„Wir bezahlen unsere Studenten" - wissenschaft.de
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„Wir bezahlen unsere Studenten“

Exzellente Forschung in einem kleinen Land – dafür steht das Weizmann Institute of Science in Israel. Sein Präsident, der Physiker Daniel Zajfman, erklärt, warum. Prof. Daniel Zajfman wurde im November 2006 mit 47 Jahren Präsident des Weizmann-Instituts – der jüngste Präsident, den das Institut je hatte. Geboren ist Zajfman in Belgien, 1979 zog er nach Israel. Als Wissenschaftler interessiert er sich für Atom- und Molekularphysik, insbesondere dafür, wie Moleküle in den interstellaren Wolken von Galaxien entstehen.

bild der wissenschaft: Den Namen Weizmann-Institut haben viele Deutsche schon einmal gehört. Aber die wenigsten wissen, was Sie hier tun. Wie lautet Ihre kurze Antwort?

ZAJFMAN: Drei Dinge: Grundlagenforschung, Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses und Wissenschaftspädagogik – also die Vermittlung von Wissenschaft an die Öffentlichkeit.

bdw: Was verstehen Sie genau unter Grundlagenforschung?

ZAJFMAN: Multidisziplinäre Forschung, neugiergetriebene Forschung. Die Forschung, die hier gemacht wird, basiert auf Personen, nicht auf Themengebieten. Unsere Strategie ist es, die besten verfügbaren wissenschaftlichen Köpfe einzustellen und sie arbeiten zu lassen. Wir lassen die Forscher ihr Thema selbst bestimmen und versuchen ihnen nicht hineinzureden. Grundlagenforschung heißt jedoch nicht, dass dabei keine Anwendungen herauskommen. Unsere Wissenschaftler melden pro Jahr rund 100 Patente an, und sie kommerzialisieren etwa 30 Prozent davon.

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bdw: Welche Rolle spielt das Institut bei der Ausbildung?

ZAJFMAN: Wir haben 1200 Studenten hier, allerdings nur Fortgeschrittene. Sie haben in der Regel ihren Bachelor of Science an einer anderen Universität erworben und machen hier ihren Master oder Doktor. Wir unterrichten in Englisch, wir sind eine internationale Hochschule. Außerdem haben wir 250 Postdocs, davon mehr als ein Drittel Ausländer. Alle Studenten sind in die Forschung mit einbezogen. Die Betreuung ist sehr gut – es kommen etwa vier Studenten auf einen Professor.

bdw: Sicher haben Sie mehr Bewerber, als Sie annehmen können?

ZAJFMAN: Sehr viel mehr. Denn es gibt hier auch keine Studiengebühren. Alle Studenten haben Stipendien. Wir bezahlen unsere Studenten, nicht sie uns. Außerdem können sie hier beliebig Fachgrenzen überschreiten, es gibt keine Barrieren. Zurzeit gehen 25 Prozent unserer Physik-Studenten in die biologische Forschung. Wir ermutigen sie dazu, denn in der Biologie gibt es interessante Fragen zu beantworten. Ich glaube generell, dass die neue Studentengeneration in der Lage sein wird, ihr Handwerkszeug in einer Disziplin zu lernen und es in einer anderen anzuwenden.

bdw: Und die Öffentlichkeit – wie partizipiert sie davon?

ZAJFMAN: Wissenschaftliche Bildung für alle ist ein sehr wichtiger Teil der Arbeit. Jede Woche haben wir hier auf dem Campus rund 1500 Kinder zu Gast. Sie besuchen Seminare, Übungen und Kurse. Auch hier ist Neugier die Triebkraft. Die Kinder kommen her, weil sie neugierig sind, was Wissenschaftler treiben. Haben Sie unseren Wissenschaftsgarten schon besucht?

bdw: Ich werde ihn mir noch ansehen.

ZAJFMAN: Ein Mitmach-Museum im Freien. So etwas finden Sie an keiner anderen Universität. Wissenschaftspädagogik ist für uns so wichtig, weil wir nicht glauben, dass ein gebildeter Bürger in unserem Jahrhundert ohne wissenschaftliche Kenntnisse auskommt. Sind Mobiltelefone gefährlich? Ist der Mensch am Klimawandel schuld? Das sind Fragen, die Sie ohne wissenschaftlichen Hintergrund nicht beurteilen können. Und noch etwas ist entscheidend: Wenn ein Jugendlicher sich hier bei uns mit einem wissenschaftlichen Thema beschäftigt, fragt er nicht nur: „Warum ist das so?“. Die wichtigste Frage, die er dem Wissenschaftler stellt, lautet: „Woher wissen Sie, dass das, was Sie sagen, stimmt?“ Die Jugendlichen lernen, was Evidenz ist. Nämlich etwas anderes als Geschichten und etwas anderes, als ihnen die Werbung erzählt.

bdw: Woher kommt es, dass Wissenschaft in Israel höher geschätzt wird als anderswo?

ZAJFMAN: Das ist Teil der jüdischen Kultur. Literarisch gebildet zu sein, Teil der intellektuellen Schicht zu sein, wird in unserer Kultur als ein Werkzeug zum Überleben betrachtet. Man kann das zurückverfolgen bis an den Beginn der jüdischen Zivilisation. Hier in Israel haben wir außerdem nichts anderes als Menschen. Wir haben keine Bodenschätze oder andere natürliche Ressourcen. Stattdessen haben wir – dank unserer guten Universitäten – die höchste Rate von Doktoren pro Kopf der Bevölkerung. Und wir haben dieses Land transformiert: Vor 20 Jahren war Israel ein Land, das Orangen exportiert. Heute exportieren wir Technologie.

bdw: Sie kennen die deutschen Max-Planck-Institute, sie waren Max-Planck-Direktor in Heidelberg. Welche Unterschiede sehen Sie zwischen der Forschung an einem deutschen MPI und dem Weizmann-Institut?

ZAJFMAN: Zunächst einmal muss ich betonen, dass die Max-Planck-Gesellschaft eine großartige Institution ist. Ich habe 15 Jahre in Heidelberg geforscht, und ich habe jede Minute dort genossen. Aber natürlich gibt es Unterschiede: Max-Planck hat 80 Institute, über ganz Deutschland verteilt und darüber hinaus, und wir haben hier nur einen Campus. Das heißt: An einem MPI können Sie sehr viel speziellere Forschung treiben, aber wir können integrativer sein. Der Hauptunterschied ist jedoch ein anderer: Haben Sie gesehen, wie die Leute hier in Israel Auto fahren? Ein bisschen verrückt, verglichen mit Deutschland. So betreiben sie auch Wissenschaft: Sie halten nicht bei Rot, sie überholen auch mal rechts. In der Wissenschaft kann das ein Vorteil sein.

bdw: Beim Exzellenz-Wettstreit deutscher Universitäten winken finanzielle Belohnungen. Wie erreichen Sie Exzellenz?

ZAJFMAN: Das ist sehr leicht. Das Rezept lautet: Stelle die besten Leute an! Lass sie arbeiten! Das Geheimnis ist Freiheit.

bdw: Arbeiten auch Deutsche hier?

ZAJFMAN: Wir haben deutsche Wissenschaftler hier, deutsche Postdocs, deutsche Studenten. Tatsächlich ist die Kooperation mit keinem anderen Land so eng wie mit Deutschland. Das geht zurück bis in die Fünfzigerjahre. Die ersten Kontakte, die nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Israel und Deutschland geknüpft wurden, waren Kontakte zwischen Wissenschaftlern. Und für den Aufbau unseres Instituts waren deutsche Fördergelder über viele Jahre eine enorme Hilfe. Das sollten die Deutschen wissen.

bdw: Unterstützt Deutschland die israelische Forschung, um Wiedergutmachung zu leisten? Ist das noch immer das Hauptmotiv?

ZAJFMAN: Ich sehe das nicht als Wiedergutmachung, sondern als funktionierendes Modell, das wir nachahmen sollten. Auch hier im Mittleren Osten. Wissenschaft kann riesige kulturelle Gräben überbrücken, weil sie wirklich international ist. Ähnlich wirkungsvoll kann wohl nur Sport Menschen sozial und kulturell zusammenbringen. Das Gespräch führte Judith Rauch ■

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