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Umwelt+Natur

Wenn Feinde zu Helfern werden

Krabbenspinne
Indem die Krabbenspinne Raupen frisst, hilft sie der Blütenpflanze. (Foto: Anina C. Knauer)

In der Natur verkehrt sich ein scheinbarer Nachteil manchmal zu einem Vorteil – so auch bei den Krabbenspinnen, die auf bestimmten gelben Kreuzblütlern lauern. Normalerweise halten diese Spinnen nützliche Bestäuberinsekten fern und schaden daher der Pflanze. Doch wenn diese von Schädlingen befallen wird, werden die Spinnen zu Helfern: Sie fressen die Schädlinge und erhöhen so die Fitness „ihrer“ Pflanze, wie Biologen nun herausgefunden haben.

Krabbenspinnen bauen keine Netze, sie sind Lauerjäger: Gut getarnt warten sie bewegungslos auf einer Blüte, bis ein ahnungsloses Insekt auf ihr landet. Dann greifen die Spinnen mit ihren besonders kräftigen vorderen Beinpaaren zu und beißen ihre Beute, wobei sie ein lähmendes Gift injizieren. Damit die Krabbenspinne für ihre Beute nicht schon weithin zu sehen sind, haben sie ihr Aussehen im Laufe der Evolution nahezu perfekt an ihre jeweils bevorzugten „Lauerblüten“ angepasst: In Farbe, Musterung und sogar in der UV-Signatur sind sie diesen Blüten verblüffend ähnlich.

Vorteil oder Nachteil?

Bisher ging man davon aus, dass die Krabbenspinnen den von ihnen besetzten Pflanzen eher schaden. Denn sie fangen oder vertreiben die Bestäuberinsekten und hemmen damit die Fortpflanzung der Pflanzen. Auch im Fall der Krabbenspinne Thomisus onustus, die auf dem Glatt-Brillenschötchen (Biscutella laevigata) lauert, einem in vielen Regionen Europas verbreiteten, gelben Kreuzblütengewächs, vermutete man dies.

Ob dies tatsächlich so ist, haben nun Anina Knauer von der Universität Zürich und ihre Kollegen näher untersucht. Sie wollten wissen, welche Rolle Duftstoffe der Pflanze für das Anlocken der Spinnen, aber auch der Bestäuber spielt. Gleichzeitig prüften sie, ob die Gegenwart der Spinne möglicherweise auch Vorteile für die Pflanze hat – beispielsweise, weil die Krabbenspinne lästige Schadinsekten vertilgt.

Nützlicher Leibwächter

Auf den ersten Blick schien die gängige Annahme zu stimmen: Sind Krabbenspinne auf der Blüte anwesend, kommen tatsächlich weniger Bienen. Trotzdem jedoch gediehen viele dieser Pflanzen besser als ohne den Spinnenbesatz. Der Grund: Die Spinnen fressen nicht nur die Bestäuber, sie vertilgten auch pflanzenfressende Insekten oder deren Raupen, die sich von Blüten oder Früchten ernähren und so den Pflanzen schaden.

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Die Krabbenspinnen nützen damit den Pflanzen – ganz nach dem Prinzip „der Feind meines Feindes ist mein Freund“. „Die Spinnen haben dadurch netto einen positiven Effekt auf die Fitness der Pflanzen“, berichten Kauer und ihre Kollegen. Wie sie herausfanden, ist der Nutzen der Spinnen für die Pflanze sogar so groß, dass sie die achtbeinigen Lauerjäger aktiv herbeiruft: Wird die Pflanze von Fraßinsekten befallen, kurbelt sie die Produktion und Freisetzung eines die Spinnen anlockenden Duftstoffs um gut 40 Prozent an. Dieser „Hilferuf“ zeigt Wirkung: Die Spinnen besuchen daraufhin die befallenen Blüten, wo sie reiche Beute vorfinden.

Der Kontext ist entscheidend

Nach Ansicht der Wissenschaftler demonstriert dies, dass der Effekt von interagierenden Organismen stark vom ökologischen Kontext abhängt: Zwar ist die Präsenz der Krabbenspinne normalerweise von Nachteil für die Pflanzen, weil es Bestäuber fernhält. Ist die Pflanzenpopulation aber stark von Schädlingen befallen, verkehrt sich dieser Nachteil zu einem Vorteil: Die Spinnen werden zu „Leibwächtern“ der Pflanzen. Um solche Effekte zu erkennen, müsse daher immer das Ensemble aller Akteure berücksichtigt werden, so die Forscher.

Das sei auch für den praktischen Naturschutz wichtig: „Es ist wichtig, die Interaktionen zwischen Organismen und deren Folgen besser zu verstehen, um die Erkenntnisse zum Schutz von Ökosystemen oder im biologischen Landbau anwenden zu können“, sagt Kauers Kollege Florian Schiestl.

Quelle: Universität Zürich, Fachartikel: Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-018-03792-x

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