„Wir bauen auf die Vernunft" - wissenschaft.de
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„Wir bauen auf die Vernunft“

Tausende von Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Schuld daran ist vor allem der Verlust ihres Lebensraums und der Klimawandel, verursacht durch den Menschen. Holger Kreft, Biodiversitätsforscher, sucht nach Lösungen. Holger Kreft wechselte im Dezember 2009 von der amerikanischen University of California in San Diego an die Universität Göttingen. Dort leitet der 34-Jährige als Juniorprofessor die im Rahmen der Exzellenzinitiative von ihm aufgebaute „Free Floater“-Nachwuchsforschergruppe „Biodiversität, Makroökologie und Biogeographie“. In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit der regionalen Verbreitung von Pflanzen, abhängig von Klima und Lebensraum. Nach Forschungsaufenthalten in Ecuador, Venezuela und den USA promovierte Kreft an der Universität Bonn über die Globale Biodiversität von Gefäßpflanzen. Schon während des Studiums engagierte er sich in der Tiputini-Forschungsstation für den Erhalt des Nationalparks Yasuní in Ecuador.

bild der wissenschaft: Die Vereinten Nationen haben 2010 zum „Internationalen Jahr der Biodiversität“ erklärt. Was bedeutet das für Sie als Biodiversitätsforscher?

Holger Kreft: Zweifellos ist das UN-Jahr eine tolle Möglichkeit, die Biodiversitätsforschung verstärkt in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Durch die erhöhte mediale Aufmerksamkeit können wir noch besser darauf hinweisen, wie und warum die Artenvielfalt auf diesem Planeten uns alle betrifft.

Wozu ist Biodiversitätsforschung denn praktisch von Nutzen?

Zunächst einmal ist es doch wichtig zu wissen, was um uns herum wächst, krabbelt, läuft und fliegt – und wie das alles zusammenhängt. Wie ist diese unglaubliche Vielfalt zustande gekommen, wie wird sie aufrecht erhalten? Welche Bedeutung hat sie für unsere Ernährung, für die Entwicklung neuer Arzneimittel und für das Klima? Etwa 25 000 Pflanzenarten werden weltweit für medizinische Zwecke eingesetzt. Es gibt aber auch ein riesiges Potenzial an Arten, die noch nicht entdeckt sind. Eine weitere Frage ist die nach den Auswirkungen des Artensterbens auf die Ökosysteme um uns herum. Sie verlieren dadurch an Stabilität. Es kommt zu verminderter Bodenfruchtbarkeit oder Rückkopplungseffekten auf das Klima. Und das betrifft uns alle unmittelbar.

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Ihr Forschungsansatz ist interdisziplinär. Für Ihre Datenerhebungen und Vegetationskarten nutzen Sie neben klassischen biogeographischen Methoden auch die computerbasierten Möglichkeiten der jungen Disziplin Makroökologie. Wie genau funktioniert das?

Biodiversität kann man auf allen möglichen Ebenen betrachten, etwa die genetische Vielfalt oder die Artenvielfalt eines Lebensraums. Die Makroökologie ist Mitte der 1990er-Jahre entstanden. Sie untersucht Muster biologischer Vielfalt auf großen räumlichen und zeitlichen Skalen. Dagegen beschäftigt sich die klassische Ökologie eher mit kleinräumigen Zusammenhängen. Unsere Analysen bewegen sich auf kontinentaler oder globaler Ebene. Das wurde erst möglich durch Computer- und Software-Innovationen, also immer bessere geographische Informationssysteme, und durch die Verfügbarkeit entsprechender Datenbanken. Zu dieser methodischen Grundlage kamen neue Fragen, etwa zur Verbreitung von Arten im globalen Maßstab, und drängende Probleme des Naturschutzes.

Wer nutzt Ihre Forschungsergebnisse?

Hauptsächlich interessieren sich Naturschutzorganisationen dafür. Für den WWF haben wir eine Studie zur Pflanzenvielfalt in den Ökoregionen der Erde erstellt. Die dient jetzt zur globalen Naturschutzplanung. Auch „Conservation International“ nutzt unsere Expertise. Diese Global Player unter den Naturschutzorganisationen können so ihre Ressourcen dort einsetzen, wo es am wichtigsten ist.

Sie haben an einer „Weltkarte der Vegetation“ mitgewirkt und auch untersucht, wie sich der Klimawandel auf die globale Pflanzenwelt auswirkt. Auf welche Veränderungen müssen wir uns denn einstellen?

Es gibt zwei Hauptfaktoren: zum einen die Zerstörung von Lebensräumen. Zum anderen wird der Klimawandel in Zukunft eine immer stärkere Rolle spielen. Wir haben Inseln und Festländer verglichen. Ergebnis: Inseln sind zukünftig besonders bedroht von Habitatverlust, vor allem durch die Umwandlung von Wäldern in Agrarflächen. Das ist sehr ernst zu nehmen, da Inseln relativ kleine Systeme sind. Wenn man die Wälder auf einer Insel abholzt, gehen viele einzigartige Lebewesen verloren, die nur dort vorkommen. Andererseits sind Inseln, was den Klimawandel angeht, relativ stabile Systeme. Denn das Meer ist relativ träge gegenüber Klimaschwankungen. Im Vergleich zur Atmosphäre dauert es sehr lange, bis ein Ozean sich entsprechend aufwärmt. Deshalb trifft der Klimawandel die Festländer sehr viel stärker.

Wie wird sich die Vegetation bei uns in Mitteleuropa verändern? Wachsen hier schon bald Palmen statt Buchen und Fichten?

Mit solchen Prognosen bin ich sehr vorsichtig. Durch unseren großräumigen Ansatz ist es schwer, konkrete Aussagen für relativ kleine Räume zu machen. An der grundlegenden Vegetation wird sich aber vorerst nichts ändern. Wir werden weiter Buchenwälder haben und schöne grüne Wiesen. Doch einige fremde Arten könnten leichter aus Gärten ausbüxen und sich in der freien Natur etablieren. Im Tessin etwa haben sich Palmen von Gärten aus in den natürlichen Wäldern angesiedelt. Auch andere immergrüne Pflanzen können die natürliche Struktur eines Ökosystems verändern, vor allem den Unterwuchs. Es wird wärmer in Mitteleuropa, sodass wärmeliebende Pflanzen einwandern könnten. Ausreichend Wasser steht zur Verfügung. Schwer zu sagen, ob das gut oder schlecht ist. Es ist nicht unbedingt gut, wenn es plötzlich mehr Arten in einer Region gibt. So können eingewanderte Arten einheimische verdrängen.

Zwischen Naturschutz und Wirtschaft kommt es immer wieder zu Konflikten – wie im Nationalpark Yasuní in Ecuador, wo Erdölabbau gegen Naturschutz steht. Sie haben dort vor allem die Vielfalt der Aufsitzerpflanzen in den Baumkronen erforscht. Wie kann solche Forschung Konflikte lösen helfen?

Yasuní ist das wohl artenreichste Gebiet der Erde. Auf einem Hektar findet man oft mehr als 300 Baumarten – etwa zehnmal so viele wie in ganz Deutschland. Für das Klima ist es verheerend, Primärwälder abzuholzen. Das setzt immense Mengen an Treibhausgasen frei und zerstört den Lebensraum unwiederbringlich. In der Tiputini- Biodiversity-Station sammeln Kollegen Daten über alle vorkommenden Tier- und Pflanzengruppen. Unsere Ergebnisse sind die Argumentationsgrundlage für den Erhalt dieses Paradieses. Wir müssen auf die menschliche Vernunft bauen und Argumente für nachhaltige Entscheidungen liefern.

An der Universität Göttingen gelten Sie als „ Free Floater“, dürfen also quasi erforschen, was Sie wollen. Warum behandelt man Sie hier so gut? Anders gefragt: Was erhofft sich die Universität von Ihnen?

Das „Free Floater“-Konzept wurde im Rahmen der Exzellenzinitiative initiiert und ist deutschlandweit einzigartig. Die Universität Göttingen bietet damit jungen Wissenschaftlern die Möglichkeit, in Deutschland international hervorragende Forschungsarbeit zu leisten, statt dauerhaft ins Ausland abzuwandern. Hier gibt es wirklich sehr gute Rahmenbedingungen. Ich kann meine Ideen mit großer Freiheit umsetzen. Derzeit existieren acht „Free Floater“- Gruppen, quer durch alle Fachbereiche, und man hat bewusst und ohne thematische Einschränkungen die besten Köpfe gesucht. Gefördert werden Wissensbereiche mit Zukunftspotenzial, in denen es deutschlandweit noch wenige Arbeitsgruppen gibt.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Ein Schwerpunkt wird die biogeographische Inselforschung sein. Auf diesem Gebiet gibt es noch viele offene Fragen. Zum Beispiel, was genau die Verteilung von Pflanzen auf Inseln oder den Artenaustausch zwischen Inseln steuert. Wir arbeiten auch an Computermodellen, die vorhersagen können, wie die Biodiversität sich verändert, wenn eine Insel wächst – etwa nach Vulkanausbrüchen – oder wenn sie untergeht, weil der Meeresspiegel steigt. Angesichts des globalen Wandels gibt es enorm viel zu tun. ■

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