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Lichtverschmutzung

Wie lichtscheu sind Fledermäuse?

Nicht mehr nur Mond und Sterne beleuchten den Lebensraum der Fledermäuse. (Bild: slowmotiongli/iSock)

Tiere der Nacht im Schein von Laterne und Co: Von den zahlreichen europäischen Fledermausarten leiden letztlich alle unter der Lichtverschmutzung – doch zwischen den Arten und Gruppen gibt es dabei erhebliche Unterschiede, berichten Forscher. Demnach reagieren Arten, die an die Jagd in dichter Vegetation angepasst sind, besonders sensibel. Fledermäuse, die an Waldrändern oder in offenen Gebieten jagen, tolerieren hingegen Kunstlicht eher und jagen manchmal sogar gezielt in seinem Schein. Im Bereich von Tagesquartieren oder Trinkstellen stört Beleuchtung aber alle Fledermausarten, sagen die Forscher.

Wo einst nur Mond und Sterne schimmerten, machen Straßenlaternen, Scheinwerfer und andere Lichtquellen die Nacht zum Tage. Aus zahlreichen Studien ist bereits bekannt, dass diese unnatürliche Helligkeit viele Tiere negativ beeinflusst: Sie werden von den nächtlichen Lichtquellen angelockt oder abgestoßen und die Beleuchtung kann ihren Lebensrhythmus durcheinander bringen. Besonders für Insekten ist die Lichtverschmutzung problematisch – sie gilt deshalb auch als ein Faktor für die teils drastischen Rückgänge von Beständen.

Von wegen blind

Es mag überraschend wirken, dass auch Fledermäuse von Lichtverschmutzung betroffen sind, da sie für ihre Orientierung per Echolot bekannt sind. Ihre kleinen Augen sind aber dennoch nicht bedeutungslos: Sie liefern den Fledermäusen wichtige zusätzliche Informationen aus der Umwelt und sind dazu besonders lichtempfindlich. Wie Studien der letzten Jahre gezeigt haben, kann Kunstlicht Fledermäuse deshalb ebenfalls erheblich stören. Allerdings zeichnete sich dabei bereits ab, dass es deutliche Unterschiede zwischen den Vertretern dieser artenreichen Tiergruppe gibt. Um einen Überblick zu erhalten und Muster der Empfindlichkeit aufzuzeigen, haben die Forscher um Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin (IZW) nun Studien zu europäischen Fledermausarten systematisch ausgewertet: Sie suchten in den Daten nach Hinweisen auf die Reaktionen gegenüber nächtlichem Kunstlicht.

Bei der Auswertung folgten sie der üblichen Einteilung der etwa 50 europäischen Spezies in drei Gruppen mit einer ähnlichen Lebensweise: Eine Abteilung ist dabei an die Insektenjagd in dichter Vegetation angepasst. Eine weitere Gruppe ist hingegen typischerweise an Strukturübergängen unterwegs – beispielsweise an Gebäuden oder an Waldrändern. Eine dritte Gruppe fängt ihre Beute im offenen Luftraum über Feldern, Gewässern oder oberhalb der Baumkronen. Die Fledermäuse dieser drei Kategorien haben für ihr jeweiliges Jagdverhalten ähnliche Merkmale und Verhaltensweisen entwickelt, erklären die Forscher.

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Empfindlichkeiten im Blick

Wie sie berichten, zeichneten sich in den Auswertungen grundlegende sowie spezielle Muster der Reaktionen auf Kunstlicht ab: „Prinzipiell wird deutlich, dass alle europäischen Fledermausarten sehr sensibel auf künstliches Licht reagieren können, vor allem in der Nähe von Tagesquartieren und Trinkstellen“, sagt Voigt. Wie er erklärt, lässt sich dies damit erklären, dass Fledermäuse nicht nur Jäger, sondern auch Gejagte sind: „Die Anwesenheit von Fledermäusen an diesen Stellen ist für Beutegreifer wie Eulen vorhersagbar und die Fledermäuse sind daher dort besonders vorsichtig“, so der Wissenschaftler. Deshalb verunsichert Kunstlicht die Tiere in diesen Bereichen offenbar in grundlegender Weise.

In Flugkorridoren, die etwa Tagesquartiere und Jagdgebiete verbinden, ist die Reaktion zwischen den Arten und Gruppen hingegen deutlich variabler: Es zeigt sich, dass insbesondere diejenigen Arten, die in dichter Vegetation jagen, generell sehr lichtscheu sind: Sie meiden beleuchtete Bereiche und weichen bei ihren Flugrouten auf Dunkelkorridore aus. Bei den Vertretern der beiden anderen Gruppen gibt es hingegen viele Arten, die bei ihren Ausflügen nur wenig auf Kunstlicht reagieren.

Licht aus für den Fledermausschutz

„Bei den Jagdgebieten offenbaren sich dann zwei unterschiedliche Reaktionsmuster“, sagt Co-Autor Daniel Lewanzik vom IZW. „Manche Arten, die im offenen Luftraum oder an Strukturrändern jagen, werden vom Insektenreichtum an Lichtquellen angezogen. Man kann sie im Sommer manchmal dabei beobachten, wie sie von einer Straßenlaterne zur nächsten fliegen und dort Insekten jagen. Waldbewohnende Arten hingegen meiden Lichtquellen generell, auch bei der Insektenjagd.“ Für alle Arten gilt, dass bei künstlichem Licht das Risiko, selbst Opfer eines Beutegreifers zu werden, mit den möglichen Vorteilen abgewogen wird. Dies führt bei den unterschiedlichen Fledermausgruppen offenbar zu unterschiedlichen Ergebnissen, resümieren die Forscher.

Die Varianz bei den Reaktionen auf Kunstlicht sollte ihnen zufolge nun stärker beim Fledermausschutz berücksichtigt werden. Dies bedeutet beispielsweise, dass potenzielle Tagesquartiere und Trinkstellen generell vor künstlichem Licht geschützt werden sollten. Die Überblickstudie verdeutlicht nun zudem, welche Arten besonders empfindlich auf Störungen durch Licht reagieren und welche weniger. Letztlich würden aber alle Arten profitieren, wenn die Lichtverschmutzung reduziert würde und Dunkelkorridore – beispielsweise städtische Parks – konsequent unbeleuchtet blieben und neue Dunkelinseln in der Stadtlandschaft etabliert würden, sagen die Forscher.

Was den vermeintlichen Nutzen der Beleuchtung beim Jagdverhalten mancher Arten betrifft, schreiben sie abschließend: „In Anbetracht der schädlichen Wirkung von Kunstlicht auf die Insektenbestände kommen wir zu dem Schluss, dass die nächtliche Beleuchtung sich letztlich auf alle Fledermausarten negativ auswirkt – auch auf diejenigen, die etwa an Straßenlaternen auf Nahrungssuche gehen“.

Quelle: Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung

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