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Yachten als Fähren für Bioinvasoren

Yachten
Yachten an der französischen Mittelmeerküste (Bild: Aylin Ulman)

Ob noble Yacht, Segelboot oder bescheidener Kutter: Im Mittelmeer tragen gerade Schiffe im Privatbesitz stark dazu bei, potenzielle Bioinvasoren zu verbreiten. Wie eine Studie enthüllt, tragen rund 70 Prozent dieser Schiffe ortsfremde Meeresorganismen im Aufwuchs ihres Rumpfs, bei rund der Hälfte der Yachten waren dies Spezies, die im jeweiligen Hafen neu waren. Die Verschleppung solcher Arten über Schiffe kann erheblich dazu beitragen, die sensiblen Ökosysteme des Mittelmeeres zu gefährden, warnen die Forscher.

Bioinvasoren gelten als eine der großen Gefahren für die Artenvielfalt. Denn wenn solche nichtheimischen Spezies sich in einem Gebiet ungehindert ausbreiten, können sie die dortigen Ökosysteme empfindlich aus dem Gleichgewicht bringen – einige heimische Arten werden verdrängt, andere gefressen. Als Haupt-Transporteur für solche bioinvasiven Spezies gilt der Schiffsverkehr: Im Ballastwasser großer Frachter und auch im Aufwuchs an deren Rumpf – dem sogenannten Biofouling – können Algen, Muscheln oder Krebse tausende von Kilometern unerkannt mitreisen.

Blinde Passagiere am Schiffsrumpf

Bisher jedoch wurden im Zusammenhang mit dem Einschleppen von Bioinvasoren vor allem kommerzielle Frachter und Passagierschiffe betrachtet. Welche Rolle private Jachten dabei spielen, war kaum untersucht. Deshalb haben Aylin Ulman von der Universität von Pavia in Italien und ihre Kollegen dies nun für das Mittelmeer nachgeholt. Für ihre Studie entnahmen sie Proben am Rumpf von 601 Segelschiffen, Motoryachten und anderen privaten Booten in 25 Häfen verteilt auf sechs Länder im Mittelmeerraum. Zudem befragten sie die Besatzung aller Schiffe zu den gefahrenen Routen und dem Zeitpunkt der letzten Außenreinigung.

Dabei zeigte sich: Ein Großteil der Schiffe trug im Aufwuchs am Rumpf nicht nur heimische Meerestiere mit sich, sondern auch ortsfremde. „71 Prozent der Wasserfahrzeuge beherbergten mindestens eine und bis zu elf nichtheimischen Arten“, berichten Ulman und ihre Kollegen. Immerhin noch gut die Hälfte der Schiffe trug unerwünschte „Mitreisende“, die es im aktuellen Hafen nicht gab. Insgesamt identifizierten die Wissenschaftler 48 nichtheimische Arten auf dem Schiffsrümpfen und 76 solcher Spezies im Schlick der Yachthäfen. Am häufigsten im Aufwuchs vertreten waren dabei Kalkröhrenwürmer (Serpulidae) und Moostierchen, aber auch Kleinkrebse und Muscheln siedelten auf dem Rumpf vieler Schiffe.

Hotspot im östlichen Mittelmeer

Die Auswertungen ergaben zudem, dass selbst regelmäßiges Reinigen der Schiffsrümpfe das Problem nur in Teilen löst: „in einigen Fällen waren die Schiffsrümpfe schon einige Wochen nach der letzten professionellen Reinigung wieder von mehreren nichtheimischen Spezies besiedelt“, berichten Ulman und ihr Team. Besonders ausgeprägt war dies, wenn die Yachten längere Zeit in Häfen mit einem hohen Anteil solcher potenziell invasiver Arten festgemacht hatten. Insgesamt erwiesen sich Schiffe und Häfen im östlichen Mittelmeer als stärker von nichtheimischen Arten besiedelt als solche im westlichen Teil des Meeres. „Das liegt an der größeren Nähe zum Suezkanal, der das Einfallstor für die meisten nichtheimischen Arten ins Mittelmeer darstellt“, erklärt Ulman.

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Nach Ansicht der Forscher demonstriert ihre Studie das bisher unterschätzte Potenzial von privaten Yachten als „Fähren“ für nichtheimische und damit potenziell bioinvasiven Arten. „Schon ein Schiff mit einer kleinen Population solcher Tiere am Rumpf kann ausreichen, um eine gebietsfremde Art ins Mittelmeer einzuschleppen“, so Ulman und ihre Kollegen. Um das zu verhindern, sei vor allem das Biofouling ein entscheidender Faktor: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die gängige Praxis der jährlichen Rumpfreinigung nicht ausreicht, um die Verbreitung nichtheimischer Arten durch solche Freizeitschiffe im Mittelmeer einzudämmen“, konstatieren die Forscher. Sie fordern daher strengere Vorschriften: „Einlaufende Schiffe sollten auf ihren Aufwuchs hin geprüft werden und marine Pontons müssten regelmäßig gereinigt werden“, sagt Ulman.

Quelle: British Ecological Society; Fachartikel: Journal of Applied Ecology, doi: 10.1111/1365-2664.13502

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