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Wenn Tiere heilen

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Kaninchen und andere Tiere können bei vielen Krankheiten helfen. Bild: p.roid, Photocase
Tiere können im Krankenhaus die Heilung unterstützen, belegen Studien von Tiertherapeuten. So helfen Kaninchen, Katzen und Hunde, Patienten mit Krebs, psychischen Erkrankungen oder nach einem Schlaganfall bei der Genesung.

Der Patient kann seinen Kopf beim besten Willen nicht nach links wenden. Das gute Zureden der Krankenschwester ändert nichts daran. Er leidet am sogenannten Neglect-Syndrom nach einem Schlaganfall, bei dem eine Seite des Körpers und der umgebende Raum nicht mehr wahrgenommen werden. Der Kopf hängt schief. Der Patient meint jedoch, er halte diesen kerzengerade. Als die Ärztin ein Kaninchen auf die vernachlässigte Seite setzt, wendet der Mann plötzlich seinen Kopf dem Tier zu. Solche Reaktionen hat die Neuropsychologin Stephanie Böttger bereits mehrfach im Klinikum Harlaching des Städtischen Klinikums München erlebt. Das Kaninchen erreicht, was mit bloßen Worten nicht gelingt.

In der Münchner Klinik helfen die Fellgesellen den Patienten in der neurologischen Frührehabilitation nach Schlaganfällen, nach Schädel-Hirn-Verletzungen und Hirnhautentzündungen, wieder auf die Beine zu kommen. „Tiere sind seit 2003 ein wichtiger Baustein in unserem Therapiekonzept“, erklärt Böttger. Die Kaninchen seien eine ideale Ergänzung zu Schwestern und Ärzten. Sie sind stets gut gelaunt, kontaktfreudig und neugierig, außerdem pflegeleicht und sauber. Sie bleiben neben einem reglosen Patienten still sitzen. Mit ihren großen Augen lösen sie spontan emotionale Reaktionen aus.

Nach Böttgers Erfahrung sind Tiere sogar herkömmlichen Therapien mit dem Computer überlegen. „Das Training am PC ist oft zu anstrengend, und die Patienten können sich schwer dafür motivieren“, schildert sie. Die beiden Stationskaninchen ziehen dagegen spontan die Aufmerksamkeit auf sich. Selbst Bettlägerige begrüßen die Tiere, wollen sie streicheln und füttern. „Über den emotionalen Kontext wird die Motivation geweckt. Erst dadurch ist es möglich, Funktionstraining anzuknüpfen. Emotion und Funktion – das ist der Schlüssel der Tiertherapie“, erläutert die Ärztin.

Beim Streicheln des Kaninchens wird die Feinmotorik trainiert. Der Patient kann dazu ermuntert werden, eine gelähmte Hand bevorzugt zu benutzen. Beim Sprechen mit dem Tier muss das Gedächtnis arbeiten. Erinnert sich der Patient an den Namen des vierbeinigen Stationsgastes? „Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt“, schwärmt Böttger von der Therapie.

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Aus Videoaufnahmen weiß sie: Mit den Kaninchen erlangen die Patienten die verlorengegangenen Fähigkeiten schneller zurück. Insbesondere das Neglect-Syndrom, das sonst nur schwer zu behandeln ist, kann mit Hilfe der Tiere oft spontan geheilt werden. Warum sie in diesem Fall erfolgreicher sind als das Computertraining untersucht Böttger derzeit zusammen mit dem Universitätsklinikum in Essen. Sie vermutet, dass die Vierbeiner im Gehirn viel mehr Regionen ansprechen als der PC.

In der Münchner Klinik können die Patienten aus diesem Grund auch Besuch von ihren Haustieren in einem separaten Zimmer bekommen. Daneben verfügt das Krankenhaus über einen Streichelzoo mit Schafen und Ziegen. Das bayerische Krankenhaus darf sich damit zu den Vorreitern der Tiertherapie zählen. Sie ist sonst vor allem in den USA und Kanada weit verbreitet. Allerdings verfügen mittlerweile auch einige weitere Kliniken in Deutschland über Tierbesuchszimmer. Manche kooperieren mit Tierbesuchsdiensten, so dass ein Hund oder eine Katze dem Patienten stundenweise Gesellschaft leisten kann.

Es lohnt sich nachzufragen, ermuntert Anke Prothmann, Tiertherapeutin in der Kinderklinik und Poliklinik der Technischen Universität München . In einer Umfrage hat sie herausgefunden, dass mehr als 40 Prozent der Krankenhäuser Tiere in ihren Gebäuden haben oder diese hineinlassen. Dabei sind die Heilungspotenziale der Vierbeiner beachtlich, wie Prothmann in mehr als zehn Jahren Forschung herausgefunden hat: Kinder fühlen sich in Gegenwart von Hunden wesentlich wohler. Nach einer Operation empfinden sie dank des Besuches von Vierbeinern weniger Schmerzen als ohne, wie eine Studie ergab.

Hunde und Katzen tun dem Menschen körperlich und seelisch gut, wie aus Studien über Haustierbesitzer bekannt ist. Beim Kontakt mit einem Tier schlägt das Herz langsamer, der Blutdruck und der Wert des Stresshormons Kortisol sinken. Gleichzeitig wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet, das für ein wohliges Glücksgefühl sorgt.

„Ich kann keine Krankheiten nennen, bei denen Tiere nicht günstig sind“, so Prothmann. Bei 61 Kindern mit psychischen Störungen angefangen von Sprachstörungen, Gehörlosigkeit über Autismus bis hin zur Magersucht konnte sie mit Hunden stets das Befinden verbessern. Die Tiere helfen dabei, dass Depressive wieder Mut fassen. Sie mildern auch die Beschwerden von Bluthochdruck und Zuckerkrankheit. In den USA dürfen krebskranke Kinder in den Kliniken mit Tieren spielen, damit sie besser mit der Situation klarkommen. Eine Therapie mit Medikamenten und eine Operation ersetzen sie freilich nicht.

Trotz aller Vorzüge der Tiertherapie kommt sie nicht für alle Patienten infrage: Bei offenen Wunden oder Menschen mit schwachem Immunsystem werden die Ärzte in der Regel keinen Kontakt mit einem Tier zulassen. „Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Grundsätzlich geht von einem Kaninchen kein größeres Infektionsrisiko aus als von einer Krankenschwester“, kommentiert Böttger.

ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner
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