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Umwelt+Natur

Weibchen an der Macht

Im Hyänen-Clan herrscht strikte Damenwahl. Und die Hyänensöhne wandern aus.

In seinem Buch „Brehm’s Thierleben“ ließ Alfred Edmund Brehm 1876 kein gutes Haar an dem afrikanischen Raubtier: „Ich habe die Tüpfelhiäne in den von mir durchreisten Gegenden überall nur als feiges Thier kennen gelernt, … der Blick ist boshaft und scheu. … Unter sämmtlichen Raubthieren ist sie unzweifelhaft die mißgestaltetste, garstigste Erscheinung.“

Oliver Höner vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin sieht das anders: „Tüpfelhyänen sind ausgezeichnete Jäger, denen Löwen in manchen Gebieten mehr Beute verdanken als umgekehrt.“ Fasziniert ist er vom Sozialleben der Tiere. Erst vor Kurzem ist es ihm gelungen, das Rätsel zu lösen, warum die fortpflanzungsreifen Söhne ihre Geburtsgruppe verlassen, während die Töchter ihrer Familie verbunden bleiben.

Zwangsbegattungen gibt es nicht

Bisher hatten Wissenschaftler vermutet, dass die Auswanderungen die Gruppe vor Inzucht schützen. Denn viele Erbkrankheiten entwickeln sich erst, wenn die Gen-Defekte jeweils von Vater und Mutter vererbt werden. Dies ist umso wahrscheinlicher, je näher die beiden verwandt sind. Doch würde es nur um die Vermeidung von Inzucht gehen, müssten eigentlich die Hyänen-Weibchen abwandern. Denn sie widmen ihrem Nachwuchs sehr viel mehr Zeit und Energie als die Männchen. Folglich haben sie auch mehr zu verlieren, sollten ihre Jungen schwach oder krank sein.

Indem er Hyänen im Gelände beobachtete und die Lebensgeschichte von mehr als 1000 Tieren dokumentierte, fand Höner heraus, dass der entscheidende Grund für die Abwanderung der Hyänen-Söhne die mächtige Stellung der Weibchen ist: Im Hyänen-Clan hat „Sie“ das Sagen – anders als bei vielen anderen Säugetieren. „Die Männchen müssen sich ihren Vorlieben anpassen“, erklärt Höner. Es herrscht eine rigorose Damenwahl. Die weiblichen Geschlechtsorgane sind so gebaut, dass eine Paarung nur mit der aktiven Mithilfe des Weibchens möglich ist. Sogenannte Zwangsbegattungen – die im Tierreich weit verbreitet sind – können daher nicht vorkommen. „Die äußeren Schamlippen der Weibchen sind zu Pseudohoden verwachsen, und sie haben eine verlängerte, penisähnliche Klitoris, durch die sie kopulieren und gebären“, erklärt Höner. Grund für diese „Vermännlichung“ ist ein ungewöhnlicher Hormonspiegel während der frühen Entwicklung: Im Mutterleib sind die Feten extrem hohen Testosteron-Konzentrationen ausgesetzt (bild der wissenschaft 12/2001, „Super-Weiber mit schlechtem Ruf“).

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In Feldstudien in Afrika fand Höner heraus, dass die Auswanderer Clans mit vielen jungen Weibchen bevorzugen. Denn reifere Damen präferieren Männer, mit denen sie schon eine Beziehung haben, berichtet der Forscher. „Frischlinge“ sind für sie uninteressant. Die jüngeren Weibchen wählen ihren Partner dagegen nach einer einfachen Regel: „Nimm einen, der nach deiner Geburt eingewandert ist oder einen Jüngeren.“ Folglich paaren sie sich nie mit einem älteren Bruder oder ihrem Vater, auch die Kopulation mit einem jüngeren Bruder hat Höner bei mehr als 1000 Hyänen nicht einmal beobachtet.

Einem jungen Männchen winkt also der größte Fortpflanzungserfolg, wenn es auswandert. An der Spitze eines Hyänen-Clans stehen stets ein Alpha-Weibchen und seine Jungen – solange diese noch nicht an Fortpflanzung interessiert sind. Dann folgen im Rang zunächst alle anderen Weibchen und erst dann kommt das männliche Alpha-Tier. Die Rangniedrigsten sind die frisch eingewanderten Männchen.

Höner beobachtete, dass die größten „Womanizer“ die Söhne hochrangiger Weibchen sind. Mit einer gewissen Höflichkeit und sozialen Kompetenz gewannen sie die Gunst der Weibchen am schnellsten. So näherten sie sich den Weibchen behutsam, pflegten das Fell der Umworbenen, legten sich ruhig neben sie und vertrieben allzu forsche Geschlechtsgenossen.

Bei Hunger ins „Hotel Mama“

„Ein Männchen stürzt bis zu 100 Rangpositionen ab, wenn es auswandert“, erklärt Höner. Das bedeutet nicht nur einen enormen sozialen Stress, sondern auch Hunger. Die hochgeborenen Söhne tun sich da leichter: In den ersten Jahren nach dem Auszug von daheim kehren sie öfter heim ins „Hotel Mama“ und schlagen sich dort den Bauch voll. Daher sind sie insgesamt besser genährt.

Höner will nun herausfinden, ob sie auch besser mit dem sozialen Stress durch den neuen niedrigeren Rang umgehen können. Dabei stellt sich die Frage, „wie stark die Persönlichkeit eines Individuums durch die Entwicklung und die Erfahrungen in jungen Tagen beeinflusst wird“.

Bereits vor 26 Jahren begann ein Langzeitprojekt zum Verhalten der Tüpfelhyänen im Serengeti-Nationalpark in Tansania. Initiiert hatten es die beiden Berliner IZW-Forscher Marion East und Heribert Hofer, der heute Leiter des Instituts ist. Im Rahmen dieses Projekts erfassen Höner und seine Kollegin Bettina Wachter seit 17 Jahren alle Hyänen, die am Rande der Serengeti im Ngorongoro-Krater leben. Heute kennen sie die Väter von mehr als 1000 Nachkommen aus sieben Generationen. Ein derart vollständiger Stammbaum einer natürlichen Population sozialer Säugetiere ist weltweit einzigartig. Zurzeit leben im Krater 650 Hyänen, aufgeteilt in 8 Clans.

„Die Tiere kennen uns von Geburt an und haben ihre Scheu verloren“, erzählt Höner. „Schrittweise konnten wir den genetischen Fingerabdruck für alle erwachsenen Hyänen bestimmen.“ Der genetische Fingerabdruck erfasst Längen-Variationen spezieller Gen-Abschnitte. Dabei ergibt sich für jedes einzelne Tier ein charakteristisches Muster.

Aber wie gewinnt man inmitten eines afrikanischen Kraters einen genetischen Fingerabdruck? „Für Vaterschaftsanalysen nehmen wir Haarproben, meist von den Jungtieren, die besonders neugierig sind und sehr nahe zum Auto kommen, außerdem gewinnen wir Gewebeproben von gestorbenen Individuen“, antwortet Höner. Auch Kotproben liefern wichtige Daten für sein Forschungsprojekt.

Hormonproben für Stressanalysen

Inzwischen haben Höner und seine Kollegen 800 Proben beisammen. Im Labor bestimmen sie daraus den Gehalt an Hormonen, sogenannten Glukokortikoiden, die ein gutes Maß für den „ Sozialstress“ der Tiere sind. Gleichzeitig analysieren sie Videoaufnahmen, die das Verhalten der Hyänen-Männchen dokumentieren: Weichen sie Konkurrenten aus? Trauen sie sich an ein Weibchen heran?

Höner will herausfinden, wie groß der genetische Einfluss auf das Sozialverhalten der Hyänen ist. „Klar ist bislang, dass die Tiere einen großen Teil ihres rangspezifischen Verhaltens von der Mutter erlernen.“ Sie verinnerlichen, welche anderen Clan-Mitglieder sich ihrer Mutter unterwerfen. Dies bestätigte sich bei Hyänen, die als Neugeborene von fremden Weibchen adoptiert worden waren.

Wenn der Stammbaum vollständig ist, können die Wissenschaftler eine der großen Fragen der Biologie angehen: Wie groß ist der Einfluss der Gene und welche Rolle spielen Umwelteinflüsse? •

ULRIKE ROLL bewundert das soziale Leben von Rudeltieren. Als Kind hatte sie vor, später im Zoo zu arbeiten.

von Ulrike Roll

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