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Amphibien

„Wasserdrachen“ sind wählerisch

Eine zackige "Mähne" ist das Markenzeichen der Männchen des Nördlichen Kammmolches. (Bild: Burkhard Thiesmeier)

Von wegen ortstreue Kammmolche: Die Promis unserer heimischen Amphibienwelt sind wanderfreudiger als bisher angenommen, zeigt eine Studie. Dabei suchen sie sich offenbar gezielt die besten Teiche für die Fortpflanzung in ihrer Region aus. Möglicherweise gilt dies auch für andere Amphibienarten, sagen die Wissenschaftler. Die Ergebnisse tragen damit zum Verständnis der Ökologie dieser Tiere bei und können dem angewandten Schutz spezieller Arten zugutekommen.

Mit ihrem gezackten Rückenkamm wirken sie wie kleine Drachen – neben diesem Merkmal der Männchen macht den Nördlichen Kammmolch (Triturus cristatus) auch die Länge von bis zu 18 Zentimetern zu einer der spektakulärsten Amphibienarten vor unserer Haustür. Die zu den Salamandern gehörenden Lurche kommen in und um stehende Kleingewässer in fast ganz Mitteleuropa vor. Wie für Amphibien typisch, wechseln sie dort zwischen Wasser und Land: Erwachsene Kammmolche sind oft in Teichen unterwegs, jagen aber auch an Land und überwintern dort meist unter Steinen oder Moos. Für die Fortpflanzung sind sie allerdings aufs Wasser angewiesen und finden sich deshalb zur Paarungszeit in den Teichen ein.

Kammmolche sind in Deutschland streng geschützt, denn vielerorts weisen ihre Populationen einen kritischen Erhaltungszustand auf. Wie andere Amphibienarten leiden sie vor allem unter der durch den Menschen verursachten Veränderung ihrer Lebensräume. Dem Kammmolch hat nun ein Forscherteam um Sebastian Steinfartz von der Universität Leipzig eine Studie gewidmet. „Um den aktuellen besorgniserregenden Rückgang von Amphibien entgegenzuwirken und geeignete Schutzmaßnahmen zu entwickeln, ist es besonders wichtig, das Verhalten von Amphibienarten in ihren natürlichen Lebensräumen besser zu verstehen“, sagt Steinfartz. Konkret befassten sich die Wissenschaftler mit der Untersuchung der individuellen Wanderbewegungen von Kammmolchen in ihren lokalen Verbreitungsgebieten.

Räumlicher Dynamik auf der Spur

In ihrem Fokus stand dabei ein etwa 7,7 Quadratkilometer großes Areal in der Nähe von Hamburg, in dem sich insgesamt 33 Kleingewässer befinden, in denen Kammmolche vorkommen. Für die Studie führten die Forscher genetische Untersuchungen durch und lernten viele Tiere gleichsam persönlich kennen: Kammmolche zeichnen sich durch eine auffällig gelb-orange gefleckte Bauchzeichnung aus, die für jedes Individuum einmalig ist und daher wie ein Fingerabdruck zur Unterscheidung genutzt werden kann. Im Verlauf von drei Jahren sammelten die Forscher durch wiederholtes Einfangen und Wiederaussetzen in den verschiedenen Teichen Daten von 5564 Individuen. Zudem erfassten sie die ökologischen Merkmale der jeweiligen Fundorte.

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So konnte das Team zeigen, dass die bisher als eher ortstreu betrachteten Molche deutlich häufiger ihr Fortpflanzungsgewässer wechseln als bisher angenommen. „Wir waren sehr überrascht, wie viele Individuen in den drei Jahren unserer Studie in verschiedenen Gewässern gefangen werden konnten und dass die Tiere, die vermeintlich nur sehr kurze Distanzen überwinden können, dabei nicht unbedingt das räumlich naheliegendste Gewässer aufsuchten“, berichtet Erstautorin Bianca Unglau. Manche Tiere legten dazu bis zu einem Kilometer zurück.

Wählerisch für den Fortpflanzungserfolg

Aus den Migrationsmustern ging dabei hervor: Die Tiere suchen sich offenbar gezielt Gewässer mit höherer Qualität – aus Teichen mit eher schlechteren Merkmalen wandern sie ab. Bemerkenswert ist dabei: In den Gewässern mit der hohen Qualität hatten zumindest die erwachsenen Tiere keine besseren Überlebenschancen, es gab dort aber bessere Fortpflanzungserfolge, geht aus den Daten hervor. „Die Untersuchungsergebnisse legen nahe, dass Kammmolche und wahrscheinlich auch viele andere Amphibien bevorzugt in Gewässer einwandern, die ihnen bessere Umweltbedingungen und somit einen höheren Fortpflanzungserfolg bieten“, sagt Steinfartz. Die Gewässerqualität hat damit eine entscheidende Bedeutung für die Bewegungen der Tiere und somit für die demografische und genetische Struktur von Populationen, sagen die Forscher.

„Die Studie gibt allerdings auch klare Hinweise darauf, wie der Kammmolch besser geschützt werden kann“, sagt Co-Autor Benedikt Schmidt von der Universität Zürich. „Durch einfache Pflegemaßnahmen können bestehende Kammmolch-Gewässer attraktiver gemacht werden, wie zum Beispiel durch die Minimierung von Fischbesatz und Optimierung der Uferbeschattung.“ Auf diese Weise kann der Fortpflanzungserfolg und dadurch auch die Überlebensfähigkeit der gesamten Population erhöht werden, so der Forscher.

Quelle: Universität Leipzig, Fachartikel: Molecular Ecology, doi: 10.1111/mec.16114

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