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Wespen beherrschen mentalen Transfer

Feldwespe
Eine Wespe der Art Polistes dominula auf einer Blüt. (Bild: Elizabeth Tibbetts)

Für uns Menschen ist diese Schlussfolgerung simpel: Wenn A größer ist als B und B größer als C, dann muss A auch größer sein als C. Doch wie sieht dies bei Tieren aus? Jetzt belegt ein Experiment, dass sogar Wespen diese mentale Transferleistung beherrschen. Wenn sie bei vier Farbpaaren lernen, welche Farbe jeweils richtig ist, übertragen sie dieses Wissen problemlos auf unbekannte Farbpaarungen, wie die Tests ergaben.

Die Fähigkeit, von bekannten Verhältnissen auf unbekannte zu schließen, galt lange als rein menschliche Domäne. Nur wir Menschen, so glaubte man, beherrschen diese Form der mentalen Transferleistung. Doch in den letzten Jahren haben Studien demonstriert, dass auch einige Tiere diese Fähigkeit besitzen, darunter einige Vogelarten, Affen und sogar Fische.

Honigbienen scheitern, aber wie ist es mit Wespen?

Unklar blieb jedoch, inwieweit wirbellose Tiere wie Insekten solche Schlussfolgerungen ziehen können. Erste Tests mit Honigbienen – einer gemeinhin als relativ „schlau“ geltenden Insektenspezies – zeigten, dass die Bienen an dieser Aufgabe scheiterten. Eine mögliche Erklärung dafür wäre, dass das Gehirn von Insekten vielleicht doch zu klein für solche komplexen mentalen Leistungen ist. Denkbar wäre aber auch, dass diese Art von Transferleistung für die Bienen wenig nützlich ist und sich daher bei ihnen nie entwickelt hat.

Um mehr über die Fähigkeiten von Insekten in Bezug auf diese Geistesleistung herauszufinden, haben Elizabeth Tibbetts und ihre Kollegen von der University of Michigan in Ann Arbor nun andere Vertreter der Insekten getestet: Feldwespen der Gattung Polistes. Diese Wespen besitzen mit rund einer Million Neuronen ein etwa gleichgroßes Gehirn wie die Honigbienen, haben aber eine andere Sozialstruktur. Denn die Königinnen der Wespen müssen sich erst längere Zeit gegen mehrere Rivalinnen durchsetzen, bevor sie ein stabiles Nest gründen.

Farbpaare als Testaufgabe

Für das Experiment sammelten die Forscher mehrere Wespen-Nestgründerinnen aus dem Freiland ein und trainierten sie im Labor auf eine bestimmte Aufgabe: Die Tiere bekamen jeweils zwei Farben zur Auswahl und sollten lernen, immer nur auf eine davon zuzulaufen. Entschieden sie sich falsch, bekamen sie einen leichten Stromschlag. Im Laufe von vier Tagen lernten die Wespen so täglich ein anderes Farbpaar aus insgesamt fünf Farben. „Ich war wirklich überrascht, wie schnell und präzise die Wespen diese Aufgabe beherrschten“, sagt Tibbetts.

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Am fünften Tag jedoch wurden die Wespenköniginnen mit zwei neuen, zuvor nicht trainierten Kombinationen dieser Farben konfrontiert. Würden sie das zuvor Gelernte auf die neuen Paare übertragen? „Wenn die Insekten den mentalen Transfer beherrschen, dann müssten sie aus den vorherigen Farbpaarungen eine interne Hierarchie der „sicheren“ Farben A > B > C > D > E erstellen“, sagen die Forscher. Dieses Wissen könnten sie dann nutzen, um in den neuen Paarungen B versus D und A versus E die richtige Farbe auszuwählen.

Transferleistung demonstriert

Und tatsächlich: Die Wespenköniginnen entschieden sich bei diesen noch unbekannten Farbpaarungen signifikant häufiger für die „sicheren“ Farben B und A, wie Tibbetts und ihre Kollegen berichten. Demnach hatten sich die Insekten nicht nur die früheren Paarungen und ihre Erfahrungen damit gemerkt, sondern übertrugen dieses Wissen auch auf die neuen Aufgaben. „Unsere Ergebnisse liefern den entscheidenden Beleg dafür, dass Polistes-Wespen das Gelernte zu einer internen Hierarchie ordnen und dann mentalen Transfer nutzen, um bei neun Paarungen die richtige Wahl zu treffen“, so die Forscher. „Das ist unseres Wissens nach die erste Studie, die eine solche Transferleistung bei einem wirbellosen Tier zeigt.“

Damit scheint klar: Auch ein Tier mit einem kleinen Gehirn kann komplexe geistige Leistungen vollbringen. „Unsere Ergebnisse ergänzen die wachsenden Belege dafür, dass die Miniatur-Nervensysteme der Insekten sie nicht an komplexen Verhaltensweisen hindert“, konstatieren Tibbetts und ihr Team. Stattdessen scheint im Falle der Wespen die Sozialstruktur die Fähigkeit zum mentalen Transfer zu begünstigen. Denn die Nestgründerinnen müssen in ihrem natürlichen Umfeld erfassen, welche Rivalinnen ihnen am ehesten gefährlich werden können und deren soziale Beziehungen abschätzen. In diesem Kontext kann es von Vorteil sein, auch neue Beziehungen durch Transfer einordnen zu können, so die Forscher.

Quelle: University of Michigan; Fachartikel: Royal Society Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2019.0015

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