Winterfutter schlägt Rehen auf den Magen - wissenschaft.de
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Winterfutter schlägt Rehen auf den Magen

In der kargen Winterzeit bekommen Rehe vielerorts Zusatzfutter angeboten. (Anagramm/iStock)

Zu energiereich und ballaststoffarm – eine falsche Ernährung kann bekanntlich unserer Darmflora schaden. Offenbar gilt Ähnliches auch bei Rehen: Das unnatürlich energiereiche Zusatzfutter im Winter beeinträchtigt die Pansenbakterien der Tiere, legen Studienergebnisse nahe.

Das Winterhalbjahr ist angebrochen und damit kündigt sich die eher magere Zeit für viele europäische Wildtiere an. Auch Rehe (Capreolus capreolus) haben manchmal Schwierigkeiten, mit dem geringen Nahrungsangebot bei harschen Bedienungen zurechtzukommen. In einigen Regionen ist es deshalb üblich, diese Tiere mit Zusatznahrung zu versorgen. Dabei kommen vergleichsweise leicht verdauliche, energiereiche Futtermittel zum Einsatz. Klar ist: Dabei handelt es sich um eine Kost, die nicht dem natürlichen Nahrungsangebot im Winter entspricht. Wie sich dieses Futter auf das Verdauungssystem der Wildwiederkäuer auswirkt, haben nun die Forscher um Stefanie Wetzels von der Veterinärmedizinischen Universität Wien untersucht.

Pansenbakterien im Visier

Es ist bereits bekannt, dass es bei Rehen zu ausgeprägten jahreszeitlichen Veränderungen von physiologischen Vorgängen kommt – unter anderem auch im Verdauungsapparat. Dies wirkt sich wiederum auf die Bakteriengesellschaften im Magen-Darm-System der Tiere aus. Besondere Bedeutung hat bei den Wiederkäuern dabei der Pansen. Es handelt sich bei diesem Vormagen gleichsam um eine Gärkammer, in der eine spezielle Mikrobengemeinschaft am Werk ist. Die Bakterien schließen dort die Zellulose des Pflanzenmaterials auf und machen Nährstoffe verfügbar. Sie haben dadurch eine grundlegende Bedeutung für die Verdauung und Gesundheit der Rehe.

Im Fall des Menschen ist bekannt, dass bestimmte Ernährungsgewohnheiten die Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaften im Verdauungssystem negativ beeinflussen können. Energiereiche und leicht verdauliche Nahrung gilt dabei als besonders problematisch. Ähnliches hat sich bereits bei der Fütterung von domestizierten Wiederkäuern wie Rindern gezeigt. Um die Effekte nun bei den Rehen zu erforschen, haben Wetzels und ihre Kollegen die Zusammensetzung der Pansenbakterien von freilebenden weiblichen Rehen durch genetische Verfahren analysiert. Dabei wurden Tiere aus einem Gebiet mit Futterstellen untersucht, die Pellets bieten, die aus nichtfaserigen Kohlenhydraten, Proteinen und nur geringen Menge schwer verdaulicher Fasern wie Cellulose sowie Heu bestehen. Die Ergebnisse bei diesen Tieren wurden mit solchen verglichen, die von Rehen stammen, die ausschließlich auf natürliches Futter angewiesen waren.

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Veränderte Pansen-Mikroben-Gesellschaft

Es zeigte sich: Es gab einen deutlichen qualitativen Unterschied zwischen der Mikroben-Zusammensetzung im Pansen bei den beiden untersuchten Populationen. Die Ergebnisse lassen darauf schließen, dass die Versorgung von Rehen mit leicht fermentierbaren Ergänzungsfuttermitteln im Winter die bakterielle Population im Pansen deutlich beeinflusst und ähnlich negative Veränderungen wie bei domestizierten Wiederkäuern hervorrufen kann. Demnach fördert das Ergänzungsfutter die Entwicklung von Bakterienstämmen, die bei Hauswiederkäuern zu Azidosezuständen – einer Störung des natürlichen Säure-Basen-Haushaltes – führen. „Die Veränderung der Pansen-Mikrobiota durch die Winterfütterung lässt eine negative Auswirkung auf den Gesundheitszustand von Rehen vermuten“, resümieren die Wissenschaftler.

Auch im Fall der Winterfütterung scheint sich somit abzuzeichnen, wie künstliche Eingriffe des Menschen in natürliche Systeme oft zu Problemen führen können. Bisher bleibt allerdings offen, welche konkreten Auswirkungen die Fütterung auf die Gesundheit der Tiere hat. Dieser Frage wollen Wetzels und ihre Kollegen nun durch weitere Untersuchungen nachgehen.

Quelle: Veterinärmedizinische Universität Wien, Fachartikel: Wildlife Biology, doi: 10.2981/wlb.00572

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