Weiterhin dicke Luft in deutschen Städten - wissenschaft.de
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Weiterhin dicke Luft in deutschen Städten

Autoverkehr
Noch immer ist die Stickoxid-Belastung in vielen deutschen Städten zu hoch (Foto: Franz12/ iStock)

Dass viele Städte in Deutschland ein Problem mit zu viel gesundheitsschädlichen Stickoxiden in der Luft haben, ist lange bekannt. Den aktuellen Stand enthüllt nun ein bundesweites Citizen-Science-Projekt. Demnach lagen in diesem Sommer die Stickoxidwerte nicht nur an den bereits bekannten Hotspots über den Grenzwerten. Auch in 40 bisher nicht amtlich untersuchten Städten und Gemeinden ist die Luft schlechter als sie sein dürfte, wie die Deutsche Umwelthilfe berichtet.

Spätestens seit dem Dieselskandal sorgen die Stickoxide aus Fahrzeugabgasen und anderen Quellen für Diskussionen und Besorgnis. Denn Studien belegen, dass erhöhte Konzentrationen dieser Luftschadstoffe auf lange Sicht Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Asthma und Diabetes fördern können. Dennoch schaffen es viele deutsche Städte nicht, die EU-Grenzwerte von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m3) Luft im Jahresmittel einzuhalten. Vor wenigen Monaten erst berechneten Forscher des Umweltbundesamts, dass dadurch allein in Deutschland hunderttausende Menschen als Folge der Stickoxidemissionen erkranken. 6000 bis 8000 Menschen pro Jahr sterben vorzeitig an einer von diesen Luftschadstoffen verursachten Herz-Kreislauf-Erkrankung.

Wie die Luftqualität in diesem Sommer in den deutschen Städten aussah, hat eine bundesweite Citizen-Science-Messaktion, initiiert von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) ermittelt. Dafür wurde von freiwilligen Helfern an 461 Messstellen in 232 Städten und Kommunen die Belastung der Atemluft mit Stickstoffdioxid (NO2) mittels sogenannter Passivsammler gemessen. Die Messungen fanden dabei auch in Orten statt, die bisher nicht Teil der offiziellen Messkampagne sind.

Dicke Luft auch jenseits der offiziellen Messstellen

Das Ergebnis: An 53 verkehrsnahen Messstellen wurden Stickoxid-Werte von 40 µg/m3 oder mehr gemessen – und damit Konzentrationen oberhalb des Grenzwerts. Am stärksten belastet war die Luft dabei in Bonn mit 77,2 µg/m3, aber auch in Stuttgart, Hamburg, Düsseldorf und Kiel wurden Werte zwischen knapp 60 und 70 µg/m3 gemessen, wie die DUH mitteilt. NO2-Werte oberhalb des gesetzlichen Grenzwertes wurden aber auch in 40 Städten ermittelt, in denen bislang keine amtlichen und somit für die Bundesregierung relevanten Messungen durchgeführt werden. Dazu gehörten unter anderem Starnberg, Fürth, Laufen, Erlangen und Frechen.

„Wir haben in Deutschland ein flächendeckendes Problem mit Stickstoffdioxid in unserer Atemluft. Unsere Citizen Science Messungen haben die Anzahl der Städte mit Grenzwertüberschreitungen auf 115 anwachsen lassen“, sagt Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der DUH. Bisher jedoch seien nur 65 Städte in das Programm für Sofortmaßnahmen gegen die Luftbelastung aufgenommen. „Die Bundesregierung muss ihre Hilfe auf alle Städte und Gemeinden ausdehnen, die unter gesundheitlich bedenklichen NO2-Werten leiden, und nicht nur die wenigen Dutzend Städte mit amtlichen Messpunkten finanziell unterstützen.“

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Eine interaktive Karte der Messergebnisse ist hier abrufbar.

Auf Kinderhöhe besonders belastet

Nicht nur alte und gesundheitlich vorbelastete Menschen, sondern auch Kinder sind durch die giftigen Abgase besonders gefährdet. Daher wurde in einer zweiten Messreihe an ausgewählten Orten untersucht, wie hoch die Konzentration von Stickoxiden in einem Meter Höhe ist – auf Höhe der Kindernasen. Das Ergebnis hier: Selbst wenn die Grenzwerte in der offiziellen Messhöhe von zwei Metern über dem Boden eingehalten wurden, lag die Stickoxidbelastung auf Kinderhöhe oft deutlich darüber. Dabei wurden gerade vor besonders sensiblen Standorten wie Kindertagesstätten zum Teil erschreckend hohe Werte ermittelt, wie die Deutsche Umwelthilfe berichtet. So ergaben Messungen an einer Vorschule in der Berliner Torstraße eine Konzentration von 57,4 µg/m3, an einer Kindertagesstätte am Berliner Mehringdamm waren es 60,9 µg/m3. In der Pragstraße in Stuttgart, unmittelbar am Tierpark, wurde ein Wert von 67,8 µg/m3 ermittelt.

Kinder atmen dadurch nicht nur schmutzigere Luft ein, sie nehmen wegen ihrer höheren Atemfrequenz ohnehin mehr Luft und damit Schadstoffe auf: „In Ruhe atmen Erwachsene zwischen 15 und 20 Mal pro Minute. Kinder – je nachdem wie alt sie sind – atmen in Ruhe bis zu 40 Mal“, erklärt Thomas Lob-Corzilius, Lungenfacharzt für Kinder und Jugendliche. Gleichzeitig bewegen sich Kinder mehr als Erwachsene und atmen dadurch noch intensiver. “ Gleichzeitig sind Kindernasen viel näher an einem Autoauspuff und damit an der Emissionsquelle. Eine Schadstoffbelastung in der Luft, zum Beispiel durch Stickstoffdioxid, wirkt dementsprechend bei Kindern intensiver als bei Erwachsenen“, so der Mediziner.

Quelle: Deutsche Umwelthilfe e.V.

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