlichen Bürgerwissenschaftlern als Informationelle: „Unsere Studie unterstreicht den großen Beitrag, den das Engagement von Naturfreunden bei der Untersuchung des Vorkommens von Arten leisten kann“, sagt Senior-Autorin Aletta Bonn vom Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig.

Quelle: Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig, Fachartikel: Diversity and Distributions, doi: 10.1111/ddi.13274

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Ju|das|ohr  〈n. 27; unz.; Bot.〉 bräunlicher Ständerpilz mit schüssel– od. ohrenförmigem Fruchtkörper: Auricularia sambucina

Lan|de|an|flug  〈m. 1u; Flugw.〉 Anflug eines Luftfahrzeuges zur Landung

Ti|tan 2  〈n.; –s; unz.; chem. Zeichen: Ti〉 chemisches Element, weißes, hartes, glänzendes Metall, Ordnungszahl 22

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