Warum man mit der richtigen Hand nach der Türklinke greift - wissenschaft.de
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Warum man mit der richtigen Hand nach der Türklinke greift

Ein heftiger Wettbewerb im Gehirn sorgt dafür, dass Bewegungen zur richtigen Zeit korrekt ausgeführt werden. Wer beispielsweise eine Türklinke sieht, startet damit unbewusst einen Wettkampf zwischen einer ganzen Reihe verschiedener, im Gehirn hinterlegter Bewegungsprogramme, die alle zu leicht unterschiedlichen Bewegungsabläufen führen. Aus diesem Wettkampf geht schließlich das Konzept als Sieger hervor, dessen Bewegungsablauf am besten passt. Dieses Programm wird anschließend nach dem Prinzip „alles für den Sieger“ vom Gehirn unterstützt, während die Verlierer gezielt unterdrückt werden, damit man nicht neben die Klinke greift.

Die Ausrichtung einer Türklinke ist eigentlich eine sehr präzise Information, die theoretisch nur eine gezielte Handlung auslösen sollte ? nämlich den Griff mit der richtigen Hand nach der Klinke. Für das Gehirn gestaltet sich die Sache jedoch komplexer: Zwar aktiviert die Klinke beim Wahrnehmen tatsächlich nur einige wenige Nervenzellen. Diese sind jedoch in eine Hierarchie eingebettet und müssen ihre Informationen an die nächsthöhere Ebene weiterleiten. Dort reagieren jeweils mehrere Zellen auf ein Signal, so dass sich die Anzahl der zuständigen Nervenzellen erhöht. Da auch diese Zellen wieder an eine höhere Ebene berichten, wo dann noch mehr Hirnzellen anspringen, entsteht eine regelrechte Aktivierungskaskade. So kommt eine Art Unschärfe zustande, die schließlich statt einer einzigen eine ganze Reihe potenziell passender abgespeicherter Bewegungsabfolgen aktiviert.

Ein ähnliches Unschärfeproblem gibt es auch bei der visuellen Wahrnehmung. Loach und sein Team vermuteten daher, dass es bei der Bewegungssteuerung wie beim Sehen ein Kontrollsystem im Gehirn geben könnte, das das richtige Programm fördert und die unpassenden unterdrückt. Um das zu testen, zeigten sie einigen Freiwilligen jeweils zwei aufeinanderfolgende Bilder von Türklinken, die zwar in die gleiche Richtung zeigten, jedoch in leicht versetzten Winkeln zwischen 0 und 60 Grad zueinander orientiert waren. Die Probanden sollten je nach Material der zweiten Klinke entweder mit der rechten oder mit der linken Hand eine Taste drücken.

Das Ergebnis: Waren die Klinken gleich orientiert, reagierten die Testteilnehmer mit der Hand schneller, die sie auch zum Öffnen benutzt hätten. War die Orientierung hingegen etwas abweichend, war diese Hand sogar langsamer als die, mit der keiner die Tür aufmachen würde. Das zeige deutlich, dass schon der Anblick der ersten Klinke den Wettkampf zwischen den einzelnen Programmen lostrete und auch der Sieger bereits gekürt sei, bevor die zweite Klinke erscheine. Passt deren Orientierung dann nicht zum Siegerprogramm, verlangsamt sich die Bewegung, weil alle anderen Alternativen unterdrückt werden. Die Ergebnisse zeigen, wie das Gehirn die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Bewegung überwindet und könnten in Zukunft helfen, Wahrnehmungsstörungen etwa bei Autismus und Schizophrenie besser zu verstehen.

Daniel Loach (Macquarie-Universität, Sydney) et al.: Psychological Science, Bd. 19, Nr. 12, S. 1253 ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel
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