Wie Kinderaugen Bilder sehen - wissenschaft.de
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Wie Kinderaugen Bilder sehen

Schon im Alter von zwei Jahren können Kinder die beiden Dimensionen eines Bildes erfassen: Sie unterscheiden eindeutig zwischen der Darstellung selbst und dem dargestellten Motiv, haben amerikanische Psychologen gezeigt. Ein Bild wie die Mona Lisa ist für sie also sowohl eine bemalte Leinwand wie auch eine lächelnde Frau. Bislang hatten Wissenschaftler eher vermutet, dass kleine Kinder ausschließlich die dargestellten Gegenstände auf einem Bild wahrnehmen und das Bild selbst nicht als Objekt erkennen.

Dass die kindliche Wahrnehmung der Welt häufig von der Erwachsener abweicht, drückt sich etwa beim Anschauen von Fernsehbildern aus: Kinder bis zu einem Alter von ungefähr sechs Jahren sind nicht oder nur sehr schlecht in der Lage, zwischen der dargestellten Scheinwelt und der Realität zu unterscheiden. Es gibt Hinweise darauf, dass sehr kleine Kinder manchmal auch Bilder auf diese Art wahrnehmen. So behandeln Kleinkinder Darstellungen von bestimmten Objekten hin und wieder genau so, wie sie auch den Gegenstand selbst behandeln würden ? sie schütteln beispielsweise das Bild einer Rassel oder versuchen, ihren Fuß in die Abbildung eines Schuhs hineinzustecken.

Um dieses Phänomen genauer zu untersuchen, führten Melissa Preissler und Paul Bloom nun mehrere Tests mit insgesamt 50 Kindern im Alter von durchschnittlich zwei Jahren durch. Dabei zeigten sie den Kleinen beispielsweise zwei Gegenstände zusammen mit Strichzeichnungen dieser Objekte. In einigen Fällen deuteten sie dabei mit den Worten „Das ist ein Wug, kannst du mir noch ein anderes Wug zeigen?“ auf eine der Zeichnungen, wobei der Fantasiebegriff „Wug“ ein für die Kinder unbekanntes Wort war. Bei dieser Formulierung zeigten die kleinen Probanden in 90 Prozent der Tests auf den Gegenstand, der auf der Zeichnung abgebildet war.

In anderen Tests formulierten die Forscher die Frage dagegen etwas anders: Sie zeigten auf das Bild und sagten „Schau Dir das hier an, kannst Du mir noch so eines zeigen?“ In diesen Fällen deuteten die Kinder meist auf das zweite Bild und nicht auf das Objekt, das auf der zuvor betrachteten Zeichnung zu sehen gewesen war. Das und die Ergebnisse weiterer Tests zeigen nach Ansicht der Forscher eindeutig, dass Kinder genau wie Erwachsene beide Teile eines Bildes ? die Darstellung und das Dargestellte ? wahrnehmen. Dabei können sie flexibel zwischen beidem hin- und herschalten und sich je nach Situation auf das eine oder auf das andere konzentrieren.

Melissa Preissler und Paul Bloom (Yale-Universität, New Haven): Psychological Science, Januar-Ausgabe ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel
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