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Wenn Vitamine zuckerkrank machen

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Am gesündesten sind die Vitamine in ihrer natürlichen Verpackung: Eine ausgewogene Ernährung. Bild: Scott Bauer, Wikipedia.
Vitamine und Mineralien gelten als gesund und sogar lebensnotwendig. Doch in Pillen genommen sind sie durchaus umstritten und können unter Umständen auch die Gefahr eines Diabetes erhöhen. Darauf deutet inzwischen eine Reihe von Studien mit Vitamin E, C und Selen hin.

Selten verraten Fachwörter so viel wie in diesem Fall. „Radikale“, „Zellgifte“, „oxidativer Stress“ – die Begriffe meinen dasselbe und in jedem Fall nichts Gutes. Radikale sind hochreaktive Stoffe im Körper, die die Haut angreifen, ebenso die Zellen und das Erbgut. Sie machen alt und krank. Bei Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und Alzheimer spielen sie übel mit.

Kein Wunder werben deshalb Hersteller von Kosmetika und Vitaminpillen damit, dass ihre Produkte die gefährlichen Ruinöre der Gesundheit aus dem Körper ziehen oder von ihm fern halten. Antioxidantien, namentlich Vitamine, bringen Radikale hinter Schloss und Riegel. Wer reichlich davon konsumiert, der darf den Herstellern von Vitaminpräparate zufolge auf ein langes, vitales Leben in Schönheit hoffen.

Doch nun wankt das Bild von den guten Vitaminen und den schlechten Radikalen ganz gehörig. „Vitaminpräparate steigern das Diabetes-Risiko“, überschrieb die Pressestelle der Universität Jena im Mai dieses Jahres eine Mitteilung. Ein Team um Ernährungswissenschaftler Michael Ristow ließ 39 junge Männer täglich trainieren, weil sich Bewegung bekanntermaßen günstig auf den Zuckerstoffwechsel auswirkt und vor Diabetes schützt. Die Hälfte der Teilnehmer schluckte zusätzlich Vitamin E und C. Doppelt gut, sollte man meinen. Doch die Forscher stellten fest, dass die Pillen die positive Wirkung des Sports vollends zunichte machen. Wir müssen sogar davon ausgehen, dass Antioxidantien das Diabetes-Risiko eventuell erhöhen, schließt Ristow. Und damit noch nicht genug. Erst zwei Jahre zuvor ließ sein Team verlautbaren, dass Vitamine und Antioxidantien womöglich die Lebenserwartung vermindern.

Andernorts ist man zaghafter in der Formulierung, ähnlich in der Tendenz. Ende 2008 brach das amerikanische National Cancer Institute eine Studie mit 35.000 Teilnehmern überraschend ab. Sie hatten wahlweise Vitamin E oder den antioxidativen Mineralstoff Selen gegen Prostatakrebs genommen. Doch in der Vitamin-E-Gruppe fand man den gefürchteten Tumor sogar häufiger. Die Patienten, die Selen einnahmen, wurden dagegen häufiger zuckerkrank.

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Es ist nicht das erste Mal, dass auch in Pillen eingenommenes Selen negativ auffällt. So kann zu viel des Minerals das Risiko für Diabetes um 57 Prozent emporschnellen lassen, beobachteten Forscher 2007. In einer anderen Erhebung wurden fast dreimal mehr Menschen zuckerkrank. Allerdings bietet die Fachliteratur, wie bei allen Vitamin- und Mineralstoffen, auch Widersprüchliches. Eine Studie fand keinen Einfluss von Selen auf die Gesundheit, eine andere einen positiven Effekt.

So viel ist zumindest gewiss: „Bis jetzt hat man keinen Beweis, dass isolierte Vitaminpräparate eine eindeutig positive Wirkung haben“, meint Andrea Hartwig vom Institut für Lebensmitteltechnologie und Lebensmittelchemie an der Technischen Universität Berlin. „Die zusätzlichen Vitamine bringen nicht das, was viele erwarten“, pflichtet Matthias Blüher von der Medizinischen Klinik und Poliklinik III der Universität Leipzig bei, der an Ristows Studie beteiligt war.

In dem Maße, wie sich das Bild der Antioxidantien eintrübt, wird deutlich, dass man die Radikale zu Unrecht pauschal verunglimpft hat. So wurde in der Jenaer Studie bei den Sportlern ein doppelt so hoher Wert an hochreaktiven Stoffen gemessen, wenn sie keine Pillen schluckten. Die Bewegung kurbelt den Stoffwechsel der Zellen an. Sie produzieren dadurch mehr Zellgifte. Doch dieser kurzzeitige Schub an Radikalen wirkt sich nachgerade günstig auf den Stoffwechsel aus und beugt einer Zuckerkrankheit vor. Ristow vermutet, dass er einer Impfung gleichkommt, die die körpereigene Abwehr gegen Radikale mobilisiert. Die vorübergehende Schwemme an Radikalen würde – dieser dieser Logik folgend – helfen, oxidativen Dauerstress zu vermeiden.

Die Theorie ist umstritten. Doch angesichts der Befunde streifen die Radikale ihren üblen Leumund allmählich ab. „Eine gewisse Menge ist gut, um die normalen Signalwege und zellulären Vorgänge im Körper aufrechtzuerhalten“, bekräftigt Hartwig. „Aber zu viel muss man meiden.“ Wenn es Radikale nicht gäbe, könnten grundlegende Prozesse wie die Immunabwehr nicht richtig ablaufen, teilt auch Gholam Ali Khoschsorur von der Medizinischen Universität Graz mit. „Zwischen oxidativem Stress und Antioxidantien herrscht ein Gleichgewicht im Körper. Deshalb ist oxidativer Stress zu einem gewissen Grad positiv.“

Weitgehend einig sind sich die Forscher in den Konsequenzen aus ihren bisherigen Erkenntnissen. „Mit Vitaminpräparaten läuft man Gefahr, in eine Überversorgung zu rutschen, die bedenklich ist“, warnt Hartwig. Allenfalls für einzelne Patientengruppen sehen Blüher und Khoschsorur die Pillen als hilfreich an, etwa bei einer Magen-Darm-Erkrankung oder nach einer Operation. Ansonsten raten sie unisono zu einer ausgewogenen Ernährung ohne Tabletten. Hartwig: „Das Gleichgewicht aller Vitamine tariert sich so am besten aus.“

ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner
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