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Wo die Geselligkeit wohnt

Das Gehirn eines geselligen Menschen unterscheidet sich von dem eines weniger kontaktfreudigen Zeitgenossen, haben Forscher gezeigt: Zwei Hirnregionen ? eine direkt über den Augen und eine tief im Zentrum des Gehirns ? enthalten bei offenen, warmherzigen Menschen mehr Nervenzellen als bei Menschen, die andere eher meiden. Beide Areale gelten als Teil des ausgeklügelten Belohnungssystems des Gehirns und sind etwa an der Vermittlung des Wohlgefühls nach der Nahrungsaufnahme oder beim Sex beteiligt. Ob allerdings die Häufung der Nervenzellen den Hang zur Geselligkeit verursacht oder ob sie bei kontaktfreudigen Menschen erst mit der Zeit entsteht, können die Forscher um Graham Murray von der Universität Cambridge noch nicht sagen.

Das Experiment der Forscher bestand aus zwei Teilen: Zuerst sollten sich die 41 Freiwilligen ? übrigens alle männlichen Geschlechts ? in einem Fragebogen selbst in Bezug auf Kontaktfreudigkeit und ähnliche Qualitäten bewerten. Dazu wurden ihnen Aussagen präsentiert wie beispielsweise „Ich stelle zu den meisten Menschen eine herzliche persönliche Beziehung her“ oder „Ich mag es, anderen Menschen so gut ich kann gefällig zu sein“. Aus den Antworten errechneten die Forscher die Ausprägung der emotionalen Wärme und der Geselligkeit für jeden Teilnehmer. Im zweiten Schritt vermaßen die Wissenschaftler dann die Gehirne der Probanden mit Hilfe der Magnetresonanztomographie und verglichen die beiden Werte.

Das Ergebnis war überraschend deutlich: Je höher die Konzentration der sogenannten Grauen Substanz ? jenes Teils des Hirngewebes, der die Nervenzellkörper enthält ? in zwei Hirnarealen namens orbitofrontaler Cortex und vertrales Striatum war, desto höher war die Punktzahl im Fragebogen, desto mehr neigten die Probanden also zu Geselligkeit, sozialen Kontakten und Offenheit. Es sei sehr interessant, dass das Ausmaß dieser doch sehr komplexen Persönlichkeitsmerkmale in Beziehung zu Strukturen im Gehirn stehe, die sehr wichtig für die fundamentalsten, einfachsten biologischen Triebe wie Nahrungsaufnahme und Sex sind, interpretiert Studienleiter Murray. „Das gibt uns vielleicht einen Hinweis darauf, wie sich komplexe Charakterzüge wie Geselligkeit und Warmherzigkeit aus Strukturen entwickelt haben, die ursprünglich nur wichtig für grundlegende biologische Überlebensmechanismen waren“.

Murray glaubt zudem, mit den aktuellen Ergebnissen auch neue Erkenntnisse über Krankheiten wie Schizophrenie oder Autismus gewinnen zu können, die sich vor allem durch Probleme mit der sozialen Interaktion auszeichnen. „Es könnte sein, dass diese Schwierigkeiten zumindest teilweise auf die Gehirnstruktur zurückzuführen ist“, spekuliert der Wissenschaftler.

Graham Murray (Universität Cambridge) et al.: European Journal of Neuroscience, Bd. 29, Nr. 11, doi:10.1111/j.1460-9568.2009.06782.x ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel
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