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Wie Delfine erstaunliche Tricks lernen

Beim sogenannten Schelling halten Delfine Schneckenhäuser aus dem Wasser, um sich darin zuvor gefangene Fische ins Maul zu befördern. (Bild: Sonja Wild, Dolphin Innovation Project)

Ihre Intelligenz und Raffinesse ist legendär – nun haben Verhaltensforscher bei Delfinen auch die Fähigkeit zum horizontalen Wissenstransfer festgestellt: Ähnlich wie Menschenaffen können sie nicht nur von ihren Müttern lernen, sondern auch von ihren Altersgenossen. Dies haben sie bei der erstaunlichen Jagdtechnik des „Shellings“ festgestellt, bei der Delfine in der australischen Shark Bay leere Schneckengehäuse als Fallen nutzen.

Es ist ein Erfolgsrezept unserer Spezies: Wir müssen das Rad nicht immer neu erfinden – wir können Techniken und Verhaltensweisen von unseren Mitmenschen erlernen und immer weiter verfeinern. Dabei erwerben wir Wissen nicht nur von unseren Eltern, sondern auch von anderen Mitgliedern unserer Gesellschaft. Lange galt dies als ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen, doch mittlerweile ist bekannt, dass es diesen horizontalen Wissenstransfer auch bei Menschenaffen gibt. Auch Schimpansen und Gorillas erlernen neue Verhaltensweisen und Techniken sowohl vertikal – über die Generationen hinweg, als auch horizontal – durch Transfer zwischen Gleichaltrigen.

Diese Form des sozialen Lernens hat ein internationales Forscherteam nun auch bei Delfinen festgestellt. Bisher ging man davon aus, dass die intelligenten Meeressäuger Techniken zur Nahrungssuche nur von ihren Müttern erlernen. Doch zumindest beim sogenannten Shelling scheint das nicht der Fall zu sein. Es handelt sich dabei um ein Verhalten, das zur „Kultur“ der Indopazifischen Großen Tümmler (Tursiops aduncus) in der Shark Bay in Westaustralien gehört, berichten die Wissenschaftler.

Erstaunlich raffinierte Fangtechnik

Die Delfine nutzen dabei leere Gehäuse großer Meeresschnecken als eine Art Falle: Sie scheuchen Fische gezielt in den vermeintlich sicheren Zufluchtsort am Grund. Normalerweise können Meeresräuber sie dort nicht erwischen. Doch die Delfine der Shark Bay wissen, wie man die Beutetiere wieder aus dem Schneckenhaus heraus befördert. Nachdem sie den Fisch in die Falle gejagt haben, stecken sie ihre Schnauze in das Schneckenhaus und tragen es an die Wasseroberfläche. Dort halten sie das Gehäuse dann aus dem Wasser und schütteln es, sodass das der Inhalt herausläuft und der Fisch sich schnappen lässt.

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Bereits seit den 1990er Jahren steht dieses raffinierte Delfin-Verhalten in der Shark Bay im Fokus der Wissenschaftler. Es hat sich möglicherweise erst recht neu entwickelt und verbreitete sich anschließend in der Population. Um herauszufinden, auf welche Weise dies passierte, werteten sie Beobachtungen des Verhaltens aus und verknüpften diese Daten mit Informationen über die sozialen Netzwerke dieser vergleichsweise gut untersuchten Delfinpopulation. Dabei wurden auch genetische Beziehungen zwischen den Tieren berücksichtigt.

Wie die Forscher berichten, zeichnete sich in den Ergebnissen ab, dass sich die Jagdtechnik in erster Linie innerhalb und nicht zwischen den Generationen ausgebreitet hat – also horizontal übertragen wurde. „Unsere Ergebnisse liefern erstmals einen Beweis dafür, dass Delfine auch fähig sind, als erwachsene Tiere direkt von ihren Artgenossen zu lernen und nicht nur von ihren Müttern“, resümiert Co-Autor Michael Krützen von der Universität Zürich.

Kulturelle Übertragung – ähnlich wie bei Menschenaffen

Dabei handelt es sich somit um eine weitere interessante Parallele zu den Menschenaffen. Obwohl ihre Evolutionsgeschichte und ihre Lebensräume sehr unterschiedlich sind, gibt es auffallende Ähnlichkeiten zwischen der Gruppe der Zahnwale und der Familie der Menschenaffen: „Beide sind langlebige Säugetiere mit großen Gehirnen, die über zahlreiche Fähigkeiten zur Innovation und zur Weitergabe von kulturellen Verhaltensweisen verfügen“, so Krützen. Die Fähigkeit zum horizontalen sozialen Lernen verbessert vermutlich die Anpassungsfähigkeit an schwankende Umweltbedingungen, sagen die Wissenschaftler. „Die Fähigkeit, direkt von Artgenossen zu lernen, ermöglicht eine rasche Verbreitung neuer Verhaltensweisen in den Populationen“, so die Erstautorin der Studie Sonja Wild vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell.

Wie die Forscher berichten, könnte das auch beim Shelling eine Rolle gespielt haben. Offenbar verbreitete sich die Technik demnach besonders stark nach einer beispiellosen Hitzewelle Anfang 2011, bei der viele Fische und Meeresschnecken in der Shark Bay starben. „Möglicherweise hat der durch das Klimaereignis verursachte Beuteschwund die Delfine dazu veranlasst, neues Verhalten zur Nahrungssuche von ihren Gefährten zu übernehmen. Zudem dürfte der Überfluss an toten Riesenschneckenhäusern mehr Möglichkeiten geboten haben, die Shelling-Technik zu erlernen“, sagt Wild.

Video: Darstellung des Verhaltens beim Shelling. (Credit: Sonja Wild, Dolphin Innovation Project)

Quelle: Universität Zürich, Fachartikel: Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2020.05.069

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