Was bringen Meeresschutzgebiete für die Artenvielfalt? - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Umwelt+Natur

Was bringen Meeresschutzgebiete für die Artenvielfalt?

Fischerboot
Fischerboot im Mittelmeer. (Bild: pixelio/ Klaus Steves)

Wenn es um den Schutz der Ozeane geht, spielen Meeresschutzgebiete eine wichtige Rolle. Sie sollen Refugien für die Meeresbewohner schaffen und so die marine Artenvielfalt erhalten. Was solche Schutzgebiete konkret für die Artenvielfalt der Fische bringen, haben nun Forscher im Mittelmeer untersucht. Dabei zeigte sich ein interessanter Effekt: In Schutzgebieten stieg nicht nur die Zahl der Fische insgesamt, auch die Biodiversität und die relative Balance der Arten untereinander entwickelte sich positiv.

Meeresschutzgebiete werden meist mit dem Ziel angelegt, die biologische Vielfalt und vor allem seltene und bedrohte Meeresbewohner zu schützen. Gleichzeitig sollen solche Areale auch dazu dienen, den vielerorts stark überfischten Fischarten ein Refugium zu bieten. Tatsächlich belegen Untersuchungen, dass die Häufigkeit und die Biomasse mariner Tierarten in Meeresschutzgebieten ansteigt.

Effekt auf die Artenvielfalt bisher strittig

Weniger klar aber ist der Effekt solcher Schutzgebiete auf die marine Artenvielfalt: Profitiert die Biodiversität davon, wenn ein Meeresareal von der Fischerei ausgenommen wird oder nur sehr eingeschränkt befischt werden darf? Bisher waren die Belege für eine Zunahme der biologischen Vielfalt durch einen solchen Schutzstatus nicht eindeutig. Theoretisch gehen Biologen davon aus, dass sich eine größere Häufigkeit von Fischen insgesamt auch positiv auf die Vielfalt auswirkt. Weil Speisefische zudem meist zu den Prädatoren im Meeresökosystem gehören, müsste sich eine Erholung ihrer Bestände ausgleichend auf die Fischarten der unteren Ebenen der Nahrungskette auswirken: Weil die Räuber vermehrt die häufigsten Beutefischarten erhaschen, gleichen sich die Häufigkeiten dieser Fische im Laufe der Zeit aus – die relativen Anteile der Arten werden einheitlicher.

Soweit die Theorie. Ob sich dies auch in der Praxis nachweisen lässt, haben nun Shane Bowes vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig und seine Kollegen im Mittelmeer untersucht. Dieses ist eines der am stärksten vom Menschen beeinflussten und befischten Meeresgebiete weltweit. Aktuell sind 6,5 Prozent des Mittelmeeres als Schutzgebiete mit unterschiedlichem Schutzniveau ausgewiesen. Allerdings sind die Fischerei und jede andere Entnahme von marinen Ressourcen nur in einem Prozent des Meeres komplett verboten. Die Forscher haben nun die Artenvielfalt in 43 geschützten und 41 normal befischten Standorten im nördlichen Mittelmeer untersucht. Dabei verglichen sie die Anzahl der Individuen, die relative Häufigkeit der Arten und ihre Verteilung innerhalb und außerhalb der Schutzgebiete miteinander.

Mehr Spezies und ausgeglichenere Häufigkeiten

Die Auswertungen ergaben: Der Meeresschutz hat tatsächlich einen großen Einfluss auf die biologische Vielfalt. Allerdings profitieren seltene und häufige Arten in unterschiedlichem Ausmaß davon. Am besten erholen sich demnach die Bestände von häufigen und stark befischten Fischarten – ihre Häufigkeiten und Artenzahlen steigen sowohl in den einzelnen Schutzgebieten als auch insgesamt über alle Schutzgebiete hinweg, wie Bowes und sein Team berichten. Bei seltenen Fischspezies verändert sich die Biodiversität dagegen in deutlich geringerem Maße.

Anzeige

Meeresschutzgebiete wirken aber auch auf die relativen Anteile der einzelnen Arten und damit auf die sogenannte „Evenness“ der Biodiversität, wie die Forscher feststellten. Die Evenness beschreibt, wie groß die Häufigkeitsunterschiede zwischen verschiedenen Spezies in einem Ökosystem sind. Für die Schutzgebiete im Mittelmeer zeigte sich, dass sie tatsächlich einen ausgleichenden Effekt auf die relativen Häufigkeiten verschiedener Fischarten haben. Bowes und seine Kollegen führen dies darauf zurück, dass sich vor allem die Bestände der anderswo stark überfischten Raubfische gut erholen. „Weil Prädatoren sich auf die häufigsten Beutearten konzentrieren, beeinflusst ihre größere Häufigkeit die Dichten der besonders zahlreichen Beutearten überproportional stark“, erklären die Forscher. Das Ergebnis ist sind dann weniger starke Unterschiede zwischen den einzelnen Fischarten.

Nach Ansicht der Wissenschaftler deuten ihre Ergebnisse insgesamt darauf hin, dass Meeresschutzgebiete dabei helfen können, der biologischen Verarmung des Ozeans entgegenzuwirken. Besonders effektiv aber seien solche Maßnahmen, wenn Schutzgebiete miteinander vernetzt werden, denn dies könne positive Synergieeffekte hervorrufen: „Diesen Netzwerkeffekt haben wir in Gebieten festgestellt, die unabhängig voneinander ausgewiesen wurden“, erklärt Bowes. „Sie wurden also nicht unbedingt mit dem Hintergedanken angelegt, ein Netzwerk zu ergeben. Es wäre daher interessant herauszufinden, ob ähnliche Muster auch bei einem Netzwerk von Schutzgebieten auftreten, das mit einer bestimmten Zielstellung angelegt wurde.“

Quelle: Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig; Fachartikel: Journal of Applied Ecology, doi: 10.1111/1365-2664.13549

Anzeige

natur | Aktuelles Heft

Reizvolle Regionen

Aktueller Buchtipp

natur-Sonderausgabe 2020

Das Insekt und sein Mensch
Von unseren Beziehungen zu den Krabbeltieren

Anzeige

Grünstoff – der Medientipp des Monats

Serie: Hervorragend – Junge Menschen und ihr Engagement

Wissenschaftslexikon

Kaus|ti|kum  〈n.; –s, –ti|ka; Med.〉 Ätzmittel [<lat. causticum; ... mehr

Spur  〈f. 20〉 1 Abdruck von Füßen, Rädern, Skiern usw. im Boden od. Schnee (Fuß~, Rad~, Schlitten~, Wagen~) 2 Fährte, Tritt ... mehr

grö|ßen|wahn|sin|nig  〈Adj.〉 1 〈Psych.〉 an Größenwahn leidend; Sy megaloman ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige