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Warum Kinder Tiere so lieben: Schon mit sechs Monaten unterscheiden sie lebende Wesen von toten Gegenständen

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Wenn etwas ein Gesicht hat, wird es von Kindern sofort als lebendes Wesen erkannt
Bereits ab dem sechsten Lebensmonat können Säuglinge Tiere von unbelebten Objekten unterscheiden. Dinge, die sich eigenständig bewegen und ein Gesicht haben, ziehen bei den Kleinen besondere Aufmerksamkeit auf sich. Eine Neugierde, die zu einem Teil in der Evolution begründet liegt und angeboren sein dürfte. Die Heidelberger Forscherin Sbaina Pauen untersucht seit einigen Jahren, wie Kinder und Säuglinge Objekte, insbesondere auch Tiere, wahrnehmen.

„Ist ein Igel ein Kaktus oder ein Tier?“, möchte der dreijährige Niklas wissen. Die stachelige Kugel vor seinen Augen rührt sich nicht. Sie zeigt weder ein Gesicht noch Beine. Genau wie der Schwiegermuttersessel im Gewächshaus. Aber die Gestalt zu Niklas Füßen ist ein Igel. Hätte sich der stachlige Geselle von der Stelle bewegt und sein Gesicht nicht versteckt, sondern den Besucher neugierig beäugt, dann wäre für Niklas alles klar gewesen: Es ist ein Tier, natürlich, und sein Interesse wäre sicher geweckt gewesen.

„Kinder können prinzipiell bereits ab dem sechsten Lebensmonat unbelebte Objekte von lebendigen unterscheiden“, sagt Sabina Pauen, Professorin für Bio- und Entwicklungspsychologie an der Universität Heidelberg. In einem Experiment testete sie, ob Kinder Möbel von Tieren unterscheiden können. Die Kinder erhielten dazu unterschiedliche Möbelstücke aus einem Puppenhaus, mit denen sich die Kleinen jeweils 20 Sekunden lang beschäftigen konnten. Pauen beobachtete, wie lange die Blicke der Babys auf dem Objekt verweilen und beobachtete folgendes Muster: Am Anfang ist die Neugierde groß. Genau gucken die Kleinen an, was sie in Händen halten. Doch nach Sessel, Schrank und Kommode kommt allmählich Langeweile auf. Immer kürzer beachten die Kinder die Gegenstände. Sie sind ja offenbar alle ähnlich. Doch dann taucht eine kleine Giraffe aus Holz auf, die Babys sind wieder hoch interessiert.

„Die Mehrzahl der Kinder erkennt die Spielzeuggiraffe als Tier und reagiert mit großer Aufmerksamkeit“, berichtet Pauen. Die Kinder bemerken durchaus, dass es sich nicht um ein echtes Tier handelt, sondern um die Darstellung eines Tieres. Es sind bestimmte Körpermerkmale, die den Kindern signalisieren, dass dieses oder jenes Objekt ein lebendiges Wesen oder das Abbild eines solchen ist. „Beine, ein Gesicht, Flügel und natürlich Bewegung sind solche Merkmale“, sagt Pauen.

Schon Säuglinge achten besonders auf diese Eigenschaften. Die Kleinen betrachten beispielsweise Gesichter besonders ausgiebig. Sechs Monate alte Babys können sogar die Gesichter von Affen unterscheiden. Diese Gabe geht mit dem Erwachsenwerden wieder verloren. Hat ein Objekt nicht nur ein Gesicht, sondern kann sich auch bewegen, wird die Angelegenheit für die Kinder hochspannend. „Vor allem unvorhersagbare, nichtlineare Bewegung im Raum macht Kinder neugierig“, so Pauen. Viel interessanter als das regelmäßige Auf und Ab eines Mobiles sind daher beispielsweise zwei Affen im Zoo, die miteinander balgen.

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„Diese Präferenz für Bewegung und Gesichter hat ihre Gründe in der Evolution. Die Kinder müssen sich in der Welt zurechtfinden und wissen, ob ein Objekt auf sie zukommen kann und ob es gefährlich ist“, erklärt Pauen. Gesichter verraten am ehesten die Gefühle und Absichten des Gegenübers: Freund oder Feind, gut gelaunt oder zornig. Wenn ein Objekt sich obendrein bewegen kann, so kann es den Kindern auch nahe kommen. Es kann mit ihnen spielen, sie aber vielleicht auch verletzen. Ob Spieltrieb oder Gefahr: Kinder reagieren auf sich bewegende Tiere teils mit Respekt, teils mit Neugierde, aber stets mit großer Aufmerksamkeit. Sie lassen ihr Gegenüber nicht aus den Augen.

Obwohl heutzutage auch zahlreiche unbelebte Objekte komplexe Bewegungen ausführen, etwa Autos oder Flugzeuge, scheinen Kinder relativ treffsicher die Ursache von Bewegung erkennen zu können. So zeigten die Heidelberger Psychologen Kindern ein wurmartiges Tier, das mehrfach einen Ball anstupst und diesem unmittelbar hinterherläuft. In einer späteren Szene liegen Ball und Tier dagegen regungslos und getrennt voneinander da. An der Länge der Blicke können die Forscher erkennen, dass die Kinder von dem wurmartigen Gebilde eine Bewegung erwartet. Die Mehrzahl der Kinder starrt es an und wirft zwischendurch kurze Kontrollblicke zum Ball hinüber. Kein Wunder also, dass die Kinder im Gewächshaus sofort zu dem Teich mit den Goldfischen und Schildkröten flitzen, während sich die Erwachsenen lange an der Schönheit der Orchideen aufhalten können.

ddp/bdw – Susanne Donner
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