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Umwelt+Natur

Wie viel uns invasive Arten kosten

Aedes albopictus
Eingeschleppte Mückenarten wie hier die Tigermücke gehören zu den kostenträchtigsten invasiven Arten weltweit. (Bild: eyup zengin/ iSrock)

Invasive Arten, die wissentlich oder unwissentlich von Menschen in neue Lebensräume eingeführt werden, gefährden vielerorts die vorhandenen Ökosysteme. Doch nicht nur das: Wie eine neue Studie zeigt, stellen sie auch eine enorme wirtschaftliche Belastung dar. Zwischen 1970 und 2017 haben invasive Arten demnach Kosten von mindestens 1,288 Billionen US-Dollar verursacht, Tendenz steigend. Der Betrag geht einerseits auf Bekämpfungsmaßnahmen zurück, vor allem aber auf direkte und indirekte Schäden, beispielsweise durch aufgefressene Ernten.

Gelingt es einer Tier- oder Pflanzenart, sich in einer Region auszubreiten, in der sie eigentlich nicht heimisch ist, richtet sie oft große Schäden an: Da natürliche Feinde und Konkurrenten in vielen Fällen fehlen, kann sie sich übermäßig vermehren und dabei heimische Arten verdrängen oder beispielsweise durch Fraß gefährden. Eingeschleppte Arten sind dadurch einer der wichtigsten Gründe für das Artensterben. Zusätzlich sind sie für massive wirtschaftliche Verluste verantwortlich: Invasive Unkräuter machen den Ackerbau ineffizienter, eingeschleppte Insekten und Kleintiere fressen Erntegüter und auch die touristische Attraktivität einer Region kann durch invasive Arten leiden.

Kosten durch eingeschleppte Arten steigen

Um herauszufinden, wie groß solche Schäden tatsächlich sind, hat nun ein Team um Christophe Diagne von der Université Paris-Saclay in Frankreich tausende veröffentlichte Kostenschätzungen ausgewertet und zusammengefasst. Auf dieser Basis haben die Forscher berechnet, dass invasive Arten zwischen 1970 und 2017 weltweit Kosten in Höhe von mindestens 1,288 Billionen US-Dollar verursacht haben. „Die globalen Kosten durch gebietsfremde Arten sind so massiv, dass wir Monate damit verbracht haben, unsere Modelle und diese Gesamtschätzung zu überprüfen, um sicherzustellen, dass wir nicht übertreiben“, sagt Diagne. „Wie sich herausstellte, ist unser Ansatz stattdessen sogar eine massive Unterschätzung der tatsächlichen wirtschaftlichen Kosten.“

Seit 1970 sind die berichteten Kosten von Jahr zu Jahr gestiegen. Laut Diagne und Kollegen kann dies einerseits damit zusammenhängen, dass die wirtschaftlichen Verluste durch invasive Arten mehr ins Bewusstsein gerückt sind und dadurch verstärkt erfasst wurden. Da aber zugleich zu beobachten ist, dass sich invasive Arten weltweit mehr und mehr ausbreiten, gehen die Autoren davon aus, dass nicht nur die berichteten, sondern auch die tatsächlichen Kosten gestiegen sind. „Wir haben herausgefunden, dass sich die Kosten etwa alle sechs Jahre verdoppeln, ein Muster, das den kontinuierlichen Anstieg der Anzahl fremder Arten weltweit nachahmt“, so Co-Autor Corey Bradshaw von der Flinders University in Australien.

Invasive Insekten als größter Kostenfaktor

Erklären lasse sich der Kostenanstieg durch eine Kombination von Faktoren: „Die anhaltende Intensivierung des globalen Handels und Transports schafft mehr und mehr Möglichkeiten für die Invasion von Tieren und Pflanzen in neue Gebiete“, erklären die Autoren. „Zusätzlich macht die wachsende Landnahme der Planetenoberfläche, zum Beispiel durch die Ausweitung von Landwirtschaft und Infrastruktur, unsere Gesellschaften empfindlich für die Auswirkungen dieser Einschleppungen.“

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invasive Arten
Dies sind die zehn teuersten invasiven Arten. (Bild: Nature/ Flinders University)

Den ausgewerteten Daten zufolge haben wirbellose Tiere den größten Anteil an den Schäden, allen voran Insekten. Sie können Ernten gefährden oder kostspieligere Pflanzenschutzmaßnahmen erforderlich machen und Krankheiten auf Menschen und Nutztiere übertragen. An zweiter Stelle folgen Säugetiere wie Ratten. Invasive Pflanzenarten sind der Auswertung nach hingegen nur für einen kleinen Teil der ökonomischen Verluste verantwortlich. Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass diese Einschätzung dadurch verzerrt sein kann, dass Schäden durch invasive Pflanzen vergleichsweise selten erhoben und berichtet werden, während beispielsweise Insektenschäden stärker im Bewusstsein sind.

Auswirkungen bei transnationalen Projekten berücksichtigen

Neben direkten und indirekten wirtschaftlichen Schäden erhoben die Diagne und Kollegen auch die Kosten, die durch Bekämpfungs- und Vorbeugungsmaßnahmen entstehen. „Die Kosten für Schäden durch invasive Arten waren etwa 13-mal höher als die Ausgaben für alle Gegenmaßnahmen“, berichten sie. „Darüber hinaus stiegen die Schadenskosten viel schneller an.“ Angesichts der massiven ökologischen und ökonomischen Auswirkungen fordern die Autoren ein verstärktes internationales Engagement gegen die Ausbreitung invasiver Arten. „Wir brauchen internationale politische Vereinbarungen, die darauf abzielen, die Belastung durch invasive Arten zu reduzieren“, so Bradshaw.

Die unbeabsichtigten Kosten durch biologische Invasion sollten aus Sicht der Forscher auch bei der Entscheidung über transnationale Projekte einbezogen werden. Als Beispiel nennen sie Chinas „neue Seidenstraße“, bei der China neue globale Handelswege erschließt, gleichzeitig aber auch neue Wege für die Ausbreitung von Tieren und Pflanzen in fremde Gebiete schafft. „Die unbeabsichtigten Effekte – einschließlich der Kosten –, die wahrscheinlich für alle betroffenen Länder entstehen werden, sollten in den geschätzten Nettoeinnahmen dieser kommerziellen Initiative berücksichtigt werden“, so die Forscher.

Quelle: Christophe Diagne (Université Paris-Saclay, Frankreich) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-021-03405-6

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