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Umwelt+Natur

Weg mit dem Wecker

Wieviel Einfluß unsere innere Uhr wirklich auf uns hat. Und warum Wissenschaftler die Abschaffung des Weckers fordern.

Es ist, nehmen wir mal an, 7:30 Uhr – und ich gestehe: Wenn es eben geht, ziehe ich mir um diese Zeit das Kopfkissen über die Ohren und drehe mich zur Wand. Ich will noch ein paar kostbare Minuten schlafen. „Na, wieder aus dem Bett gefallen?“ fragen freundliche Mitmenschen, die seit sechs Uhr putzmunter auf den Beinen sind, während unsereins mühsam ins Helle blinzelt. Dabei bin ich gar nicht schuld. Ich kann mich mit Fug und Recht auf meine innere Uhr berufen.

Eine Vielzahl von Körperfunktionen gehorcht einem „zirkadianen Rhythmus“, der in etwa mit dem äußeren Ablauf von Licht und Dunkel am Himmel parallel geht. Die moderne Biologie steuert immer mehr Daten bei, wonach jeder Mensch seinen eigenen, individuellen Zeittakt einprogrammiert hat – und eben auch einen individuellen Schlaf-Wach-Rhythmus.

An dem kann er nicht vorbei. Nur auf den ersten Blick scheinen die Forschungsergebnisse etwas anderes zu signalisieren, was derzeit hartnäckig durch die Gazetten geistert: Die angeblich allgemeingültige und optimale Tageseinteilung für „den Menschen“. Normtag für alle? Quatsch!

Gegen die Messungen, die dahinterstehen, ist nichts zu sagen – die sind schon korrekt: – Morgens ist der Testosteron-Spiegel bei Männern am höchsten. – Ein erstes kleines Tagestief haben wir in den Mittagsstunden. – Die Körpertemperatur ist zwischen 14 und 16 Uhr am höchsten, ebenso wie Blutdruck und Atemfrequenz. Ungefähr um 15 Uhr ist das Schmerzempfinden am geringsten. – Muskeltraining verspricht gegen 21 Uhr den größten Bizepszuwachs. – Das absolute Tief erwartet uns nachts um drei: Stimmung und Antrieb sind im Keller. Die Gefahr, am Steuer einzuschlafen, ist dann am höchsten – meßbar am Prozentsatz der Verkehrsunfälle zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens.

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Aus all diesen Untersuchungen haben schlaue Zeitgenossen den idealen Tagesablauf errechnet. „Sex um 8“ empfahl eine Illustrierte – wegen des zu diesem Zeitpunkt maximalen Testosteron-Spiegels. Seine besten Ideen solle man ab 10 Uhr einplanen. Zahnarztbesuche seien gegen 15 Uhr anzuraten. Und wer am Wochenende statt wie sonst um 8 Uhr erst um 11 aufstehe, der verstelle seine innere Uhr – daher der Durchhänger am Montagmorgen. Damit haben die notorischen Langschläfer ihr Fett weg. Alles klar? „Das ist mit Sicherheit alles Quatsch!“, kommentiert Prof. Till Roenneberg vom Institut für medizinische Psychologie der Universität München. Denn die innere Uhr folge gerade nicht einem Normtag – sie ziehe vielmehr jeden Menschen etwas anders auf.

Was das Ausschlafen am Wochenende angeht, so ist es genau andersherum: Wer am Samstag lange schläft, zeigt nur den wahren Gang seiner inneren Uhr. Am Wochenende darf er nach ihr leben, unter der Woche hingegen muß er dem Diktat des äußeren Arbeitstages gehorchen. Dann maskiert er mit allerlei Tricks den Zeittakt seiner inneren Schlaf-Wach-Uhr.

Roenneberg: „Wir kommen nicht an der Erkenntnis vorbei, daß die gesamte Biochemie aller Zellen des Körpers einer klaren Tagesstruktur unterliegt. Und zwar diktiert von inneren Uhren, die genetisch vererbt werden und jeden Menschen auf individuelle Rhythmen prägen.“

Nach der Pubertät entwickelt jeder Mensch seine eigene Präferenz, tendiert entweder in Richtung „Lerche“ oder „Eule“. In der Regel zeigt sich bei Langschläfern, daß auch andere zirkadiane Rhythmen – etwa das Auf und Ab der Körper temperatur – hinter dem Zeittakt eines Frühaufstehers nachhinken. Sie erreichen ihre maximale Körpertemperatur nicht um 15, sondern beispielsweise erst um 18 Uhr. Deshalb gibt es keinen universell gültigen Tagesablauf. Alle Angaben zum Tagesgang von Körperfunktionen sind Mittelwerte aus der Untersuchung vieler Testpersonen.

Ein Minimum beim Schmerzempfinden um 15 Uhr heißt bei genauerem Hinsehen, daß in Wahrheit nur etwa jeder vierte Untersuchte den Stich der Spritze weniger intensiv wahrnimmt. Das Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben, ist nur statistisch gesehen vormittags gegen 9 Uhr am höchsten. Die Wahrscheinlichkeit, einen Asthmaanfall zu erleiden, ist nur statistisch gesehen gegen 4 Uhr früh besonders hoch.

Dennoch haben die statistischen Daten unbestreitbar ihren praktischen Wert. Stichwort: Einnahme von Medikamenten. Denn für viele pharmakologische Wirkstoffe gibt es tatsächlich eine optimale Tageszeit. Medikamente gegen zu hohen Blutdruck nimmt man besser beim Frühstück, Asthmamittel am besten beim Abendessen. Ebenso Mittel gegen die Überproduktion von Magensäure, weil die gegen 21 Uhr besonders rege sekretiert wird.

Dem Ticken anderer innerer Programme kommt man durch persönliche Erfahrung leicht selber auf die Spur. Roenneberg nennt ein Beispiel: „Wer sich mittags ein schönes Bier bestellt, darf in der Regel getrost gleich ein Bett mitbestellen. Das Enzym für den Abbau des Alkohols, die Alkohol-Dehydrogenase, wird erst am Abend aktiv.“

Der individuelle Rhythmus von Schlafen und Wachen ist hingegen viel versteckter. Der Wecker klingelt konstant um sieben in der Frühe, deshalb geht man auch seit Jahren um zehn ins Bett – wo steckt da die innere Uhr?

Exakt meßbar wird sie, wenn man Menschen in einen Bunker sperrt – häufig exerziert bei Versuchen am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen. Dort sind die Testpersonen weitgehend abgeschlossen von der Außenwelt. Sie bekommen Essen und Trinken und auch sonst alles, was sie brauchen – und dürfen sich nach eigenem Gutdünken ihren Tag einteilen: Das Licht an- und ausmachen, wann es ihnen gefällt, speisen und schlafen nach Belieben – ungestört von Autolärm und äußerem Tageslicht. Frühaufsteher: 23-Stunden-Tag

Bei solchen Versuchen kommt bei einem Langschläfer in der Regel heraus: Seine innere Schlaf-Wach-Uhr geht hinter dem äußeren 24-Stunden-Tag etwas nach. Im Bunker wacht er zirka 17 Stunden und schläft 9 Stunden, was sich zu einem 26-Stunden-Tag addiert. Bei Menschen, die morgens früh aufstehen, findet sich oft, daß ihre zirkadiane Schlaf-Wach-Uhr etwas vorgeht – sie leben eigentlich einen inneren 23-Stunden-Tag.

„Die Menschheit zeichnet sich durch eine große Variationsbreite im Gang der inneren Uhren aus“, erklärt Roenneberg. Ein Langschläfer kann nichts dafür, wenn seine innere Uhr es ihm gestattet, spätabends noch einen netten Film anzuschauen, während es andere bereits magisch ins Bett zieht. Die „Eule“ liegt dann selbst im Hochsommer, wenn ihr oder ihm die Sonne schon seit Stunden ins Gesicht scheint, noch total erschlagen im Bett. Die „Lerche“ ist hingegen seit sechs auf den Beinen, um das Frühstücksfernsehen zu genießen und den Hund Gassi zu führen.

Till Roenneberg rät Langschläfern, einen automatischen Öffner für Jalousien zu kaufen. Dann sollte man jeden Abend spätestens gegen 22 Uhr ins Bett gehen und alles abdunkeln. In der Nacht würde ein Sensor veranlassen, daß sich die Jalousien öffnen, sobald es draußen wirklich dunkel ist. So wird die Sonne am nächsten Morgen den Schläfer voll erwischen. Roenneberg: „Diese Vorrichtung würde helfen, sich dem gesellschaftlichen Leben besser anzupassen.“

Doch die Sache hat einen Haken. Zum einen müßte man sehr diszipliniert zu Bett gehen – ausgerechnet am Abend, wo die Eule zu großer Form aufläuft. Und im Winter würde der Trick nicht funktionieren. Da wäre eine Art Flutlichtlampe erforderlich, die morgens früh im Zimmer für die nötige Helligkeit sorgt. Damit ist die Sache wohl klar: Es gibt nur eine wirklich gute Lösung – den Wecker abschaffen.

Geradezu gefährlich ist dieses Ding. Roenneberg: „Der Wecker ist wahrscheinlich ein viel größerer Streßfaktor, als wir heute ahnen. Im Winter sollten Schule und Arbeit mindestens eine Stunde später beginnen – dafür könnte man im Sommer ruhig etwas länger arbeiten.“

So, jetzt wissen Sie’s. Was denn – Sie wollen auch morgen wieder in aller Frühe einen viel zu heißen Kaffee hinunterstürzen, in die Garage hasten, aufs Gaspedal drücken und sich in die Kolonne auf der Straße einreihen? Die Eule dankt der Forschung.

Ich jedenfalls danke ausdrücklich den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft. Ich werde morgen mein Kopfkissen über die Ohren ziehen und weiterschlafen. Von wegen Faulpelz: Ich senke meinen Streßpegel, tue etwas für die Umwelt und werde den Bäcker durch den Einkauf frischer Brötchen erfreuen – wenn es geht, erst so gegen 9 Uhr 15. So, das Manuskript ist fertig. Es ist exakt 23:46 Uhr. Um mich herum die meisten Fenster im Dunkeln, die Mitbürger unterwegs in Richtung Tiefschlaf. Faulpelze!

Bernhard Epping
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