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Weisse Mumien im Wüstensand

Im Nordwesten Chinas lagen mehr als hundert europäisch anmutende Mumien begraben. Woher kamen die Menschen?

Obwohl die Augen des Mannes geschlossen sind, ist er so präsent, als würde er sich gleich erheben. Doch der „Mann von Tschertschen“ ist seit 3200 Jahren tot. Im Museum der nordwestchinesischen Provinzhauptstadt Urumqi hat er seine letzte Ruhestätte gefunden. Urumqi, im Triangel China, Mongolei, Zentralasien, war eine wichtige Station an den Seidenstraßen ins Reich der Mitte. Der Tote ist mumifiziert und dadurch samt Kleidung fantastisch erhalten. Die Mumifizierung hatte die Natur übernommen: Heftig schwankende Tages- und Nachttemperaturen und das Wüstenklima des Turfan-Beckens sorgten für die Trocknung des Körpers. Der hohe Salzgehalt des Bodens hielt zersetzende Bakterien ab. Der Mann war nach landläufiger Auffassung Europäer: 1,76 Meter groß, lange Nase, tiefliegende Augen, dunkelblondes Haar, helle Haut. Seine Kleidung mutet osteuropäisch an. Ebenso eindeutig nichtasiatisch sind ein halbes Dutzend andere Mumien in den Glasvitrinen. Mehr als 100 lagern in den Magazinen von Museen, eine unbekannte Anzahl ruht noch im Wüstenboden. Die meisten stammen aus dem ersten Jahrtausend vor Christus, einige sind deutlich älter. Sie alle sind einst sorgfältig bestattet worden.

Wer waren diese Leute? Wie kamen sie in den heißen Sand der Turfan-Oase nördlich der Taklamakan-Wüste? „Dazu kann ich Ihnen nichts Gesichertes sagen“, bedauert Mayke Wagner, China-Expertin der Eurasienabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin. Bislang gibt es keine vergleichbaren Funde in den benachbarten Regionen von Kasachstan, Tibet, Pakistan, Afghanistan oder in den angrenzenden östlichen Gebieten Chinas. Chinesische Wissenschaftler untersuchen die Mumien zwar seit einigen Jahren. Doch um eine ethnische Zugehörigkeit feststellen zu können, bedürfte es weitreichender Genanalysen – und die fehlen bislang. Immerhin erbrachte die DNA-Untersuchung einer Turfan-Mumie durch einen italienischen Anthropologen vor zehn Jahren eine bessere Übereinstimmung mit europäischem Erbgut als mit asiatischem. Doch eine solche Einzeluntersuchung reicht nicht für eine gesicherte wissenschaftliche Aussage. Auch die damalige Feststellung, dass die Herstellung des Garns, das mehrfarbige Muster und die exklusive Webtechnik der Mumien-Kleidung Textilien der gleichen Frühzeit in Österreich, Skandinavien und Deutschland entsprechen, ist keine harte wissenschaftliche Beweisführung. Dazu kommt: Die Meinung der vorherigen Forschergeneration gilt als veraltet. Die hatte Mensch-und-Rind-Wanderungen von Fernwest nach Fernost propagiert, mit denen etwa im vierten Jahrtausend vor Christus der Bevölkerungsüberschuss im Westen ausgeglichen wurde. Diese Europäer seien später von den aus Osten kommenden asiatischen Völkergruppen wieder nach Westen gedrängt worden. Doch nach der Öffnung der Sowjetunion erbrachte die archäologische Erforschung Eurasiens Gegenteiliges. Hermann Parzinger, der gerade verabschiedete DAI-Präsident, stellte nach seinen Ausgrabungen in Sibirien und im mongolischen Altai-Gebirge fest: „Vor zweieinhalbtausend Jahren war dieser Teil Asiens von einer europiden Bevölkerung besiedelt.“ Dieser Teil: Das ist zumindest das Viereck Nordwestchina – Mongolei – Russland – Kasachstan. Parzinger präzisiert: „Die im Altai Bestatteten gehörten der sibirischen Pazyryk-Kultur an“, zu der auch die Skythen zählen.

Blond und Langnasig

Aufgrund der ähnlichen Kleidung rechnet der Eurasien-Experte nun auch die europäisch aussehenden Wüsten-Mumien der Pazyryk-Kultur dazu. Wer die Träger dieser Kultur waren, weiß man jedoch nicht. „Das ist für mich kein Thema – europäisch oder nichteuropid“, konstatiert Mayke Wagner. „Mich interessiert viel mehr: Wer war hier wann und warum unterwegs?“ Zum Beispiel jene Rindernomaden, auf deren Friedhof vor rund 70 Jahren der schwedische Asienforscher Sven Hedin am heute ausgetrockneten Lop-Nur-See stieß. Der ihn begleitende Archäologe Folke Bergmann fand dort große, blonde und langnasige Mumien, die vor 4000 Jahren in den Wüstenboden gelegt wurden. Die Nekropole geriet indes in Vergessenheit und wurde erst 2002 beim gezielten Überfliegen der Gegend wieder entdeckt – „und anschließend sofort beraubt“, wie China-Forscherin Wagner weiß. In drei Kampagnen erkundeten chinesische Archäologen gründlich das Gräberfeld. Schon von Weitem waren die Gräber durch schwarz-rot bemalte Pfosten im Dünensand zu sehen. Sie steckten jeweils am Kopf- und am Fußende einer Bestattung im Boden. Ein Zaun aus bis zu fünf Meter hohen Pappelstangen umgrenzte das Gelände. Zwischen Oberfläche und Grab waren viele, wenn auch einfache Grabbeigaben deponiert: geschnitzte Holzbecher, geflochtene Taschen und Beutel aus verschiedenfarbigen Pflanzenfasern. Keramik war offenbar nicht geschätzt. Dafür aber waren jede Menge Viehschädel, hauptsächlich von Langhorn-Rindern, beigegeben – gesäubert, weiß-rot bemalt und mit Wollstricken umwickelt. Die Leichname ruhten auf dem blanken Wüstenboden unter gebogenen Pappelplanken, die bootsförmig längs über sie gelegt wurden. Die Bretter waren mit frischen Tierhäuten bedeckt, die sich beim Austrocknen fest um den „Sarg“ spannten und ihn abdichteten. „Da wurde ein ziemlich großer Aufwand betrieben“, kommentiert Mayke Wagner die Funde. Ja, und sie sahen europäisch aus. Waren sie Mitteleuropäer, Kaukasier, Iraner? Mayke Wagner wiegelt ab: „Es waren zu der damaligen Zeit so viele Völker unterwegs, dass die Trennung in Ethnien für die Kulturgeschichte dieses Raumes völlig belanglos ist.“ ■

von Michael Zick

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