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Konzept „anthropogener Widerstand“

Wildtierkorridore: Faktor Mensch beachten!

Wölfe überqueren eine "grüne Brücke", die gebaut wurde, um fragmentierte Lebensräume Deutschlands zu verbinden. (Bild: Conservation Biogeography, Humboldt-Universität zu Berlin)

Sie sollen dem Effekt der Fragmentierung der Lebensräume auf der Welt entgegenwirken: Doch bei der Planung von Korridoren für den Wildwechsel zwischen isolierten Populationen wurde bisher das Verhalten der dort lebenden Menschen zu wenig beachtet, sagen Forscher. Sie präsentieren dazu nun das Konzept des „anthropogenen Widerstands“. Es soll dem Ziel dienen, weltweit für nachhaltige Landschaften zu sorgen, in denen Mensch und Tier gemeinsam existieren können.

Bei uns sind naturnahe Lebensräume schon lange nur noch Inseln im Meer der Kulturlandschaft, doch auch weltweit macht sich die Fragmentierung immer mehr breit: Die menschliche Landnutzung und Straßen zerstückeln zunehmend die Lebensräume von Wildtieren in vielen Ökosystemen. Um ihnen ein Überleben zu ermöglichen, müssen Verbindungen zwischen Populationen sichergestellt werden. Ohne solche „Wildtierkorridore“ sind Tiergruppen isoliert, können sich nicht fortpflanzen und sterben möglicherweise aus. Bei der Planung von solchen Trittsteinhabitaten oder Grünbrücken muss geklärt werden, inwieweit sie von den Tieren angenommen werden und zu erwünschten Wanderbewegungen führen. Bisher konzentriert man sich dabei meist ausschließlich auf die Merkmale der Landschaft. Für die Beurteilung dieses sogenannten landschaftlichen Widerstands, den Wildtiere für die Nutzung der Korridore überwinden müssen, werden Aspekte wie Waldflächen, Höhenlage, die landwirtschaftliche Nutzung und der Grad der Urbanisierung berücksichtigt.

Konzept: Anthropogener Widerstand

Die Einflüsse durch den Menschen werden dabei meist in Kategorien wie Bevölkerungsdichte oder Entfernung zu Siedlungen oder Straßen zusammengefasst. Wie das internationale Forscherteam nun kritisiert, greift dieses Beurteilungssystem allerdings zu kurz. Demnach sollte nicht nur die Anwesenheit, Abwesenheit oder die Anzahl von Menschen berücksichtigt werden, sondern auch, was die Menschen tatsächlich in den betreffenden Gebieten tun und wie sie denken. Sie beschreiben diesen Faktor durch das Konzept des anthropogenen Widerstands. Wie die Wissenschaftler erklären, können demnach eine Reihe von Verhaltensweisen und sozioökonomischen Faktoren deutlich beeinflussen, wie Arten sich in Landschaften bewegen.

Im Rahmen ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftler drei Fallbeispiele im Detail: Wölfe im US-Bundesstaat Washington, Leoparden im Iran und große Raubtiere in Zentralindien. Wie sie erklären, gelten die Grundprinzipien aber auch für viele anderen Arten und Regionen. Das Konzept des anthropogenen Widerstands lässt sich ihnen zufolge somit breit anwenden. Beispielsweise auch im Fall des Eurasischen Luchs, der momentan in sein historisches Verbreitungsgebiet in Europa zurückkehrt, oder auf Rehe. Die Forscher verdeutlichen in ihrer Studie, wie etwa Bejagung beziehungsweise Wilderei oder aber die Zufütterung die Bewegungsreaktionen von Wildtieren beeinflussen können.

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Werte und Traditionen spielen eine Rolle

Grundlegend können zudem auch Glaubensvorstellungen, Werte und Traditionen der Menschen den anthropogenen Widerstand prägen und somit erhebliche Auswirkungen auf die Tierwelt in verschiedenen Gebieten haben, sagen die Wissenschaftler. Das Team verdeutlicht, wie feine Unterschiede im menschlichen Verhalten bestimmen können, wohin sich Wildtiere in einer Landschaft bewegen und wo sie überleben. In einigen Teilen der Welt können zum Beispiel kulturelle und religiöse Überzeugungen dazu führen, dass große Raubtiere wie Tiger und Löwen trotz der Bedrohungen für die Viehhaltung und für das menschliche Leben toleriert werden.

Im Fall des Wolfs ist es hingegen eher umgekehrt: Die Beziehungen zwischen Menschen und diesen Raubtieren sind in vielen Teilen der Welt problematisch, was den Grad des anthropogenen Widerstands prägt. Ein weiteres Beispiel ist der Braunbär: „Anthropogener Widerstand ist auch für das BearConnect-Projekt relevant, in dem die Verbindung zwischen europäischen Braunbärenpopulationen untersucht wird“, sagt Co-Autor Niko Balkenhol von der Universität Göttingen. „Bären sind in der Lage, große Entfernungen zu überwinden, wie das Beispiel des Bären JJ1, besser bekannt als Bruno, zeigt. Er wanderte von der italienischen Region Trento bis nach Bayern, wo er erschossen wurde. Bruno war also in der Lage, die Landschaft zu durchqueren, aber er wurde durch den starken Widerstand der Menschen gestoppt, die sein Verhalten nicht tolerieren konnten“, sagt der Wissenschaftler.

Das interdisziplinäre Team zeigt im Rahmen der Studie auch auf, wie Sozial- und Naturwissenschaftler zusammenarbeiten könnten, um den „anthropogenen Widerstand“ zu erfassen und in die Korridorplanungen einzubeziehen. Die Forscher sind überzeugt davon, dass dies den Bemühungen zugutekommen kann, eine Funktionalität der Landschaft für Wildtiere und Menschen zu gewährleisten. „Die Studie zeigt, dass es für Sozial- und Naturwissenschaftler von Vorteil ist, in zukünftigen Studien zusammenzuarbeiten, um die Auswirkungen des menschlichen Verhaltens auf die Tierwelt besser zu verstehen“, resümiert Co-Autorin Trishna Dutta von der Universität Göttingen.

Quelle: Universität Göttingen, Humboldt-Universität zu Berlin, Fachartikel: One Earth, doi: 10.1016/j.oneear.2020.12.003

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