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Wenn harmlose Erreger psychisch krank machen

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Streptokokken stehen im Verdacht, neben chronischen Infektionen aus psychische Krankheiten auszulösen. Elektronenmikroskopische Aufnahme: Richard Facklam / CDC
Streptokokken lassen nicht nur Mandeln und Nasennebenhöhlen vereitern. Über Monate verschleppt machen sie psychisch krank, wie ein Ulmer Spezialist in einem Fall nachgewiesen hat. Viren und Bakterien können das Immunsystem auf Dauer so belasten, dass Depressionen und Schizophrenie folgen. Für diese These sammeln Mediziner derzeit mehr und mehr Indizien.

Die 31-jährige Frau war für die Ärzte ein hoffnungsloser Fall: Müdigkeit, Depressionen und Selbstmordgedanken peinigten sie in rascher Folge. Kein Medikament half dagegen. Nicht einmal in der psychiatrischen Klinik besserte sich ihr Zustand nennenswert. Ein Arzt diagnostizierte schließlich eine „therapieresistente Depression“.

Doch zum Glück hat er sich getäuscht. Dank Antibiotika ist die Frau inzwischen gesund und arbeitet seit vier Jahren wieder. Die heilenden Pillen hat ihr der Arzt Karl Bechter verordnet. Der Spezialist für psychische Erkrankungen vom Bezirkskrankenhaus der Universität Ulm schöpfte Verdacht, nachdem er im Blut Antikörper gegen Streptokokken und Anzeichen einer chronischen Infektion bemerkte.

Er vermutet, dass die Patientin zwei Jahre lang an einer wellenartig wiederkehrenden Erkrankung durch die Bakterien litt. Das habe die Depression hervorgerufen. „Psychische Erkrankungen sind in einigen Fällen eine Folge von Abwehrkämpfen des Immunsystems“, ist Bechter überzeugt. Eine ungewöhnliche These, die er anhand der Krankheitsgeschichte der 31-jährigen Patientin bestätigen konnte.

Depressiv und schizophren durch Bakterien und Viren? Früher suchte man die Ursache psychischer Leiden in erster Linie im sozialen Umfeld, in der Kindheit und der Erziehung. „Generationen von Eltern haben sich Vorwürfe gemacht. Aber die Familie spielt als Auslöser überhaupt keine Rolle“, räumt Bernhard Bogerts, Psychiater an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg, mit diesem Klischee auf. Die Mitmenschen beeinflussen zwar den Verlauf der Erkrankung, aber die Wurzel des Übels sind sie nicht. Die Ursachen sieht der Mediziner andernorts: Die Gene, vorgeburtliche Hirnstörungen und ein aus dem Tritt geratenes Immunsystem „spielen dabei eine wichtige Rolle“, so Bogerts. Gerade schleichende und chronische Entzündungen lenken das Immunsystem auf die schiefe Bahn.

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„Wir haben für mindestens 13 Erreger Hinweise, dass sie mit psychischen Erkrankungen in Verbindung stehen“, führt Bechter aus. Neben Streptokokken gehören Borrelien dazu, die von Zecken auf den Menschen übertragen werden. Jahre nach dem Biss habe sich die Infektion bei einigen Patienten mit einer Depression gemeldet, berichtet Bechter.

Auf der Liste der Verdächtigen stehen auch Herpes- sowie HI-Viren und Chlamydien, die beim Sex übertragen werden. „Es sind sogar Erreger dabei, die als nicht besonders gefährlich gelten, die sich aber im Nervensystem einnisten.“ Aus ihrem Versteck heraus können sie ein tückisches Spiel treiben.

Wie die Erreger den Menschen in die psychische Krankheit treiben, ist allerdings bislang nicht geklärt. Bei Aids-Patienten, die an einer Depression litten, fand man nach ihrem Tod, dass der Eiweißstoff Kynureninsäure in ihrem Gehirn abnormal verändert war. Dadurch wird der Informationsaustausch zwischen den Neuronen gestört. „Bei HIV-Patienten sind bestimmte Zellen des Gehirns voll mit Viren“, betont Bechter.

Auch andere Erreger hinterlassen Spuren im Gehirn: Das Borna-Virus schädigt Glia- und Nervenzellen, wie bei Depressiven und Schizophrenen nachgewiesen wurde. Auch die Nervenzellfortsätze werden von diesem Virus in die Mangel genommen. Bechter konnte einigen Patienten helfen, indem er einen Teil der Bakterien und Viren aus ihrem Nervenwasser filterte.

Doch die Psychoneuroimmunologen kommen nur langsam voran bei der Suche nach weiteren Indizien. Sie müssen auf verstorbene psychisch Kranke hoffen, deren Angehörige einwilligen, das Gehirn auf mögliche Virusrelikte oder Zeichen einer Entzündung zu durchsuchen. Im neuropathologischen Labor von Bogerts werden derzeit Schädel von manisch Depressiven, Schizophrenen und Selbstmordopfern analysiert.

„Der Nachweis ist sehr schwierig“, klagt Bogerts. Denn längst nicht jede Infektion lastet für immer auf der Seele. Nur ein sehr kleiner Teil der Menschen schleppt die Erkrankung dauerhaft mit sich herum und bekommt schließlich ein psychisches Leiden. „Erreger spielen bei einem bedeutenden Prozentsatz der Patienten eine Rolle. Aber das Bakterium „Schizokokkus“, das von heute auf morgen wahnsinnig macht, gibt es nicht“, unterstreicht Bogerts. Depressionen und Schizophrenien sind uneinheitliche Erkrankungen. Der Einfluss verschiedener Erreger könnte eine Erklärung dafür liefern.

ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner
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In|duk|ti|ons|be|weis  〈m. 1; Philos.〉 Beweis durch Induktion

Die Frage, sieht man was oder sieht man nichts, und wenn man was sieht, warum, und wenn nicht, warum nicht, ist eine der wichtigen Fragen in der Coronakrise.

Bei Wolfgang Wodarg, der solche Fragen stellt, aber dazu gewagte Thesen vertritt, steht eine Grafik auf der Internetseite, in der Sterbefälle aus der ersten Sonderauswertung der Statistischen Bundesamtes abgebildet sind. Vorgestern hat das Statistische Bundesamt eine zweite Sonderauswertung veröffentlicht, bei der man mehr als bei der ersten sieht. Das war hier gerade erst Thema, das ist also nicht mein Thema.

Mich interessiert vielmehr, was sieht man bei Wodarg? Ich sehe für den Zeitraum vom 1.1. bis zum 15.3. die Häufigkeit der Sterbefälle der Jahre 2016 bis 2020 und zusätzlich eingefügt zwei Linien „Verstorbene ohne Covid-19 2020“ und „Verstorbene mit Covid-19 2020“. Die Kurven addiert ergeben die Kurve „Verstorbene 2020 (insgesamt). Das soll zeigen, dass die Gesamtmortalität unauffällig ist, dass man also nichts sieht.

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Bis zum 15. März, dem Ende der Zeitskala, die Wodarg abbildet, gab es lt. RKI insgesamt nur 12 coronaassoziierte Sterbefälle in Deutschland. Wodargs Aussage, dass man in diesem Zeitfenster bei der Gesamtmortalität nichts sieht, ist daher problemlos zuzustimmen. Aber in seiner Grafik sieht man was: Die Kurve „Verstorbene mit Covid-19 2020“ steigt am 15.3. auf deutlich über 500 Fälle. Wo kommen die her? Hat jemand eine Idee, was Wolfgang Wodarg hier zeigt? Hat er bei den Corona-Toten die späteren Fallzahlen zeitlich nach vorn geschoben? Er schreibt ja, die Daten aus dem Statistischen Bundesamt würden „etwas hinterherhinken“. Dachte er also, die späteren Meldefälle gehören zeitlich nach vorn versetzt? Oder ist die Zeitskala falsch bezeichnet? Oder stehe ich einfach auf dem Schlauch und er will auf etwas ganz anderes hinaus? Um Nachhilfe wird geben.

Disclaimer:

Dass Wolfgang Wodarg zu Corona seltsame Thesen vertritt, steht oben am Anfang des zweiten Absatzes. Das muss also nicht mehr gesagt werden. Auch nicht in pejorativer Form. Ihn zu beschimpfen hilft nicht, die Kurven zu verstehen, die er zeigt und vielleicht lohnt es sich ja, sie zu verstehen, auch wenn man seine Thesen für irreführend oder desinformativ hält.

http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2020/05/02/coronakrise-sterbefaelle-ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=coronakrise-sterbefaelle-ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst

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