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Wie ökologisch ist der Anbau in Agroforsten?

Agroforst
Ein Agroforst zum Vanille-Anbau in Madagaskar, der auf einer zuvor offenen Brachfläche etabliert wurde. (Bild: Dominic Martin)

Der Anbau von Kaffee, Kakao und Vanille in sogenannten Agroforsten gilt als eine ökologisch und sozial besonders verträgliche Form der Landwirtschaft. Denn die Nutzpflanzen gedeihen dabei in einer waldähnlichen Umgebung. Doch die Agroforste sind nicht per se nachhaltig, wie nun eine Studie enthüllt. Stattdessen kommt es stark darauf an, wie das Land zuvor beschaffen war: Wurde die Plantage auf zuvor offenem Gelände angepflanzt oder in zuvor intaktem Tropenwald angelegt?

Während die klassische Felderwirtschaft vielerorts der Standard ist, lassen sich viele Nutzpflanzen auch in Agroforstsystemen anbauen. Dabei wachsen Feldfrüchte, Kakaosträucher oder Kaffeebüsche zwischen Bäumen. Dieser Überwuchs liefert den Nutzpflanzen Schatten, hält den Boden feucht und verhindert eine Erosion. Dennoch bleiben für die Nutzpflanzen genug Licht und Nährstoffe zum Wachsen.

Nachhaltige Alternative zum Raubbau?

Gerade in tropischen Regionen gilt der Agroforst deshalb als gute Möglichkeit, Landwirtschaft mit einem Erhalt der Natur zu verbinden – beispielsweise indem alte Bäume stehen bleiben. Zudem sichert diese Form des Anbaus das Einkommen vieler Kleinbauern und spielt daher auch wirtschaftlich und sozial eine wichtige Rolle. „Der Agroforst wird oft als ökonomisch tragbare Landnutzungsoption gesehen, die den Menschen und der Natur gleichermaßen Vorteile bringt“, erklären Dominic Martin von der Universität Würzburg und seine Kollegen. Diese Kombination aus Ackerbau und Forstwirtschaft gilt daher auch als Möglichkeit, die UN-Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Doch Agroforst ist nicht gleich Agroforst, wie die Wissenschaftler erklären. So kann diese Anbauform entstehen, wenn Bauern auf ihrem Ackerland Bäume und mehrjährige Sträucher pflanzen und das einst offene Land wieder aufforsten. Im Norden Madagaskars sind rund 70 Prozent der Vanille-Agroforste auf diese Weise entstanden, in Indonesien steht rund die Hälfte der Kakao-Plantagen auf einst offenem Land. Aber Agroforst kann auch aus zuvor intakten Waldgebieten hervorgehen. Dabei wird das Unterholz entfernt und durch Vanille-Lianen, Kaffee- oder Kakaosträucher ersetzt, nur die großen, schattenspendenden Bäume bleiben stehen. Bisher wurde selbst bei vielen Zertifikaten nicht berücksichtigt, ob diese beiden Ursprungsformen gleichermaßen nachhaltig und ökologisch sinnvoll sind.

„Agroforst aus Wald sollte vermieden werden“

Um dies zu klären, haben Martin und seine Kollegen knapp hundert Studien zu Agroforstsystemen und deren Herkunft, Artenvielfalt, Erträge und weiteren Merkmale analysiert. Ihre Auswertung ergab: Wie nachhaltig ein Agroforst ist, hängt sogar sehr stark davon ab, ob er aus offenem Land oder aus einem Wald entstanden ist. „Wenn ein Agroforst auf einst unbewaldetem Land etabliert wird, dann kann man dies als eine Form der Rehabilitation betrachten“, erklären die Forscher. „Es hat einen positiven Effekt auf die Ökosystemfunktionen und die Biodiversität.“ Denn von dem neu angepflanzten Baumbestand profitieren zum Beispiel Tierarten, die auf Bäume angewiesen sind. Zudem speichern Bäume Kohlenstoff, und es geht von ihnen eine kühlende Wirkung aus, was die Klimaerwärmung mindern kann.

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Anders ist dies, wenn ein Agroforst aus Wald entsteht: Weil dafür das Unterholz weitgehend entfernt wird, verliert das Ökosystem an Komplexität, für viele Lebewesen gehen ökologische Nischen verloren. Als Folge sinkt die Artenvielfalt und das Ökosystem degradiert. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Agroforstsysteme nur dann zu einer deutlichen Aufwertung der Landschaft für die Artenvielfalt führen, wenn sie auf vorher offenem Land etabliert werden“, fasst Martin die Resultate zusammen. „Die Umwandlung der verbliebenen artenreichen Tropenwälder in Kaffee-, Kakao- oder Vanilleplantagen sollte hingegen vermieden werden.“ Zwar ist ein Agroforst noch immer besser als eine komplette Rodung, dennoch sollten Nachhaltigkeits-Label diese Unterschiede berücksichtigen und künftig die Zertifizierung von Plantagen, die zuvor Wald waren, vermeiden.

Quelle: Georg-August-Universität Göttingen; Fachartikel: Conservation Letters, doi: 10.1111/conl.12740

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