Was macht eigentlich der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson? - wissenschaft.de
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Was macht eigentlich der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson?

Edward O. Wilson könnte sich mit seinen 83 Jahren auf den Lorbeeren seiner vielseitigen Karriere ausruhen. Doch stattdessen gibt er noch einmal den Bilderstürmer.

Es ist ein sonderbarer Geruch. Eine Mischung aus Naphthalin und einer Spur Alkohol erfüllt den schmalen, von Neonröhren erhellten Gang im vierten Stock des Museums für Vergleichende Zoologie an der Harvard University. Er dringt aus grauen Metallschränken, die verschlossen am Rand des Korridors stehen, und hinter einer unscheinbaren Türe hervor, die eine ungewöhnliche Totenstadt verbirgt: die größte Ameisenkollektion der Welt, über 7000 Arten – in flachen, breiten Holzschubladen wie eine Armee Reihe für Reihe aufgespießt und mit kleinster Schrift auf Kärtchen identifiziert. Einige von ihnen tragen den Namen ihres heimlichen Königs Wilson.

Die Tür steht offen, wie von Edward O. Wilsons langjähriger Assistentin Kathleen Horton angekündigt. Ein Raum mit einem Konferenztisch, Regale gefüllt mit Fachliteratur, Ameisen aus Bronze und Holz, eine Skulptur mit Blattschneiderameisen. Und dann kommt der große Forscher selbst. Sein Gang ist leicht nach vorne gebeugt, womöglich von dem über Jahrzehnte auf dem Boden nach Ameisen suchenden Blick. Aus seiner Hemdtasche ragt ein Brillenetui. „Hello“, sagt er und bietet einen Stuhl an. Seine Assistentin bringt Plastikflaschen mit Wasser – wer viel redet, muss auch viel trinken. Und Wilson, mit dem leichten Akzent des im Süden der USA aufgewachsenen Amerikaners, erzählt viel die nächsten 3 Stunden und 40 Minuten.

Eines Ihrer letzten Bücher handelt von Alabama: der „ Ameisenroman“, erschienen 2010. Es ist reichlich ungewöhnlich, mit 80 Jahren noch als Prosaautor zu debütieren. Wie kam es dazu?

Einer der Gründe ist, dass ich gelernt habe: Menschen respektieren Sachbücher zwar, aber sie lesen lieber Romane.

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Einer der Hauptakteure in dem Roman ist ein Ameisenhaufen.

Ja, das war neu. Ich wollte die Natur nicht nur als Kulisse einer Handlung haben, sondern eigenständig auftreten lassen. Ich habe gehofft, dem Leser auf diese Weise die Natur im Detail näher bringen zu können.

Das ist Ihnen offenbar gelungen. Der Roman war ein Bestseller in den Vereinigten Staaten.

Ja, das war erfreulich. Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum ich diese Geschichte erzählt habe: meine Kindheit. Ich wollte nach Hause.

Das ist Ihnen doch unbenommen, da brauchen Sie doch keinen Roman zu schreiben.

Sehen Sie, ich lebe seit über 50 Jahren in Cambridge an der Harvard University, im Grunde nach wie vor im Exil. Ich bin zwar in den letzten Jahren immer wieder in die Stadt Mobile in Alabama gereist, wo ich die wichtigsten Jahre meiner Kindheit verbracht habe, doch die Welt dort hat sich verändert. Der Roman war eine Möglich-keit, in der Heimat meiner Kindheit zumindest im Geiste noch einmal zu leben. Und außerdem wollte ich meiner Heimatstadt einen Roman schenken – den hatte sie nämlich noch nicht.

Woran denken Sie, wenn Sie sich an Ihre Kindheit erinnern?

Es gibt prägende Bilder. Eine Qualle am Paradise Beach in Pensacola, Florida, in Alabama ein Schwalbenschwanzschmetterling oder eine Zwergklapperschlange. Und natürlich Ameisen, viele Ameisen. Diese Erinnerungen sind immer noch sehr lebendig.

Ein prägendes und zugleich tragisches Erlebnis war wohl ein Barsch …

Richtig, oder vielmehr: ein barschähnlicher Fisch. Lagodon rhomboides, wenn Sie es genau wissen wollen. Als ich mit sieben Jahren beim Angeln war, biss eines dieser Exemplare an, ich zog zu fest an der Angel, der Fisch flog am Haken aus dem Wasser – und verletzte mit einem Stachel die Pupille meines rechten Auges. Seither ist mein räumliches Sehen eingeschränkt – aber in der Nähe sehe ich sehr gut. Ich habe übrigens als Kind auch das Hörvermögen für die oberen Tonlagen verloren, vermutlich wegen eines genetischen Defekts – und deshalb schieden Vögel und Frösche als Studienobjekte für mich aus. All das war Glück im Unglück, denn mir blieb nicht viel anderes übrig, als Insekten zu studieren. Und da begeisterte ich mich schon bald für Ameisen.

Wie sehen denn Ihre ersten Erinnerungen an Ameisen aus?

Pensacola, Florida, 1935 – ich war gerade sechs Jahre alt. Auf dem Bürgersteig vor dem Haus meiner Eltern sehe ich noch lebhaft Löwenameisen vor mir – wenn man sie zertritt, verströmen sie einen sehr einprägsamen Geruch. Ich bin ein paar Mal an diesen Ort zurückgekehrt, aber diese Ameisenart ist dort verschwunden, jetzt finden sich dort Ameisen der Gattung Pheidole. Ich weiß auch noch genau, dass ich mit neun Jahren Ernteameisen in einem Glas mit Sand hielt – so konnte ich sie beim Graben beobachten.

Sie hatten also eine intensive Insektenphase?

Ja, und sie hat im Grunde nie aufgehört. Offensichtlich hat mich das stärker beeinflusst als andere Kinder – denn diese Erlebnisse haben meinen Lebensweg bestimmt.

Mit der Wahl der Ameisen hatten Sie Glück – heute gelten die Tiere als Modellorganismus für viele biologische Fragen.

Es war Zufall – und auch nicht. Ameisen sind schließlich überall. Sie machen nur etwa 2 Prozent aller Tierarten aus, aber 80 Prozent der Biomasse der Insekten und 20 Prozent aller Tiere weltweit. Zudem sind sie extrem spannend. Jede Ameisenart hat ihre eigenen Verhaltensweisen, jede ist wie eine eigene Zivilisation.

Und sie halfen Ihnen, über die soziale Organisation bei Tieren nachzudenken? Sicher. Nach meiner Erfahrung gibt es für jeden Organismus eine Frage, auf die er selbst die Antwort ist. Und die Ameisen haben das soziale Leben womöglich schon vor 120 Millionen Jahren erfunden. Sie sind deshalb die ideale Art, um zu verstehen, wie dank der Evolution soziale Arten entstanden sind.

Anfang der 1960er-Jahre sitzt Edward O. Wilson arglos in einer Fakultätsbesprechung des Biologie-Departments an der Harvard University und schlägt vor, die Zahl der Evolutionsbiologen zu verdoppeln – von einem, Wilson selbst, auf zwei Professoren. Und er hat auch eine Idee, wer dafür geeignet wäre. Doch kaum hat er die Verdienste des von ihm favorisierten Kandidaten vorgetragen, sagt James Watson, wie Wilson sich in seiner Autobiografie erinnert, „mit sanfter Stimme: ‚Sind Sie nicht recht bei Trost?‘ „

Watson ist nicht irgendwer. 1953 hat er, gerade 25 Jahre alt, zusammen mit Francis Crick an der britischen Cambridge University einen epochalen Fund gemacht. Die beiden entdeckten die Doppelhelix-Struktur der DNA, die Struktur des Erbmoleküls, das allem Leben zugrunde liegt. Und Watson ist kein Fan Wilsons. Das hat zwei Gründe. Der eine ist grundsätzlicher Natur: In Watsons Augen sind, damals jedenfalls, Fragen der Evolutionsbiologie weitgehend irrelevant – in einem Zeitalter, in dem Wissenschaftler die Geheimnisse der Zellen und Moleküle entschlüsseln. Wilsons Art, Biologie zu betreiben, wozu das Studium der Anatomie und Artenklassifikation gehört, hält er für bloße „Briefmarkensammelei“. Die Abneigung hat allerdings auch einen persönlichen Hintergrund. 1959 stand Wilson kurz davor, sich von Harvard zu verabschieden. Er hatte an der Elite-Universität promoviert und wenig später eine Dozentenstelle erhalten. Doch dann lockte ein Angebot der Stanford University in Kalifornien. Wilson war schon entschieden, da beeilte sich Harvard, dem großen Talent ein Gegenangebot zu machen und bot ihm eine unkündbare Professur an.

Dafür hatte die Hochschule gute Gründe: Wilson hatte sich nicht nur als hervorragender Taxonom hervorgetan, als Entdecker etlicher neuer Ameisenarten. Gemeinsam mit seinem Harvard-Kollegen William Brown hatte er außerdem eine Kontroverse um den Begriff der Unterart angestoßen und das Phänomen der Merkmalsverschiebung entdeckt: Zwei Arten entwickeln in einem Ökosystem immer größere Unterschiede. Damit verringern sie den Konkurrenzdruck und vermeiden es, sich miteinander zu vermischen.

In der Eile hatte die Harvard-Verwaltung aber nicht bedacht, wie das Angebot auf die Eitelkeit des ein Jahr älteren Kollegen und damaligen Superstars der Molekularbiologie James Watson wirken würde. Der war zu der Zeit ebenfalls noch Assistenzprofessor und wartete auf die Ernennung zum Professor auf Lebenszeit. Und es war klar, dass Watson und Crick früher oder später den Nobelpreis erhalten würden. (Sie bekamen ihn wenig später, 1962, gemeinsam mit dem Röntgenphysiker Maurice Wilkins.) Als die Universitätsverwaltung den Fehler bemerkte, beeilte sie sich, auch Watson ein Angebot zu machen.

Doch der Schaden war schon angerichtet. Wilson und Watson grüßen sich in der Folge kaum noch, was der im Südosten der USA geprägten Höflichkeit Wilsons zutiefst widerstrebt. Doch angesichts des Dauerstreits um die Vorherrschaft in der Biologie lässt letztlich auch Wilson seine Contenance fahren. Watson sei die „unangenehmste Person“, die er je getroffen habe, sagt er. In seiner Autobiografie nennt er ihn gar den „Caligula der Biologie“ . Und als Watson 1968 Direktor des Cold Spring Harbor Laboratory auf Long Island wurde, ätzte Wilson: „Ich würde ihm nicht einmal einen Limonadenstand anvertrauen.“ Dennoch gibt Wilson rückblickend zu: „Ich bewunderte ihn immens. Und ich hoffte, Leistungen zu vollbringen, die der seinen nur entfernt nahe kommen würden.“

Erst in den 1970er-Jahren, als Wilson wegen seines Buchs „ Soziobiologie“ von marxistisch gesinnten Wissenschaftlern angefeindet wird, begraben die beiden Koryphäen das Kriegsbeil. „ Ich hasste Eds Feinde“, erinnert sich Watson an diese Zeit. Außerdem fanden nach zwei, drei Jahrzehnten auch die Disziplinen der Molekular- und systematischen Biologie zusammen: Genetische Analysen gaben den Systematikern die Werkzeuge an die Hand, die Evolution von Organismen in bislang nie gekanntem Detail nachzuzeichnen.

Im Jahr 1975 veröffentlichten Sie das 700-Seiten-Werk „ Soziobiologie“, das rasch zum kontrovers diskutierten Klassiker aufstieg. Worum geht es in dem Werk?

Die Soziobiologie untersucht systematisch die biologischen Grundlagen allen sozialen Verhaltens. Ich hatte bereits in den 1950er- Jahren mit meinem Kollegen Stuart Altmann Makaken-Gesellschaften beobachtet – und war beeindruckt, wie sehr ihr Verhalten dem des Menschen ähnelte. Damals war die Zeit noch nicht wirklich reif für eine solche Revolution der Wissenschaft. Aber über die Jahre gewannen Biologen eine tiefere Einsicht in die Evolution sozialer Arten und deren Geschick, sich an ihre Umwelt anzupassen. Und es wurde klar, dass das, was wir beim Menschen „Instinkt“ nennen, auf genetischen Prädispositionen beruhen muss – vom Temperament bis hin zu kognitiven Fähigkeiten. Und deshalb handelt in dem Buch „Soziobiologie“ das letzte Kapitel vom Menschen.

Dieses Kapitel stieß auf wenig Gegenliebe.

Ich hatte vor der Veröffentlichung durchaus Debatten erwartet, aber nicht solch wilde Anfeindungen. Die Aufregung über das Buch hielt lange an – doch es ging da nicht um Wissenschaft, sondern um Politik. Marxisten sahen die Biologie mit großer Skepsis, denn sie wollten den Menschen nach ihrer Theorie frei gestalten, da waren durch die Biologie auferlegte Einschränkungen wenig willkommen.

Was passierte damals denn genau? Können Sie ein Beispiel für die Anfeindungen nennen?

Der Höhepunkt kam in meinen Augen über zwei Jahre nach der Veröffentlichung, im Februar 1978. Damals hielt ich während des Jahrestreffens der AAAS, der „American Association for the Advancement of Science“, einen Vortrag über Soziobiologie. Demonstranten der Gruppe „International Committee Against Racism“ hatten damals beschlossen, an mir ein Exempel zu statuieren. Als ich den Vortrag beginnen wollte, störten die Aktivisten lautstark und schütteten mir Wasser übers Haupt. Kurz nachdem das geschehen war, ging mir auf, wie bemerkenswert diese Dusche war. Ich glaube, es war das erste Mal in jüngerer Zeit, dass ein Wissenschaftler für eine Idee körperlich attackiert wurde.

Und Ihr Vortrag?

Den hielt ich nass, aber unbeirrt.

Sie waren auch Angriffen anderer Biologen ausgesetzt?

Ja, daran erinnere ich mich aber weniger gerne. Meine Harvard-Kollegen, die Biologen Stephen Jay Gould und Richard Lewontin, veröffentlichten bald nach der Publikation meines Buchs gemeinsam mit anderen Forschern einen Brief in der Zeitschrift „ New York Review of Books“. Darin behaupteten sie, genetische Grundlagen gäbe es nur für Essen, Stuhlgang und Schlaf. Das ist natürlich hanebüchen, wäre aber noch erträglich gewesen. Aber sie brachten in dem Schreiben meine Thesen in Zusammenhang mit den Gaskammern des Dritten Reichs. Das ging eindeutig zu weit.

Gab es damals keine Aussprache?

Möchte man meinen, zumal Lewontins Büro nur ein Stockwerk unter meinem lag. Da hätte er problemlos die Treppe hochsteigen können, um seine sachlichen Einwände mit mir zu diskutieren. Stattdessen gab es diesen Brief.

Und kam es nie zur Aussöhnung?

Gould ist inzwischen verstorben, Lewontin und ich nicken uns flüchtig zu, wenn wir uns auf dem Campus treffen, das ist alles. Aber eines ist klar: Die Debatte habe ich gewonnen – und wie! Um die Frage, wie das genetische Erbe menschliches Handeln beeinflusst, kreisen heute nur noch wissenschaftliche, keine ideologischen Debatten mehr.

Wilson plagt ein Albtraum: Auf einer Insel im Südpazifik steht er kurz davor, wieder abzureisen, aber mit Schrecken stellt er fest, dass er die Natur des Eilands noch nicht wirklich erforscht hat. Doch als er nach ihr Ausschau hält, sieht er überall nur Städte, Dörfer und Felder. Nur im Norden, am Horizont, erkennt er einen Hügelzug, auf dem es noch Reste der ursprünglichen Fauna und Flora zu geben scheint. In einem Auto rast er dorthin. Er sucht verzweifelt auf einer Land- karte nach der Zufahrtsstraße zu dem unberührten Flecken Urwald, doch gerade als er meint, die richtige Abzweigung gefunden zu haben, ist die Zeit abgelaufen. Er wacht auf.

Dieser Albtraum sucht den Evolutionsbiologen Ende der 1970er-Jahre mehrmals heim. Und er versteht, dass er etwas tun muss. Er sieht Gefahren heraufziehen für jene einzigartigen Orte, die er auf Expeditionen besucht hat: den Amazonasdschungel beispielsweise mit den von ihm bewunderten Blattschneiderameisen.

Die Königin eines Staates dieser Ameisen setzt allein mehr als 100 Millionen Arbeiterinnen in die Welt. Das Kastensystem besteht aus Gärtnern, Soldaten, Lastträgern und den buchstäblichen Blattschneidern – ein „Superorganismus“, wie Wilson es nennt. Er denkt aber auch an die Huon-Halbinsel in Papua-Neuguinea, auf der man den Kaiserparadiesvogel beobachten kann, den wohl schönsten Vogel der Welt – benannt übrigens nach dem letzten deutschen Kaiser, Wilhelm II. Und er erinnert sich an den Tropenwald Surinams an der Nordküste Südamerikas, den er 1961 als „ biologischen Mahlstrom“ kennenlernte. Inzwischen walzen ihn Bulldozer nieder.

Den letzten Anstoß zu handeln gibt der britische Ökologe Norman Myers. 1979 veröffentlicht er Schätzungen, wie viel Regenwald alljährlich zerstört wird: fast ein Prozent. Jetzt reicht es Wilson. Er ruft einen befreundeten Wissenschaftler und für Tropenwälder engagierten Naturschützer an, Peter Raven, Direktor des Missouri Botanical Garden. Am Telefon verspricht Wilson: „Peter, du sollst wissen, dass ich mich euch anschließe. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, eure Sache zu unterstützen.“ Und Wilson hält Wort: In den folgenden Jahren setzt er sich für die Rettung der Biosphäre ein – in Büchern, Vorträgen, Interviews, als Berater von Umweltschutzorganisationen, Politikern und sogar Unternehmen wie dem Einzelhandelsriesen Walmart.

Wilson drückt der Debatte seinen Stempel auf. 1986 gibt er einen Tagungsband mit dem Titel „Biodiversität“ heraus. Damit verhilft er dem Begriff zu großer Bekanntheit – wenige Jahre später ist er in aller Munde. „Ich muss zugeben, dass ich den Begriff erst nicht mochte“, erinnert er sich. „Ich habe den Band herausgegeben, aber dem Titel nur zögerlich zugestimmt.“

Einen anderen Begriff prägt er für die englischsprachige Welt: 1984 publiziert er das Buch „Biophilia“. Darin erklärt er, wir hätten eine angeborene Neigung, uns allem Lebendigen verbunden zu fühlen. Heute gesteht er allerdings ein: „Naturwissenschaftlich ist diese These bislang nur schwer zu belegen. Wir wissen aber, dass positive Naturerfahrung Menschen hilft. Und nicht zuletzt motiviert sie uns, dass wir uns für die Umwelt einsetzen – und das ist notwendig.“

Und es gibt noch eine Debatte, in die sich der Senior unter den Evolutionsbiologen mit neuen Argumenten einmischt.

Seit Beginn des letzten Jahrzehnts hegen Sie Zweifel an einem der zentralen Pfeiler der Evolutionstheorie – der Verwandtenselektion.

Ja, das war eine schöne Theorie, sie hat aber leider nie recht funktioniert.

Sie haben sie doch einst selbst propagiert?

Ja, denn sie hat viele Vorteile. Einer davon ist, dass sie sehr eingängig ist. Sie besagt im Grunde, dass es evolutionär nicht nur sinnvoll ist, den Kindern zu helfen, sondern auch den Verwandten, weil diese in ihrem Erbgut ebenfalls Kopien der Gene von einem selbst tragen. Das erlaubt, andere zu unterstützen, obwohl es einem selbst schaden mag, und dennoch den Fortbestand des eigenen genetischen Erbes zu sichern. Diese These haben wir 40 Jahre lang vertreten, und ich habe sie in der Tat massiv unterstützt.

Wann haben Sie begonnen, Zweifel zu hegen?

Mit den Jahren merkte ich, dass die empirischen Belege dünn gesät sind. Es gibt nur wenige Arten, deren Staatenbildung sich mit dem Modell erklären lässt. Zudem haben die meisten Tiere keine Möglichkeit, Verwandte überhaupt zu erkennen. Aber als das neue Paradigma sich erst einmal etabliert hatte und akademische Karrieren auf ihm aufgebaut wurden, wollte das niemand wirklich wahrhaben. Im Jahr 2006 begann ich, Artikel zu veröffentlichen, in denen ich meine Kritik äußerte. Die wurde aber gründlich ignoriert.

Auf die Dauer blieb das aber nicht so.

Nein. Zwei brillante Mathematiker von der Harvard University, Martin Nowak und seine Kollegin Corina Tarnita, lasen eine meiner Publikationen und schlugen mir vor, zusammenzuarbeiten. Denn auch sie hegten Zweifel. Und während meine Kritik vor allem auf den mangelnden empirischen Belegen für Verwandtenselektion beruhte, führten sie an, dass die Theorie mathematisch in sich nicht schlüssig sei. Das Prinzip der Individual- und Gruppenauslese erschien da deutlich überzeugender. Wir haben dann 2010 einen Artikel im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht, dessen Thema auch den Titel zierte.

Und wie war die Reaktion?

Sehr interessant! 137 Forscher unterzeichneten danach einen Brief, der ebenfalls in Nature publiziert wurde. Darin verteidigten sie das Standardmodell und taten die Gruppenselektion als absurden Rückfall in die Vergangenheit ab. Aber wirklich sachliche Argumente brachten sie gegen unsere Analyse nicht vor – und die sind sie auch bis heute schuldig geblieben. Dabei hätte es so viele Autoren nicht gebraucht – einer hätte gereicht, solange er nur einen schlagenden Gegenbeweis vorgebracht hätte.

Das klingt aber, ehrlich gesagt, wie ein Sturm im Wasserglas der Fachwelt.

Weit gefehlt. Es geht um die zentrale Frage, wie soziale Arten entstanden sind – und damit auch darum, wie sich Altruismus erklärt, das heißt unser Mitgefühl und unsere Bereitschaft zu kooperieren. Es ist klar, dass Gruppenselektion ebenfalls ein mächtiger Faktor in der Evolution des Menschen war.

Aber ändert sich dadurch unsere Sicht des Menschen? Dass wir mitfühlend sind und Meister der Kooperation, war – ungeachtet welche evolutionäre Kraft dahintersteht – doch auch vorher unbestritten.

Es ändert die Sicht des Menschen sehr wohl. Denn anders als bei Ameisenstaaten, deren Arbeiterinnen als Teil eines Superorganismus angesehen werden können, prägt den Menschen sowohl die Individual- als auch die Gruppenselektion. Wir stehen dauerhaft im Spannungsfeld zwischen den Eigennutz fördernden Instinkten und denen, die dem Wohl der Gemeinschaft dienen. Aber letztlich behält meist das Interesse der Gruppe die Oberhand. Ich drücke es gerne so aus: Egoismus schlägt Altruismus innerhalb einer Gruppe. Altruistische Gruppen schlagen Gruppen von Egoisten. Alles andere ist bloßer Kommentar.

Wilson genießt offenbar die hitzige Debatte um die Verwandten- und Gruppenselektion – so etwas auszulösen sei schließlich keine schlechte Leistung für einen 83-jährigen emeritierten Professor, meint er. Doch jetzt sagt er dem Reporter: „Das ist aber tatsächlich mein letzter Forschungsbeitrag.“ Und auch sein letztes Buch? Wilson lacht. „Nicht wirklich.“

Tatsächlich widmet er sich bereits weiteren Projekten. Nach wie vor begleitet er die „Encyclopedia of Life“, eine von ihm angestoßene Initiative, die alle bekannten Arten online katalogisieren will – eine Website pro Art. Zudem hat er Anfang 2012 sein erstes elektronisches Lehrbuch zur Biodiversität veröffentlicht: „Life on Earth“. Wilson produzierte es gemeinsam mit dem Computerkonzern Apple. In den letzten Monaten ist der umtriebige Nestor der Evolutionsbiologie auch in den Gorongosa-Nationalpark in Mosambik gereist. Wenig überraschend ist seine Motivation. Er will dort für ein neues Buch recherchieren, mit dem Arbeitstitel „Gorongosa: Der Park als ein Fenster zur Ewigkeit“.

Ohnehin will er künftig wieder mehr reisen. In den Südpazifik etwa oder in den Yosemite-Park – immer auf der Suche nach Ameisen. „Reisen, entdecken – das habe ich als 25-Jähriger gemacht. Dieses Gefühl, Entdecker zu sein, das will ich wieder erleben.“ Und natürlich wird er wieder nach Hause fliegen, nach Mobile, Alabama. Auch dort hat er Großes vor: Er will helfen, einen Nationalpark im Flussdelta seiner Heimatstadt zu gründen. ■

HUBERTUS BREUER, Wissenschaftsjournalist mit Sitz in München, hat Edward O. Wilson seit 1998 mehrmals getroffen – und stets bewundert, wie Wilson elegant wissenschaftliches Rebellentum mit den Manieren eines Südstaaten-Gentleman vereint.

von Hubertus Breuer

Kompakt

· Edward O. Wilson, der weltweit bekannte Nestor der Ameisenforschung, hat entdeckt, wie Ameisen kommunizieren.

· Er hat die biologischen Grundlagen des Verhaltens des Menschen ausgeleuchtet und den Begriff „Biodiversität“ popularisiert.

· Mit über 80 Jahren provoziert er jetzt in seinem Buch „Die soziale Eroberung der Welt“ eine neue Debatte um die Evolution sozialer Lebewesen – Ameisen und Menschen.

Mehr zum Thema

LESEN

Edward O. Wilson Ameisenroman: Raff Codys Abenteuer C.H. Beck , München 2011, € 19,95 Die soziale Eroberung der Erde Norton, New York 2012, € 22,95

Bert Hölldobler und Edward O. Wilson Blattschneiderameisen – der perfekte Superorganismus Springer, Heidelberg 2011, € 29,95

Internet

Edward O. Wilsons E-Book für das iPad: Life on Earth erhältlich bei iTunes, € 1,99

Encyclopedia of Life: www.eol.org

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