Wirbeltier-Urahnen ohne Hirn - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Umwelt+Natur

Wirbeltier-Urahnen ohne Hirn

Einem drei Zentimeter langen, weißen Klumpen ist jetzt eine einmalige Ehre zuteil geworden: Der in der Ostsee lebende Wurm Xenoturbella bildet einen eigenen Stamm ? einen von nur 32 Stämmen, die es im Tierreich gibt, berichten nun britische Forscher.

Andere Tierstämme sind beispielsweise die Chordatiere, zu denen die Wirbeltiere und andere Tiere gehören, die im Rücken einen stützenden Stab um das Nervengewebe besitzen, sowie die Weichtiere (Muscheln, Schnecken und Tintenfische), die Gliederfüßer (Spinnen, Insekten und Krebstiere) oder die Stachelhäuter (Seesterne, Seegurken und Seeigel).

Xenoturbella interessiert die Evolutionsforscher vor allem deswegen, weil es zusammen mit den Chordatieren, den Stachelhäutern und den Kiemenlochtieren zu den so genannten Neumündern gehört. Bei dieser Tiergruppe geht der Mund während der embryonalen Entwicklung nicht aus dem „Urmund“ hervor, der ersten Außenöffnung während eines frühen embryonalen Lebensstadiums, sondern bildet sich neu. Es wird angenommen, dass alle Neumünder einen gemeinsamen Vorfahren haben.

Die britische Forscherin Sarah Bourlat und ihre Kollegen führten nun eine umfassende Analyse des Erbmaterials verschiedener Neumünder durch, um die genauen Verwandtschaftsverhältnisse zu klären. Dabei stellten sie fest, dass Xenoturbella einem eigenen Stamm zuzuordnen ist. Der Wurm ist näher mit den Stachelhäutern und den Kiemenlochtieren verwandt als mit den Chordatieren.

Die Forscher schließen aus ihrer Analyse auch, dass der gemeinsame Vorfahr der vier Stämme so ähnlich ausgesehen haben muss wie Xenoturbella: Der Urahn von Menschen und Seesternen besaß demnach kein Gehirn, sondern lediglich ein diffuses Nervensystem an der Körperoberfläche. Xenoturbella gehört zu den einfachsten bekannten Tieren und hat keine inneren Organe, weder Darm noch Fortpflanzungsorgane. Wie sich das Tier vermehrt, ist rätselhaft.

Anzeige

Da sowohl die Neumünder als auch eine zweite große Tiergruppe, die Urmünder (unter anderem Weichtiere, Ringelwürmer und Gliederfüßer) ein Gehirn entwickelt haben, schließen die Forscher um Bourlat, dass die Evolution das Denkorgan gleich zweimal erfunden haben muss.

Sarah Bourlat (University College, London) et al.: Nature, Bd. 444, S. 85 Ute Kehse
Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Un|be|wuss|te(s)  〈n. 31; Psych.〉 Bereich nicht bewusster psychischer Inhalte u. Vorgänge

♦ in|tra|kra|ni|al  〈Adj.; Med.〉 innerhalb des Schädels (liegend); oV intrakraniell ... mehr

Dra|ma|turg  〈m. 16; Theat.〉 Mitarbeiter der Theaterleitung, der Stücke für die Bühne aussucht u. bearbeitet u. bei der Gestaltung auf der Bühne beratend mitwirkt [<Drama ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige