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Umwelt+Natur

Wohnort Plastikmüll: Neue Biodiversität in Tiefseegräben

Armfüßer
Ein Tiefwasser-Armfüßer (Pelagodiscus atlanticus) auf einem Stück Plastikfolie aus der Tiefsee. (Bild: Xikun Song/ Universität Xiamen)

Seit Jahrzehnten landet Plastikmüll in den Ozeanen, sammelt sich selbst in tausenden Meter Tiefe und gefährdet dort die marine Fauna. Für einige Meerestiere wird der Plastikmüll aber auch zum neuen Habitat, wie Forscher in einem Tiefseegraben entdeckt haben. Auf dem Kunststoff wiesen sie knapp 50 Spezies winziger Schnecken, Quallen und Würmer nach. Die Müllansammlungen in der Tiefsee könnten demnach zu einem neuen Hotspot der Biodiversität werden.

In Meeren sammelt sich Plastikmüll in riesigen schwimmenden Müllstrudeln und sinkt in großen Teilen bis auf den Meeresgrund ab. So ist die Tiefsee in der Arktis sowie im tausende Meter tiefen Mariengraben und in einigen Unterwasser-Canyons längst mit Plastik kontaminiert, der auch trotz der extremen Bedingungen Jahrzehnte lang erhalten bleibt. Das gefährdet die dort lebenden Meerestiere. So wurde zum Beispiel in einer in über 6.000 Meter Tiefe lebenden Flohkrebsart bereits eine PET-Faser im Bauch nachgewiesen.

Was lebt im Plastikmüll der Tiefsee?

Wie sich der Plastikmüll auf die Artenvielfalt der Tiefsee-Fauna auswirkt, hat nun erstmals ein Forscherteam um Xikun Song von der Universität Xiamen in China in mehreren Tiefseegräben der Xisha-Inseln im Südchinesischen Meer untersucht. Dafür spürten die Forscher zunächst mithilfe eines Tauchboots das Plastikvorkommen in den Schluchten auf und sammelten gut 30 Proben des Mülls, die sie auf ihre Polymerzusammensetzung untersuchten. Schließlich erfassten sie die auf den Proben lebende Fauna und bestimmten die Organismengruppen und ihre Geschlechtsreife unter anderem mit modernsten molekularbiologischen und bildgebenden Methoden wie zum Beispiel mit Mikro-Computertomographischen (Micro-CT) dreidimensionalen Rekonstruktionen.

Das Ergebnis: In einer Tiefe von bis zu 3.200 Metern lagerten dort rund 52.000 Plastikteile pro Quadratkilometer, was einer größeren Menge entspricht als in anderen untersuchten Gräben. Die Proben bestanden unter anderem aus den Kunststoffen Polyethylen (PE), Polyethylenterephthalat (PET), Polyvinylchlorid (PVC) und Polypropylen (PP). Das Besondere: Auf den gesammelten Plastikteilen wiesen die Wissenschaftler insgesamt fast 1.200 Organismen nach, die offensichtlich auf und in den Lebensmittelverpackungen, Tüten oder Flaschen lebten. Die Lebewesen konnten Song und seine Kollegen fast 50 verschiedenen Arten von auf dem Meeresboden lebenden Organismen zuordnen. Darunter waren etliche festsitzend lebende Tiere wie Millimeter kleine Pilze, Korallen oder Seepocken, aber auch freilebende parasitische Flachwürmer und Schnecken.

Die häufigsten Bewohner waren die festsitzenden Polypen von Schirmquallen sowie zumeist noch nicht ausgewachsene Schalentiere, sogenannte Armfüßer (Brachiopoden), die äußerlich Muscheln ähneln. „Auffallend häufig waren Reproduktionsstadien wie Schneckeneier oder die Bildungsstadien von Quallen“, ergänzt Bernhard Ruthensteiner von der Zoologische Staatssammlung München (ZSM).

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Plastik verändert Biodiversität

„Die Formenfülle aber auch die Individuendichte auf einzelnen Stücken hat uns überrascht“, resümiert Ruthensteiner. Laut der Forscher hat sich in den untermeerischen Müllansammlungen im Südchinesischen Meer so ein artenreiches Ökosystem entwickelt, den sie als einen neuen Hotspot der Biodiversität bezeichnen. Die Ansammlungen von Plastikmüll in der Tiefsee fördern demnach die Ausbreitung bestimmter Meeresorganismen und können damit auch zu bisher unkalkulierbaren Veränderungen in Meeresökosystemen führen, so das Forscherteam abschließend. Das Vorkommen der im Plastikmüll lebenden Organismen soll künftig in weiteren, stark vermüllten Tiefseegräben ermittelt und überwacht werden.

Quelle: Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns, Fachartikel: Environmental Science & Technology Letters, doi: 10.1021/acs.estlett.0c00967

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