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Warum fressen Meeresvögel Plastik?

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Der Blausturmvogel gehört zu den Seevögeln, die besonders haufig Plastik im Bauch haben (Foto: J.J. Harrison)
Wenn es wie Futter aussieht und noch dazu wie Futter riecht, dann muss es essbar sein – nach dieser Devise suchen viele Seevögel nach ihrer Nahrung. Genau dies jedoch wird ihnen zum Verhängnis. Denn wie Forscher herausgefunden haben, sendet der in den Ozeanen umherschwimmende Plastikmüll den für einige Vögel verlockenden Geruch nach Futter aus. Das könnte auch erklären, warum Albatrosse und Sturmvögel besonders viel Plastik im Bauch ansammeln: Sie lassen sich von diesem Duft leiten.

Unsere Ozeane sind vermüllt: Mehr als fünf Billionen Kunststoffpartikel verschiedenster Größe treiben in den Weltmeeren umher – und jedes Jahr kommen rund acht Millionen Tonnen Plastik hinzu. Das entspricht rund 15 prall gefüllten Tüten auf jedem Meter Strandlinie. Über Meeresströmungen werden Plastikreste und Mikroplastik-Partikel selbst in entlegenste Gebiete gespült, sie wurden in der Tiefsee ebenso wie in der Arktis gefunden. Das Verheerende daran: Meerestiere und besonders Seevögel sind durch den Plastikmüll akut bedroht. Sie verschlucken Tütenreste, Kunststoffschnüre oder kleine Plastikpartikel, weil sie sie für Futter halten. Anhand von Stichproben schätzen Biologen, dass heute bereits 90 Prozent aller Seevögel schon einmal Plastik im Bauch hatten. Besonders häufig betroffen scheinen dabei Albatrosse und Sturmvögel zu sein – aber warum? „Tiere haben normalerweise einen Grund für ihre Entscheidungen“, sagt Studienleiter Matthew Savoca von der University of California in Davis. „Wenn wir wirklich verstehen wollen, warum Tiere das im Meer treibende Plastik fressen, müssen wir darüber nachdenke, wie sie ihr Futter finden.“

Von Albatrossen und anderen Vertretern der Röhrennasen (Procellariiformes) ist bekannt, dass sie nicht nur auf Sicht jagen. Sie orientieren sich auch nach einem bestimmten Duftstoff, dem Dimethylsulfid (DMS). Im Meer entsteht diese Verbindung unter anderem, wenn Phytoplankton von kleinen Krebschen gefressen werden. Die Zerstörung der Algenzellen führt dazu, dass ein in ihnen enthaltener Vorgängerstoff zu DMS umgewandelt wird. Dieser Duftstoff steigt auf und zeigt den Meeresvögeln an, dass im Meer unter ihnen reichlich Krebschen zugange sind – und damit ein begehrtes Futter. Könnte es sein, dass auch das im Meer treibende Plastik diesen lockenden Geruch aussendet? „Wenn das Plastik von DMS-erzeugenden Organismen besiedelt wird, könnte es ebenfalls ein chemisches Profil entwickeln, das diese Vögel anlockt“, erklären Savoca und seine Kollegen. Um das zu untersuchen, setzten sie Plastikkügelchen aus drei verschiedenen gängigen Kunststoffen für drei Wochen dem Meerwasser vor der kalifornischen Küste aus. Anschließend extrahierten sie die entstandenen Duftstoffe und analysierten diese mittels Gaschromatografie.

„Olfaktorische Falle“

Es zeigte sich: Vor dem Kontakt mit dem Meerwasser geben die Kunststoffe zwar kein Dimethylsulfid ab, hinterher aber sehr wohl: „Wir haben DMS bei allen Plastikpartikeln unseres Versuchs nachgewiesen“, berichten die Forscher. Die Konzentration lag dabei zwischen 0,6 und 28 Mikrogramm DMS pro Gramm Plastik. „Das belegt, dass diese drei gängigen Kunststoffe nach weniger als einem Monat im Meer bereits ausreichend DMS abgeben, um von den Röhrennasen wahrgenommen zu werden.“ Der von den Plastikteilchen erzeugte Duft war sogar stärker als der von den Algen im Ozean abgegebene, wie die Wissenschaftler erklären. Es liege daher nahe, dass eine starke Verschmutzung des Meeres mit Plastikmüll geradezu anziehend auf Albatros und Co wirke. „Der Plastikmüll emittiert den Duft eines Signalstoffs und erzeugt so eine olfaktorische Falle für anfällige Meerestiere“, sagen Savoca und seine Kollegen.

Könnte dieser Effekt erklären, warum manche Seevögel mehr Plastik fressen als andere? Um das herauszufinden, führten die Wissenschaftler eine ergänzende Untersuchung durch. Sie werteten dafür Studien aus, die die Menge und Häufigkeit von Plastik im Bauch von insgesamt gut 13.000 verschiedenen Seevögeln untersucht hatten. Das Ergebnis: Die Meeresvögel, die sich bei ihrer Futtersuche an Dimethylsulfid orientieren, hatten sechs Mal häufiger Plastik im Bauch als rein auf Sicht jagende Vögel. „Man nimmt oft an, dass Meerestiere den Plastikmüll fressen, weil er aussieht wie ihre Beute. Aber unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass auch chemische Signale zu diesem irregeleiteten Fressverhalten beitragen“, konstatieren Savoca und seine Kollegen. Vor allem die nach Geruch jagenden Albatrosse, Sturmvögel und Sturmschwalben sind demnach besonders anfällig dafür, auf diesen falschen Lockstoff hereinzufallen.

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Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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