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Wie das Gehirn sein Urteil fällt

Emotionen spielen bei moralischen Bewertungen eine sehr große Rolle, wie wissenschaftliche Einblicke in den Kopf zeigen.

Stellen Sie sich eine Straßenbahn vor, die einen Berg hinabrollt. Plötzlich sieht der Fahrer, dass fünf Menschen auf den Schienen stehen. Er versucht zu bremsen – doch die Bremsen versagen. Er hat nun die Wahl, eine Weiche vor der Bahn umzustellen und so in Kauf zu nehmen, einen Menschen auf dem Nachbargleis zu überfahren – oder die fünf anderen Menschen zu überrollen: Was soll er tun? Ist es moralisch besser, der Bahn ihren Lauf zu lassen und fünf Menschen zu töten – oder den Kurs zu ändern und nur einen Menschen zu töten? (Und was, wenn dieser eine Albert Einstein wäre – oder aber ein entflohener Sträfling?)

Ein moralisches Dilemma dieser Art gibt es nicht nur in philosophischen Gedankenexperimenten. Wie real eine solche Situation werden könnte, zeigte die Diskussion um das Luftsicherheitsgesetz vor wenigen Monaten: Wäre es moralisch akzeptabel, ein voll besetztes, von Terroristen gekapertes Flugzeug abzuschießen, um zu verhindern, dass es möglicherweise in ein Hochhaus oder Fußballstadion gelenkt wird und noch viel mehr Menschen sterben? Die meisten Menschen – Philosophen eingeschlossen – würden die Weiche im Straßenbahn-Beispiel umstellen, um das Unglück möglichst klein zu halten. Doch angenommen, die Bahn rattert auf die potenziellen fünf Opfer zu und es gibt keine Weiche – aber eine unbeteiligte Passantin am Schienenrand hätte die Möglichkeit, einen sehr dicken Mann, der neben ihr steht, auf die Schienen zu stoßen, um so die heranrollende Bahn zum Stillstand zu bringen und den fünf Menschen das Leben zu retten. Es steht also wieder fünf zu eins. Sollte die Passantin handgreiflich werden? (Sie selbst ist zu schlank, um durch ihren Märtyrer-Tod die Bahn aufzuhalten.)

Von einem utilitaristischen Standpunkt aus – einer quasi-mathematischen ethischen Kosten-Nutzen-Abwägung – wäre es besser, den dicken Mann zu opfern, um die fünf anderen zu retten. Trotzdem ergaben Umfragen, dass die meisten Menschen, auch viele Philosophen, nicht so handeln würden. Und auch nicht wollen, dass die Passantin so handelt. Was also macht es moralisch (mehr) akzeptabel, den einen Menschen im ersten Fall (Weichenumstellung) zu opfern, um fünf andere zu retten, nicht aber im zweiten? Kommt die Asymmetrie im moralischen Urteil daher, dass es sich im ersten Fall um eine Art „Kollateralschaden“ handelt, weil jemand im Weg steht, im zweiten Fall aber ein Mensch als Mittel missbraucht wird? Oder geht es eher darum, einen ethischen „ Dammbruch“ zu verhindern? Wenn nämlich der tödliche Stoß zu rechtfertigen ist, dann könnte man vielleicht auch einen gesunden Menschen ins Koma versetzen und „ausschlachten“, um mit seinen Organen das Leben von fünf anderen zu retten, die dringend einen Organspender suchen. Oder ist die Asymmetrie eine Folge davon, wie unmittelbar die Handlung ausgeführt wird – quasi abstrakt bei der Weichenumstellung, aber konkret und gewalttätig beim Stoßen?

die Vernunft ist auf Gefühle angewiesen

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Fest steht, dass der tödliche Stoß emotional aufreibender ist. Das zeigten auch Hirnscans, die ein Forscherteam um Joshua D. Greene von der Princeton University mit der funktionellen Magnetresonanztomographie gemacht hat. Dabei wurden den Versuchspersonen im Scanner mehrere Dutzend Dilemmas genannt. Zwei Drittel davon waren moralische: sowohl persönliche Dilemmas (wie beim Straßenbahn-Beispiel) als auch unpersönliche (ob etwa eine Geldbörse auf dem Fundbüro abgegeben werden soll). Das restliche Drittel handelte von nichtmoralischen Dilemmas (ob man zum Beispiel mit dem Bus oder dem Zug irgendwohin fahren soll). Den Versuchspersonen wurde jeweils eine Antwort genannt, und sie mussten entscheiden, ob die angemessen war oder nicht. Das Ergebnis: Bei den moralisch persönlichen Dilemmas waren Hirnregionen sehr aktiv, die weite Bereiche der vorderen und oberen Großhirnrinde umfassen und mit der Verarbeitung oder Erzeugung von Emotionen zu tun haben: der mittlere frontale, der hintere cinguläre sowie der anguläre Gyrus. Zugleich waren Areale weniger aktiv, die eine Grundlage des Arbeitsgedächtnisses sind: der mittlere frontale Gyrus rechts sowie Teile beider Scheitellappen. Solche moralischen Urteile haben demnach eine starke emotionale Komponente.

Wie sehr die Vernunft beim moralischen Handeln auf Emotionen angewiesen ist, haben Schädigungen im mittleren unteren Stirnhirn (ventraler medialer präfrontaler Cortex, VMPFC) gezeigt, das über den Augen liegt. Die Nervenzellen im VMPFC sind wesentlich an der Steuerung von Körpervorgängen bei Gefühlsreaktionen beteiligt. Schädigungen im VMPFC führen zu Triebenthemmung, Gefühlsarmut, mangelndem Einfühlungsvermögen, viel weniger Gewissensbissen, Mitleid-, Scham- und Schuldgefühlen sowie zu Schwierigkeiten im Sozialleben, wozu auch die Missachtung sozialer Normen gehört. Nicht beeinträchtigt sind kognitive Fähigkeiten wie Intelligenz, Wortschatz, Rechnen und das räumliche Vorstellungsvermögen. Die Persönlichkeit der Betroffenen verändert sich dagegen stark: Viele fallen auf durch Randalieren, Kriminalität, riskante Sexualkontakte, Wutausbrüche, schlechte Finanzplanung und einen Mangel an Schuldbewusstsein. Außerdem haben sie große Schwierigkeiten, in komplexen Situationen Entscheidungen zu treffen. Die Ursache ist, dass sie die Probleme nur verstandesmäßig angehen, was aufgrund der meist knappen Zeit und der Unberechenbarkeit der Situation oft zu schlechten Lösungen führt. Den Menschen fehlen die „sekundären“, das heißt die erlernten Gefühle – im Unterschied zu „primären Gefühlen“ wie Angst oder Ekel.

kalte berechnung versagt

Bei VMPFC-Patienten ist – im Gegensatz zu Gesunden und Menschen mit anderen Hirnschäden – auch eine verminderte emotionale Reaktion bei persönlichen moralischen Urteilen messbar, etwa im Straßenbahn-Szenario. Das haben kürzlich Untersuchungen zweier Neuropsychologen-Teams um Michael Koenigs und Antonio Damasio von der University of Iowa sowie um Elisa Ciaramelli von der University of Toronto gezeigt. Bei nichtmoralischen oder unpersönlichen moralischen Urteilen fanden die Forscher dagegen keine Unterschiede. Die VMPFC-Geschädigten entscheiden beziehungsweise bewerten also utilitaristischer: Sie würden beispielsweise den Dicken opfern, um die fünf anderen Passanten zu retten.

Diese Untersuchungen sind eine wichtige Ergänzung zu den Hirnscans von Greenes Team. Denn aus denen allein lässt sich nicht erschließen, ob die emotionalen Vorgänge die Ursache oder die Folge moralischer Urteile sind. Und Verhaltensanalysen allein sagen nichts über die neuronalen Grundlagen moralischer Urteile aus. Erst die klinischen Studien konnten die Erklärungslücke schließen, wie Gehirnaktivitäten, Emotionen und moralische Urteile zusammenhängen. Sie zeigten, ob und wie Defekte in den entsprechenden Gehirnarealen die moralischen Urteile verändern. VMPFC-Geschädigten bleibt nichts anderes übrig, als Situationen „ kalt“ zu berechnen. Wird ihr Urteil besser, weil ihre Gefühle ausgeschaltet sind? Das mag einem Verfechter des ethischen Utilitarismus so erscheinen, gilt aber nicht allgemein. In komplexen Situationen haben VMPFC-Patienten sogar größte Entscheidungsschwierigkeiten, weil ihnen die emotionalen Leitlinien fehlen, viele Situationen aber so unübersichtlich sind, dass sie sich nicht „durchrechnen“ lassen. Auch einfache ökonomische Entscheidungen fällen solche Menschen oft falsch – und zwar interessanterweise durch einen emotionalen Überschuss.

Das zeigten Experimente mit dem Ultimatum-Spiel, das folgendermaßen abläuft: Spieler A erhält 100 Dollar und darf einen Teil davon Spieler B geben, muss das aber nicht. B weiß von den 100 Dollar und kann den ihm überlassenen Teil nehmen oder ablehnen. Akzeptiert B, behält A den Rest. Falls B aber seinen Teil ablehnt, verliert auch A, was er für sich behielt, und beide Spieler gehen leer aus. Viele solche Spiele zeigten, dass B typischerweise das Angebot von A nicht akzeptiert, wenn es um 20 Dollar oder weniger geht. Das ist, streng ökonomisch betrachtet, gegen das Interesse von B, denn auch 20 oder nur 10 Dollar zu erhalten, ist besser als nichts.

Investition gegen Unfairness

Die Ablehnung lässt sich nicht utilitaristisch begründen. Aus psychologischer und soziobiologischer Perspektive ist sie allerdings verständlich: Ein niedriges Angebot von A erscheint unfair und unterläuft kooperatives Verhalten. Die Ablehnung ist also eine altruistische Bestrafung: B gibt A zu verstehen, dass A falsch gehandelt hat, und lässt sich das etwas kosten. Die altruistische Bestrafung hat eine emotionale Motivation – ausgelöst durch Frustration und das Gefühl der Unfairness. Aber sie ist auch rational, insofern sie bei wiederholten Spielen dieser Art die Kooperation fördert – und somit ein insgesamt besseres Ergebnis für beide Parteien bewirkt.

Die Studien zeigten, dass VMPFC-Geschädigte im Ultimatum-Spiel emotionaler reagieren als normale Versuchspersonen: Sie akzeptieren niedrige Angebote mit größerer Wahrscheinlichkeit nicht. Bedeutet dies, dass ihre Frustrationstoleranz geringer ist, also ihr Ärger über die Unfairness größer? Möglicherweise. Doch daraus folgt nicht, dass sie „moralischer“ handeln. Denn im Ultimatum-Spiel geht es auch um ein konkretes Eigeninteresse, nämlich um die „Erziehung“ des anderen – in Gedankenexperimenten wie beim Straßenbahn-Szenario dagegen ausschließlich um das Interesse anderer.

Dass die Interpretation nicht einfach ist, zeigen Experimente eines Teams um die Neuropsychologin Daria Knoch von der Universität Zürich: Bei gesunden Versuchspersonen wurde die rechte Seite des dorsolateralen vorderen Stirnhirns – weiter oben und mehr seitlich als beim VMPFC – vorübergehend „ausgeschaltet“. Dazu setzten die Forscher ein Verfahren ein, bei dem starke Magnetimpulse die Nervenaktivitäten kurzzeitig blockieren – die repetitive Transkranielle Magnetstimulation. Danach akzeptierten die Versuchspersonen auch unfaire, sehr niedrige Angebote im Ultimatum-Spiel – obwohl sie sich der Ungerechtigkeit bewusst waren. Die Geschwindigkeit ihrer Entscheidungen änderte sich nicht in Abhängigkeit von der Höhe der Offerten. Dagegen brauchten Personen, bei denen das linke Stirnhirn blockiert wurde oder die keinen Magnetimpuls bekamen, etwas mehr Bedenkzeit bei unfairen Angeboten: Ihr Gehirn musste gleichsam erst den Konflikt zwischen Egoismus und Gerechtigkeitsempfinden austragen.

Die bisherigen Ergebnisse passen sehr gut zu einem Modell, demzufolge moralisches Urteilen auf einer Kombination von intuitiven und affektiven mit bewussten rationalen Mechanismen basiert. Der VMPFC ist notwendig für den ersten, nicht aber für den zweiten Mechanismus. „Bauchgefühle“ sind also wichtig dafür, ob wir etwas als richtig oder falsch empfinden. Das bedeutet allerdings nicht, dass nur Emotionen für unsere Entscheidungen verantwortlich sind. Wir entscheiden ja manchmal durchaus bewusst gegen unsere Gefühle. Und welche Entscheidungen aus ethischen Gründen richtig oder falsch sind, das kann – und soll – die Hirnforschung auch nicht beurteilen. ■

Rüdiger Vaas

Ohne Titel

· Neuropsychologen haben entdeckt, wie moralische Empfindungen und Entscheidungen im Gehirn zustande kommen.

· Bestimmte Hirnschäden beeinträchtigen das moralische Urteilsvermögen, und starke Magnetfelder können es vorübergehend ausschalten.

· Gefühle und Vernunft sind Partner, nicht Gegner.

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