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Wahrig Wissenschaftslexikon

Reiter

Rei|ter  〈m. 3〉 1 jmd., der (auf einem Pferd) reitet 2 〈früher〉 Soldat der Kavallerie 3 Gestell, Bock, Trockengestell 4 auf Karteikarten aufklemmbare Kennmarke, meist aus Metall 5 verschiebbarer Maschinenteil, z. B. ein Laufgewicht an einer Waage 6 〈IT〉 Untereinheit eines Menüfensters ● Ross und ~; ein kühner, tüchtiger, verwegener ~; spanischer ~ 〈fig.〉 mit Stacheldraht überzogener, tragbarer Holzbock zum Sperren von Brücken, Straßen u. Ortsausgängen od. zum Bau von Hindernissen

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Wissenschaftslexikon

Ge|sichts|schä|del  〈m. 5; Anat.〉 vorderer Teil des menschlichen Schädels ohne Stirnbein

Schwarz|kehl|chen  〈n. 14; Zool.〉 kleiner einheim. Singvogel mit schwarzer Kehle u. schwarzem Kopf: Saxicola torquata

… ist ein Roman von Wolfgang Schorlau über die Griechenlandkrise, mit Verknüpfungen zu den Verbrechen der deutschen Wehrmacht in Griechenland im zweiten Weltkrieg. Wie seine anderen politischen Krimis gleichermaßen spannend und informativ. Als recht ungewöhnliches Stilmittel im Krimi-Genre kommt darin eine Infografik zum Einsatz, die mit kleinen Punkten die Summen veranschaulicht, um die es auf den Finanzmärkten geht. Es sind sehr große Summen, genug für einen großen Plan.

Schorlaus Krimi ist eine gute Lektüre für alle, die 2020 auf dem Balkon Urlaub machen und wissen, dass in der Politik hinter den Kulissen Dinge geschehen, die man uns nicht erzählt. Was immer wieder mal der Fall ist. Aber nicht immer. Die Frage ist, und darum geht es mir hier, wie kommt es, dass Leute nicht mehr zwischen „immer wieder mal“ und „nicht immer“ unterscheiden? Damit meine ich nicht die, die sich am ganz falschen Ende der Vernunftskala bewegen und die zu normalen Zeiten an die flache Erde oder die gefälschte Mondlandung glauben und jetzt eben daran, dass uns Bill Gates Mikrochips einpflanzen will. Ich meine die Leute, die von berechtigten Fragen und Kritikpunkten ausgehen, etwa zur Angemessenheit der Maßnahmen gegen Corona oder zur Gefahr voreiliger Impfstoffzulassungen, dann aber beim Großen Plan landen. Im Moment macht mich dabei vor allem das Treiben alter Männer ratlos, die früher einmal kritische Geister waren und jetzt unkritisch allem hinterherlaufen, was einen Großen Plan zu bestätigen scheint. Dabei ist es keine allzu große intellektuelle Herausforderung, eine Verschwörungstheorie als solche zu erkennen, und um eine Verschwörungstheorie handelt es sich, wenn man gegen gute Argumente einen Großen Plan hinter den Dingen, die man beobachtet, annimmt.

Was bringt beispielsweise Wolfgang Wodarg, jemanden, der sich viele Jahre verdienstvoll gegen ungute Bündnisse aus Politik und Big Pharma engagiert hat, dazu, die Grenze zum Verschwörungstheoretischen zu überschreiten? Was jemanden wie Klaus-Jürgen Bruder, einen der großen alten Männer der kritischen, auch ideologiekritischen Psychologie, wenn er zum Thema Corona auf Rubikon von „Gehorsams-Experimenten“ und anderen Großen Plänen raunt? Kompensieren sie ihren Bedeutungsverlust im Alter auf diese Weise, die Kränkung, dass ihre Meinung zu den Weltläuften nicht mehr so gefragt ist? Sozusagen als Radikalisierungsphänomen im Kampf um schwindende Aufmerksamkeit? Oder können Sie nach Jahrzehnten des Bemühens, „hinter die Kulissen“ zu schauen, finstere Machenschaften zu entlarven, die bürgerlichen Schafe über die „wahre Wahrheit“ aufzuklären, nicht mehr anders, als reflexartig, unkritisch, eine Hidden Agenda des „Systems“ hinter allem zu vermuten, in gefährlichen Querfrontbündnissen mit den „Systemkritikern“ von rechts, einschließlich Interviews in deren „alternativen“ Medien?

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Und warum sind es so viele Männer? Neben den beiden Altlinken z.B. Sucharit Bhakdi, Harald Walach, Bodo Schiffmann, Stefan Homburg, Beda Stadler und viele andere. Ob Männer generell anfälliger für Verschwörungstheorien sind? Kann sein. Aber das erklärt nichts, am Y-Chromosom wird es schließlich nicht liegen. Falls es in dem konkreten Fall überhaupt eine Männeranfälligkeit gibt: Vielleicht gibt es auch nur mehr Männer unter den prominenten Alten, die sich in den Medien irgendwie Gehör verschaffen können und für die Medien im Sinne der „Nachrichtenwerttheorie“ interessant sind? Noch dazu, wenn sie als frühere Fach-Männer Glaubwürdigkeit beanspruchen?

Pia Lamberty, eine Psychologin, die zu Verschwörungstheorien forscht, weist zu Recht darauf hin, dass Verschwörungstheorien Ordnung vermitteln. Wir sind sinnsuchende Wesen und neigen dazu, Zusammenhänge auch da zu sehen, wo sie nicht sind. Das macht uns erst handlungsfähig gegenüber der Vielfalt der Eindrücke, die auf uns hereinprasseln. In Krisenzeiten, in denen sich so manches Selbstverständliche auflöst, ist ordnende Selbstvergewisserung besonders wichtig. Aber so hilfreich im Alltag das schnelle Denken ist, so unverzichtbar ist bei der Verteidigung wissenschaftlicher Thesen das hypothesenprüfende, langsame Denken, um Daniel Kahnemans populäre Unterscheidung aufzugreifen. Auf halben Weg lauern die Verschwörungstheorien.

Vielleicht sind im jahrelangen Meinungskampf mit finsteren Mächten gestählte Kritiker besonders gefährdet, im Alter auf halbem Wege abzubiegen?

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