Wie Fische entlegene Gewässer besiedeln - wissenschaft.de
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Umwelt+Natur

Wie Fische entlegene Gewässer besiedeln

Als Ei könnte dieser Fisch offenbar im Bauch eines Vogels in seinen Teich gelangt sein. (Bild: mihtiander/iStock)

Geschwommen können sie nicht sein. Doch wie haben Fische abgelegene Gewässer erreicht, die weder Zu- noch Abflüsse besitzen? Offenbar per Luftpost im Bauch von Wasservögeln: Fischeier können die Passage durch den Verdauungstrakt von Enten unbeschadet überstehen, zeigt nun eine experimentelle Studie. Über ihre Ausscheidungen können Vögel dadurch Fische über hunderte von Kilometern hinweg verbreiten, sagen die Wissenschaftler.

Sie tummeln sich in Seen, Teichen und Tümpeln hoch in den Bergen, in isolierten Wüstenoasen oder in Vulkankratern. Wie Fische diese entlegenen Lebensräume besiedeln konnten, haben sich schon die frühen Naturforscher gefragt. Die einzige plausible Erklärung scheint, dass Wasservögel für die erstaunlich weite Verbreitung vieler Fischarten verantwortlich sind: Offenbar können sie Fischeier durch die Luft zu den isolierten Lebensräumen transportieren. Doch wie?

Dem Transportsystem auf der Spur

Dafür kommen zwei Möglichkeiten infrage, die bisher allerdings nicht wissenschaftlich überprüft wurden: Der klebrige Laich könnte am Gefieder oder an den Füßen von Wasservögeln haften und dann nach dem Transport im neuen Lebensraum schlüpfen. Denkbar ist auch, dass Ente und Co einige Fischeier nach dem Verzehr lebensfähig wieder ausscheiden. Diesem möglichen Verbreitungsweg haben nun die Forscher um Ádám Lovas-Kiss von ungarischen Donau-Forschungszentrum in Debrecen eine Studie gewidmet.

Als Versuchstiere suchten sich die Wissenschaftler die allseits bekannte Stockente (Anas platyrhynchos) aus sowie zwei in Europa weit verbreitete Fischarten: den gewöhnlichen Karpfen (Cyprinus carpio) und den Giebel (Carassius gibelio). Beide produzieren weichschalige Eier, wie sie für viele Fischarten typisch sind, erklären die Forscher. Um festzustellen, ob sie dennoch eine Darmpassage unbeschadet überleben können, verfütterten die Wissenschaftler acht Stockenten jeweils 500 Fischeier. Anschließend untersuchten sie die Überreste dieser Mahlzeit nach der Ausscheidung mit dem Kot der Vögel.

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Lebendige Fischeier in Enten-Geschäftchen

Wie die Forscher berichten, dauerte es meist nur etwa eine Stunde, in einigen Fällen aber auch bis zu sechs Stunden, bis die Reste der „Kaviar-Mahlzeit“ wieder am hinteren Ende der Enten erschienen. Die Analysen der Geschäftchen zeigten dann: Etwa 0,2 Prozent der Fischeier hatten die Passage durch das Verdauungssystem der Enten unbeschadet überstanden. Die enthalten Embryonen hatten überlebt und aus einigen schlüpften auch muntere Fischlein, berichten die Wissenschaftler.

0,2 Prozent Überlebensrate erscheint zwar gering, doch vor dem Hintergrund der oft enormen Aufnahmemengen handelt es sich wahrscheinlich um einen bedeutenden Verbreitungsweg, sagen die Wissenschaftler. Denn es ist bekannt, dass Fischrogen durch seinen hohen Gehalt an Eiweiß und Energie für viele Wasservögel eine beliebte Nahrungsquelle darstellt. Um die Verluste auszugleichen, produzieren deshalb auch viele Fischarten enorme Laichmengen.

Was das Verbreitungspotenzial durch Stockenten betrifft, schätzen die Forscher: Bei einer Ausscheidung nach einer Stunde ergibt sich basierend auf den Flugleistungen dieser Vogelart eine Ausbreitungsreichweite von etwa 60 Kilometern. Bei einem längeren unbeschadeten Verbleib im Entenbauch erweitert sich der Radius dann entsprechend. So erscheinen letztlich Strecken von mehreren hundert Kilometern per „Enten-Flugpost“ möglich.

Am Beispiel von Enten und karpfenartigen Fischen haben Lovas-Kiss und seine Kollegen somit nun die prinzipielle Möglichkeit einer Verbreitung von Fischen über die Ausscheidungen von Wasservögeln nachgewiesen. Den Forschern zufolge zeichnet sich nun allerdings weiterer Forschungsbedarf ab: Es gilt zu klären, bei welchen Vogel- und Fischarten der Effekt zum Tagen kommt und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. „Wie oft solche Ausbreitungsereignisse zur erfolgreichen Etablierung neuer Populationen von Süßwasserfischen führen, ist ebenfalls eine entscheidende Frage für die zukünftige Forschung“, schreiben die Wissenschaftler abschließend.

Quelle: PNAS, doi: 10.1073/pnas.2004805117

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