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Was Gibbons flüstern

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Ein Weißhandgibbon beim Rufen (Esther Clarke)
Gibbons sind bisher eher für ihre lauten Rufe bekannt. Die baumbewohnenden Menschenaffen liefern sich im Dschungel sogar regelrechte Brüllduelle mit Nachbar-Clans. Doch sie beherrschen auch die ganz leisen Töne: ein kaum hörbares „Flüstern“. Was dieses Geflüster bedeutet und wann die Gibbons es einsetzen, haben Forscher nun durch intensives Belauschen der Tiere im thailändischen Dschungel herausgefunden. Wie sich dabei zeigte, kommunizieren die Gibbons mit ihrem Flüstern erstaunlich konkrete Informationen.

Die in Familiengruppen zusammenlebenden Gibbons (Hylobates lar) sind nicht gerade zurückhaltend in Bezug auf ihre akustische Kommunikation: Schon morgens früh erschallen ihre lauten Rufe durch den Regenwald Südostasiens. An ihnen lassen sich die verschiedenen Gibbons unterscheiden, aber auch die einzelnen Familien. Bereits vor einigen Jahren fanden Forscher heraus, dass die Gibbons dabei verschiedene Varianten dieser Gesänge von sich geben: Im „Morgenduett“ mit benachbarten Paaren nutzen sie andere Tonfolgen als bei Fernrufen, die vor Raubtieren warnen sollen. Seit den 1940er Jahren weiß man zudem, dass auch sehr leise Laute zum Gibbon-Repertoire gehören. Diese sogenannten „Hoos“ konnten jedoch wegen ihrer geringen Lautstärke kaum aufgezeichnet  und daher auch nicht näher analysiert werden. Es blieb daher unklar, wie variantenreich diese Laute sind und auch, in welchen Situationen die Tiere sie äußern.

Esther Clarke von der Durham University und ihre Kollegen haben dies nun im Dschungel von Nordost-Thailand untersucht. Vier Monate lang folgten sie dort Gibbons von morgens an bis zu deren Einschlafen in ihren Schlafnestern und zeichneten dabei ihr „Flüstern“ auf. Gleichzeitig notierten sie, in welchen Situationen die Affen diese Laute ausstießen. Insgesamt erhielten sie so 4.500 einzelne Hoo-Aufnahmen. Mit einer speziellen Software werteten sie aus, inwieweit bestimmte Hoo-Formen mit bestimmten Situationen verknüpft waren.

Warnflüstern gegen Raubtiere

Und tatsächlich: Die Gibbons kommunizierten mit ihren Hoo-Lauten sehr zuverlässig bestimmte Informationen, wie die Forscher berichten. So gab es bestimmte Hoos, die nur bei der Futtersuche geäußert wurden, andere signalisierten die Annäherung von Nachbarn oder waren an den Partner gerichtet. Interessanterweise nutzten zwar beide Gibbongeschlechter die Hoo-Laute, die Weibchen flüsterten dabei aber mit tieferer Stimme als die Männchen. Das ist überraschend, weil es bei den Säugetieren – wie auch bei uns Menschen – normalerweise genau umgekehrt ist. Warum bei den Gibbons die Damen eine tiefere Stimmlage nutzen, ist bisher unbekannt.

Besonders auffallend aber waren die leisen Laute, die die Gibbons in der Präsenz von Raubtieren von sich gaben: Je nachdem, ob die Affen einen Greifvogel, einen Leoparden, einen Tiger oder eine Python vor sich sahen, nutzten sie einen anderen Hoo-Laut. Bei Sichtung eines Greifvogels fiel das Warnflüstern besonders leise, tief und kurz aus. Diese Hoos lagen immer unter einer Frequenz von einem Kilohertz und damit unter dem Tonbereich, in dem die Vögel am besten hören, wie Clarke erklärt. Dadurch können die Gibbons ihre Artgenossen warnen, ohne dass der Greifvogel sie dabei hört. Die Warnlaute von Tiger und Leopard waren sich sehr ähnlich, vermutlich fassen die Affen sie einfach unter „große, gefährliche Katze“ zusammen.

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„Diese Affen sind außergewöhnlich vokale Kreaturen“, sagt Clarke. „Sie geben uns die seltene Möglichkeit, die Evolution komplexer vokaler Kommunikation bei einem nichtmenschlichen Primaten zu studieren.“ Denn Forscher gehen davon aus, dass auch unsere fernen Vorfahren zuerst einfache Laute nutzten, um ihre Artgenossen auf etwas hinzuweisen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dieser referenziellen Kommunikation dann die menschliche Sprache.

Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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