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Wie ortstreu sind unsere Standvögel?

Blaumeise
Blaumeise im Winter (Bild: schnuddel/iStock)

Bisher unterschieden Vogelkundler klar zwischen Zugvögeln und Standvögeln – den Arten, die auch im Winter bei uns bleiben. Doch eine Studie mit Blaumeisen liefert nun Hinweise darauf, dass diese strenge Trennung nicht der biologischen Realität entspricht. Denn auch die in Deutschland als Standvögel geltenden Blaumeisen verlassen im Winter größtenteils ihr Brutgebiet, wenngleich sie dabei meist nur wenige Kilometer weit ziehen. Die Forscher halten es daher für wahrscheinlich, dass alle Vögel in gewissem Maße Zugvögel sind – nur die zurückgelegten Strecken unterscheiden sich.

Für Zugvögel ist relativ gut untersucht, wo die verschiedenen Arten überwintern, wann sie in ihr Brutgebiet zurückkehren und auch, welchen Einfluss das Timing der Rückkehr auf ihren Fortpflanzungserfolg hat. So finden Zugvögel, die früh im Brutgebiet ankommen, beispielsweise eher einen Partner und ein gutes Territorium zum Brüten. Zu früh aufzubrechen kann jedoch schnell lebensgefährlich werden, wenn ein Kälteeinbruch raue, winterliche Bedingungen bringt.

Standvögel kaum untersucht

Doch wie sieht es mit den Standvögeln aus – den gefiederten Überwinterern in unseren Gefilden? Bisher gibt es dazu kaum Daten, wie Carol Gilsenan vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen und ihre Kollegen erklären. „Über den Aufenthaltsort der Standvögel außerhalb der Brutsaison und ihre Rückkehrzeiten ist kaum etwas bekannt – vielleicht, weil man annahm, dass die meisten Tiere das Gebiet ohnehin nicht verlassen.“ Ob das stimmt, haben Gilsenan und ihre Kollegen nun am Beispiel der Blaumeisen überprüft. Sie ist zwar in Skandinavien und anderen Regionen in ihrem nördlichen Verbreitungsgebiet als Teilzieher, im Rest Europas und auch in Deutschland gilt sie als Standvogel.

Für ihre Studie haben die Forscher drei Jahre lang die Blaumeisen in einem bewaldeten Brutgebiet in Bayern mithilfe von Kameras und tragbaren ID-Chips überwacht. Durch Lesegeräte in den Nistkästen und an den Futterautomaten konnten sie mitverfolgen, wann die weiblichen und männlichen Tiere sich in diesem Gebiet aufhielten und wann sie zu Beginn der Brutzeit eintrafen. Zudem untersuchten die Wissenschaftler mithilfe der Beobachtungsdaten und ergänzenden DNA-Tests, wie hoch der Fortpflanzungserfolg der rund 60 bis 170 ortsansässigen Meisen war.

Auch Blaumeisen ziehen im Winter weg

Die Auswertungen ergaben, dass auch die Blaumeisen keineswegs das ganze Jahr hindurch ortstreu waren. Stattdessen verließen viele von ihnen nach Ende der Brutzeit Ende Juni das Areal und wurden mehrere Monate lang nicht mehr an den Nistkästen und Futterautomaten gesichtet, wie die Forscher berichten. Erst im Herbst zwischen Ende August und Oktober kehrten die ersten Blaumeisen wieder an die Futterautomaten oder Nistboxen zurück, ein weiterer Schwung Vögel traf dann zwischen Januar und März im Brutgebiet ein. „Durch diese Daten gehen wir davon aus, dass einige Vögel wirkliche Standvögel gewesen sind, die auch den Winter im Brutgebiet verbracht haben, während andere das Gebiet nach dem Brüten verlassen haben“, sagt Gilsenan.

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Aus früheren Studien an Kohlmeisen und Blaumeisen ist bereits bekannt, dass diese Vögel außerhalb der Brutsaison oft kurzlebige, wechselnde Schwärme bilden, die durchaus mehrere Kilometer weit fliegen. „Von im Wald brütenden Meisen nimmt man zudem an, dass sie ihr Brutgebiet verlassen, um die Wintermonate in Städten und Dörfern zu verbringen“, erklären die Wissenschaftler. Dort finden die Vögel mehr Nahrung und Schutz vor den winterlichen Wetterbedingungen. Noch ist zwar nicht bekannt, wo sich die Blaumeisen der aktuellen Studie außerhalb der Brutzeit aufgehalten haben. Die Forscher halten aber durchaus für wahrscheinlich, dass nur einige Tiere vor Ort geblieben sind.

Nach Ansicht der Wissenschaftler sprechen diese Beobachtungen dafür, dass es möglicherweise gar keine Standvögel im eigentlichen Wortsinn gibt. „Zugvögel und Nicht-Zugvögel unterscheiden sich vielleicht vor allem darin, wie weit sie dann fliegen“, so Gilsenans Kollege Bart Kempenaers. Als Vogelzug würden dann nicht nur die Reisen über hunderte oder tausende von Kilometern gelten, sondern auch kürzere Flüge zwischen den heimischen Überwinterungs- und Brutgebieten.

Wer zuerst kommt, brütet zuerst

Doch nicht nur in ihrer vorübergehenden Abwesenheit aus dem Brutgebiet zeigten die Blaumeisen ein den Zugvögeln ähnliches Verhalten – auch beim Timing der Rückkehr gab es Parallelen. Denn wie bei den Zugvögeln tauchten die Meisenmännchen meist früher wieder an den Nistkästen und Futterautomaten auf als die Weibchen. Dabei scheint das Timing der Rückkehr individuell verschieden, aber für ein Individuum festgelegt zu sein: Die einzelnen Blaumeisen kamen jedes Jahr etwa um die gleichen Zeit ins Brutgebiet zurück – obwohl die Rückkehrzeiten zwischen den verschiedenen Tieren um mehrere Monate variierten.

Ähnlich wie bei den Zugvögeln scheint dabei eine frühe Ankunft im Brutgebiet deutliche Vorteile zu haben: „Männchen, die früher eintrafen, hatten eine größere Wahrscheinlichkeit, in dieser Saison erfolgreich zu brüten“, berichten die Forscher. Bei den Blaumeisendamen stieg der Bruterfolg ebenfalls mit der früheren Ankunftszeit – allerdings nur bei den schon im Herbst zurückkehrenden Weibchen. Bei den erst im Winter wieder im Brutgebiet eintreffenden Blaumeisen gab es diesen Zusammenhang dagegen nicht, wie Gilsenan und ihre Kollegen beobachteten.

Interessant auch: Meisenpaare, die schon zuvor gemeinsam gebrütet haben, tauchten häufig fast gleichzeitig wieder im Brutgebiet auf und bildeten dann auch in der aktuellen Saison wieder ein Paar. Kam einer der Partner aber verspätet, wartetet der schon anwesende Partner nicht viel länger als eine Woche, bevor er sich anderweitig verbandelte. „„Bei einer kurzlebigen Art wie der Blaumeise würden Tiere, die sich fürs Warten entscheiden, am Ende sonst vielleicht ohne Gelege dastehen“, erklärt Gilsenan.

Quelle: Max-Planck-Institut für Ornithologie; Fachartikel: Journal of Animal Ecology, doi: 10.1111/1365-2656.13160

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