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Umwelt+Natur

Wie unberührt ist die Antarktis?

Antarktis
Touristen in der Antarktis. (Bild: redtea/ iStock)

Die Antarktis ist der einzige Kontinent ohne dauerhafte menschliche Besiedlung – von ein paar Polarforschern mal abgesehen. Wie unberührt der eisige Erdteil noch ist und wie gut die einzigartige Natur der Antarktis geschützt wird, haben nun Wissenschaftler untersucht. Ihr Ergebnis: Zwar kann man 99,6 Prozent des Kontinents als Wildnis klassifizieren. Aber wirklich unberührt und frei von menschlichen Einflüssen ist nur noch rund ein Drittel der antarktischen Landfläche. Und von den rund 23.000 bisher bekannten Arten dieser Region leben nur sieben Prozent in unberührter Wildnis, denn gerade die artenreichen Küstengebiete sind auch am stärksten vom Menschen geprägt.

Auf den ersten Blick scheint die Antarktis geradezu ein Musterbeispiel für unberührte Weiten: Wegen ihrer isolierten Lage und des unwirtlichen Klimas ist dieser Kontinent lange der Besiedlung durch den Menschen entgangen. Vor allem entlang seiner Küsten und an den wenigen im Sommer eisfreien Orten konnten sich daher Tiere, Pflanzen und mikrobielle Lebensgemeinschaften weitgehend ungestört entwickeln. Mit der Entdeckung der Antarktis vor gut 200 Jahren hat sich dies jedoch geändert. Zwar gibt der Antarktisvertrag strenge Regeln darüber vor, was im Rahmen beispielsweise der Forschung und Erkundung erlaubt ist. Dennoch halten sich im Sommer bis zu 4000 Menschen in der Antarktis auf, größtenteils in den entlang der Küsten positionierten Polarforschungsstationen, aber auch in einigen weiter im Inland gelegenen Stationen. Hinzu kommen in den letzten Jahren auch Touristen. Das aber bedeutet, dass der letzte unberührte Kontinent der Erde zunehmend Störungen durch Flugverkehr, Fahrzeuge und menschliche Aktivitäten ausgesetzt ist.

Nur rund ein Drittel ist noch völlig unberührt

Deshalb haben nun Rachel Leihy von der Monash University in Melbourne und ihre Kollegen erstmals umfassen untersucht, wie weit der menschliche Einfluss in der Antarktis inzwischen reicht und welche Gebiete noch als völlig unberührt klassifiziert werden können. Dafür haben sie Daten aus historischen Aufzeichnungen, wissenschaftlichen Publikationen und Berichten und Tourismusstatistiken der letzten 200 Jahre ausgewertet. Insgesamt konnten sie so mehr als 2,7 Millionen Daten zu Aufenthalten und Routen von Menschen auf dem Kontinent erfassen. Diese Daten glichen die Forscher mit verschiedenen Definitionen der Wildnis und mit den Verbreitungsgebieten der antarktischen Fauna und Flora ab. Als weitgehend unberührt gelten in einer Definition Gebiete von mehr als 10.000 Quadratkilometer Ausdehnung, in denen es keine sichtbaren Spuren menschlichen Einflusses gibt und dieser als vernachlässigbar eingestuft werden kann.

„Unter dieser Definition umfasst die antarktische Wildnis noch 99,6 Prozent der Landfläche des Kontinents“, berichten Leihy und ihre Kollegen. „Das macht die Antarktis zur zweitgrößten intakten terrestrischen Wildnis nach den borealen Wäldern der nördlichen Hemisphäre.“ Doch wie groß sind die Bereiche dieser Wildnis, die noch komplett unberührt sind und noch nie von Menschen betreten wurden? Auch das haben die Forscher auf Basis ihrer Daten untersucht. Es zeigte sich, dass unter diesen Kriterien nur noch knapp 32 Prozent der antarktischen Fläche als wirklich unberührt betrachtet werden können. „Wir haben festgestellt, dass die menschliche Aktivität weit über den Kontinent verteilt ist, wodurch die unberührte Wildnis stark fragmentiert ist“, berichten Leihy und ihr Team. Größere zusammenhängende Wildnisgebiete von bis zu gut 800.000 Quadratkilometern bleiben vor allem in der Ostantarktis und am Rand des Filchner-Schelfeises.

Artenvielfalt kaum erfasst

Diese Ergebnis weckt die Frage, wie stark die antarktische Flora und Fauna von der menschlichen Präsenz beeinträchtigt ist. Dafür haben Leihy und ihr Team die Daten der Antarctic Terrestrial Biodiversity Database und der Kartierung der sogenannten wichtigen Vogelgebiete (IBA) abgeglichen. Das Ergebnis: „Die unberührten Wildnisgebiete umfassen keines der Gebiete mit hohem Wert für die Artenvielfalt“, konstatieren die Wissenschaftler. Zu diesen gehören vor allem die im Sommer eisfreien Küstengebiete, die aber vielerorts schon durch die menschliche Präsenz geprägt sind. In den gut 99 Prozent als Wildnis deklarierten Flächen der Antarktis finden sich nur sieben Prozent der 23.000 in der Datenbank erfassten Arten und Verbreitungsgebiete. Von den als wichtig eingestuften Vogelgebieten lagen nur 16 Prozent in diesen Bereichen. „Unser Ergebnisse zeigen damit, dass die antarktische Wildnis zwar fast den gesamten Kontinent umfasst, aber den größten Teil seiner bedeutenden Biodiversität ausschließt“, sagen Leihy und ihre Kollegen.

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Angesichts dieser Ergebnisse plädiert das Forscherteam dafür, die antarktischen Schutzgebiete auszuweiten und vor allem die artenreichen Lebensräume in sie einzuschließen. Gleichzeitig sei es aber auch wichtig, die noch völlig unberührten Gebiete vor künftigen Störungen zu bewahren.

Quelle: Rachel Leihy (Monash University, Melbourne) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-020-2506-3

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