Wie "dick" ist die Luft für Fahrradfahrer? - wissenschaft.de
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Wie „dick“ ist die Luft für Fahrradfahrer?

Radfahrer
Radfahrer in der Großstadt (Bild: Chris Mueller/ iStock)

Radfahrer in der Großstadt leben gefährlich – nicht nur wegen der erhöhten Unfallgefahr. Auch der Luftverschmutzung mit Stickoxiden und Feinstaub sind sie besonders stark ausgesetzt. Wie stark die Feinstaubbelastung für Radfahrer konkret ist und welche Rolle dafür die Art und Lage der Radwege und das Verkehrsaufkommen spielen, haben nun Forscher am Beispiel von Berlin und Potsdam ermittelt – mit teilweise überraschenden Ergebnissen.

Die Luft in unseren Städten ist alles andere als gesund – so viel ist inzwischen klar. Vor allem die hohe Belastung mit Stickoxiden und Feinstaub hat in den letzten Jahren immer wieder für Diskussionen über geeignete Gegenmaßnahmen gesorgt. Das Problem jedoch: Zwar ist die Konzentration der Luftschadstoffen an den festen Messstellen hinreichend bekannt, diese liefern aber nur punktuelle Daten. Welchen Belastungen Radfahrer oder Fußgänger auf ihren Wegen durch die Stadt konkret ausgesetzt sind, dazu gibt es bisher deutlich weniger Erkenntnisse.

Fahrrad als mobile Messstation

Um das zu ändern, haben nun Erika von Schneidemesser vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam und ihr Team Fahrräder zu mobilen Feinstaub-Messtationen umfunktioniert. Mit diesen Messfahrrädern fuhren die Forscher während eines Sommers mehrfach gängige, von Radfahrern viel genutzte Routen durch Berlin und Potsdam während der morgendlichen und abendlichen Hauptverkehrszeit ab. Die Strecken führten entlang von Hauptstraßen, aber auch durch Wohngebiete und Parks. Auf einigen Routen gab es Radwege auf Bürgersteigen, auf anderen waren Busspuren oder markierte Fahrbahnteile zur Radnutzung ausgewiesen oder Radfahrer fuhren ohne eigene Radspur auf der Straße.

Über begleitende Videoaufnahmen konnten die Forscher ermitteln, welche und wie viele Fahrzeuge jeweils auf den Straßen unterwegs waren. Das erlaubte es ihnen, genau zu analysieren, wie stark sich die Belastung beispielsweise verändert, wenn ein Bus oder Lieferwagen einen Radfahrer überholt. Auch den Einfluss von Kreuzungen, des Stehens an roten Ampeln und weitere Faktoren konnten die Forscher so erstmals genau erfassen. „Dies ist eine der ersten Studien – und die erste in Deutschland, die quantitativ die Wirkung solcher Umweltvariablen auf die Feinstaubbelastung von Radfahrern untersucht“, sagen von Schneidemesser und ihr Team.

Busse und das Fahren auf der Straße erhöhen die Belastung deutlich

Die Messungen ergaben: Die Intensität der Feinstaubbelastung für Fahrradfahrer wird überraschend stark von der aktuellen Verkehrssituation und Route beeinflusst. So treibt schon die Präsenz nur eines Buses, Mopeds oder größeren Lieferwagens die Feinstaubwerte signifikant in die Höhe, wie die Forscher feststellten. „Die Messwerte in Gegenwart eines oder mehrerer solcher Vehikel erhöhten die Belastung gegenüber dem Hintergrundwert um 30 bis 41 Prozent“, so von Schneidemesser und ihre Kollegen. Dieser Anstieg war zudem deutlich größer als bei einem vorbeifahrenden PKW. „Das spricht dafür, dass der Partikelausstoß dieser Fahrzeugtypen höher ist als bei normalen Privatautos“, sagen die Forscher.

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Wie erwartet erhöhte sich die Feinstaubbelastung für Radfahrer zudem bei Stau um bis zu 47 Prozent, beim Warten an einer Roten Ampel um 35 Prozent. Fahrten durch ruhigere Wohnviertel verringerten die Belastung gegenüber Hauptstraßen um rund 17 Prozent. Überraschend jedoch: Nicht nur Route und Verkehrsaufkommen spielen für die Belastung der Radfahrer eine Rolle, sondern auch die Art des Radwegs. „Radwege auf der Straße führten zu einer um 32 Prozent höheren Feinstaubbelastung, während Radwege auf Bürgersteigen oder in sonstigen straßenferneren Bereichen die Belastung sogar um elf Prozent reduzierten“, berichten die Wissenschaftler. Demnach hat die Nähe zum Verkehr selbst in diesem kleinen Maßstab schon einen deutlichen Einfluss.

Wichtig für die Stadtplanung

Nach Ansicht der Wissenschaftler haben diese Erkenntnisse eine große Bedeutung nicht nur für Fahrradfahrer, sondern auch für Fußgänger und die Planung der städtischen Infrastruktur. „Diese Ergebnisse sind relevant für Entscheider und sollten beeinflussen, wie wir künftig Fahrradinfrastruktur planen und bauen“, konstatieren von Schneidemesser und ihr Team. Die bei vielen Stadtplanern beliebte Lösung, beispielsweise Busspuren für den Radverkehr auszuweisen, sei angesichts der erhöhten Belastung durch Busse und beim Fahren auf Straßen eher keine ideale Option. Allen Radfahrern empfehlen die Forscher, möglichst „Schleichwege“ durch Nebenstraßen, Wohngebiete oder Parks zu nutzen und Hauptverkehrsstraßen zu meiden.

Quelle: Institute for Advanced Sustainability Studies; Fachartikel: Science of the Total Environment, doi: 10.1016/j.scitotenv.2019.06.309

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