Wildtierhandel: Dimensionen unterschätzt? - wissenschaft.de
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Wildtierhandel: Dimensionen unterschätzt?

Eine Schamadrossel (Copsychus malabaricus) wird auf einem Markt in Indonesien feilgeboten. (Bild: Gabby Salazar)

Der Handel mit Wildtieren oder Wildtierprodukten ist ein florierendes Geschäft. Doch die weltweiten Dimensionen dieses Industriezweigs könnten bisher noch unterschätzt worden sein, wie eine Studie enthüllt. Demnach wird mindestens jede fünfte landlebende Wirbeltierart legal oder illegal auf Tiermärkten gehandelt – das sind 40 bis 60 Prozent mehr als frühere Schätzungen vermuten ließen. Das aber bedeutet auch: Mehr Spezies als bislang angenommen könnten durch den Wildtierhandel in ihrer Existenz bedroht sein. Die Forscher fordern daher nun verstärkte Maßnahmen, um vor allem illegale Handelsaktivitäten zu unterbinden.

Sie werden für ihre Hörner und Zähne gejagt, als Haustiere vermarktet oder zu Medizin und Fleischprodukten verarbeitet: Der Handel mit Wildtieren ist eine Multi-Milliarden-Dollar-Industrie – und betrifft längst nicht nur Elefanten und Nashörner. „Legaler und illegaler Wildtierhandel findet auf globaler Ebene statt und mit einer breiten Palette an Spezies“, erklären Brett Scheffers von der University of Florida in Gainesville und seine Kollegen. Klar ist, dass diese Praxis eine potenzielle Bedrohung für das Überleben vieler Tiere darstellt. Doch wie groß sind die Dimensionen des weltweiten Wildtierhandels und sein Einfluss auf die Biodiversität wirklich? Bisherige Studien dazu lieferten nur ein unvollständiges Bild – das Team um Scheffers hat sich nun erstmals an einem globalen und möglichst umfassenden Überblick versucht.

Säugetiere besonders betroffen

Um herauszufinden, welche Tiere auf Wildtiermärkten verkauft und gekauft werden, werteten die Forscher Datenbanken der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN und der Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora (CITES) aus. Insgesamt sammelten sie dabei Informationen zu 31.745 terrestrischen Wirbeltierarten, darunter Vögel, Säugetiere, Amphibien und Reptilien. Die Analysen offenbarten: 5579 der betrachteten Spezies werden derzeit legal oder illegal gehandelt. Das entspricht mindestens einer von fünf Arten und übersteigt bisherige Schätzungen deutlich, wie die Wissenschaftler berichten. Demnach sind 40 bis 60 Prozent mehr Wirbeltierspezies betroffen als bislang angenommen.

Die Ergebnisse zeigen auch, wo und mit welchen Tieren besonders viel gehandelt wird. So scheinen Vogel- und Säugetierarten stärker im Visier der Händler zu stehen als Reptilien und Amphibien. Bei den Säugetieren sind demnach 27 Prozent, bei den Vögeln 23 Prozent der Spezies betroffen. Zudem trifft es offenbar häufiger Tiere mit großen Körperausmaßen und ausgerechnet bereits bedrohte Arten. Unterschiede gibt es auch bei den Gründen für den Tierhandel, wie Scheffers und seine Kollegen herausfanden: Während Amphibien und Reptilien vor allem als Haus- und Zootiere gehandelt werden, spielt bei Vögeln und Säugetieren zusätzlich die Vermarktung als Produkt eine Rolle – sei es in Form von Fleisch, Trophäen oder vermeintlichen Heilmitteln. Die geografischen Hotspots des Wildtierhandels liegen laut den Auswertungen in den Tropen – also jenen Regionen, die für ihren Reichtum an exotischen Tieren bekannt sind. Als „Epizentren“ der Industrie kristallisierten sich dabei Südamerika, Südostasien sowie Zentral- und Südostafrika heraus.

Beobachtungsliste für gefährdete Arten

Für die Forscher ist angesichts der jetzt enthüllten Zahlen klar: Sowohl die Dimensionen des Wildtierhandels als auch dessen Bedeutung für das Artensterben sind größer als gedacht – und in Zukunft könnten sogar noch mehr Tiere betroffen sein. Denn Scheffers und seine Kollegen erarbeiteten ein Modell, um zu prognostizieren, wie sich der Tierhandel künftig weiterentwickeln wird. Das Ergebnis: Aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu den derzeit gehandelten und zunehmend dezimierten Wirbeltierarten könnten bis zu 3196 weitere Spezies in absehbarer Zeit an Bedeutung für diese Industrie gewinnen. „Insgesamt kommen wir so auf 8775 Arten, die durch den Handel potenziell in ihrer Existenz bedroht sind“, konstatieren sie.

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„Unser Ziel war es, eine Art Beobachtungsliste für Spezies zu erstellen, die drohen, in den Wildtierhandel hineingezogen zu werden“, erklärt Co-Autor David Edwards von der University of Sheffield. Diese Informationen sollen nun dabei helfen, den legalen Tierhandel gezielter zu reglementieren und illegalen Aktivitäten besser entgegenzuwirken. Doch wie kann das konkret gelingen? Die Wissenschaftler heben in diesem Zusammenhang zwei Aspekte hervor: Einerseits müsse stärker mit lokalen Gemeinden in den betroffenen tropischen Gebieten zusammengearbeitet werden. Zudem seien bessere internationale Abkommen nötig. Dabei müssen nach Ansicht des Teams auch ökonomische Anreize geschaffen werden, den Tierhandel zu unterlassen. Denn: „In vielen Regionen passiert die Jagd nach Wildtieren aus schierer Notwendigkeit – weil der Verkauf dieser Tiere eine der wenigen Möglichkeiten ist, an Geld zu kommen“, betonen die Forscher.

Quelle: Brett Scheffers (University of Florida, Gainesville) et al., Science, doi: 10.1126/science.aav5327

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