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Aggressiv durch die Kinderkrippe?

Wissenschaftler wissen, was Kinder wünschen. Doch leider sind sie zerstritten bei der Frage: Was ist in den ersten drei Jahren das bessere Umfeld – Kinderkrippe oder familiäres Zuhause? Eine Riesenstudie soll jetzt Klarheit bringen.

Eine „kulturelle Revolution“ in Deutschland kündigte der SPD-Generalsekretär Olaf Scholz an: Für ein Fünftel der Kleinkinder bis drei Jahre sollen künftig Krippenplätze bereit stehen. So will die Regierung laut Scholz „die Lufthoheit über den Kinderbetten erobern“ und die Situation berufstätiger Mütter erleichtern. Die Reaktion der privaten wie der politischen Gegenseite kam prompt. Sie sah den endgültigen Zerfall der Familie und Scharen aggressiver Kinder am deutschen Zukunftshorizont aufziehen.

In der Tat, darin sind sich alle Wissenschaftler einig, werden in den ersten drei Jahren wichtige Weichen für die emotionale und geistige Entwicklung eines Kindes gestellt. Die von den Eltern abgekoppelte Erziehung der Kleinsten gehört deshalb zu den ständigen Streitpunkten der Gesellschaft. Die Diskussion ist Teil des Großexperiments „Erziehung“ – und jeder hat dazu etwas zu sagen.

Wenn die SPD ihre Vorstellungen durchsetzen – und finanzieren – kann, könnten Kleinkinder scharenweise nagelneue Krippen bevölkern. Denn immer mehr Mütter wollen rasch wieder arbeiten. In den USA kehren heute 58 Prozent der Mütter ins Berufsleben zurück, bevor ihr Baby ein Jahr alt ist. Vor 30 Jahren waren es nicht einmal halb so viele. Eingeführt wurden die Krippen durch die Obrigkeit hierzulande als Folge der industriellen Revolution Anfang des 19. Jahrhunderts. Weil oft beide Eltern bis zu 16 Stunden täglich in der Fabrik schufteten, verwahrlosten immer mehr Kinder und mussten aufbewahrt werden. In den Kibuzzim der israelischen Gründerzeit war die gemeinsame Tagesbetreuung von Kleinkindern von existenzieller Bedeutung. Im real existierenden Sozialismus der DDR war sie eine Grundlage der Staatsideologie (siehe „Das Kader-Kind“).

Schadet es den Winzlingen, wenn sich schon früh Fremde um sie kümmern? Ein Blick zu Naturvölkern hilft nicht weiter, denn sie verfahren ganz unterschiedlich. Bei den !Kung im Südwesten Afrikas trägt die Mutter den Sprössling auf dem Rücken – bis zu seinem vierten Lebensjahr. Bei den Efe in der Demokratischen Republik Kongo (früher Zaire) kümmern sich dagegen sämtliche Frauen des Clans um ein Kleinkind. Sie lösen sich sogar beim Stillen ab. Innerhalb einer Stunde wechselt die Betreuerin bis zu zwölf Mal. Ob sich solche Erkenntnisse auf Industriegesellschaften mit professionellen Betreuerinnen übertragen lassen, ist die Frage. Die Wissenschaftler sind seit Jahrzehnten zerstritten. Krippenkinder seien „selbstständiger, selbstbehauptender und dennoch hilfsbereiter und kooperativer“, resümiert der emeritierte Berliner Kleinkindpädagoge Kuno Beller die Meinung der einen Partei. Der inzwischen 84-jährige Gründer der deutschen Kleinkindpädagogik macht sich seit vielen Jahren mit ungebrochenem Elan für die vielgescholtenen Krippen stark.

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Wortführer der Gegenfraktion ist der britische Psychologe Jay Belsky. Seit Mitte der achtziger Jahre sieht Belsky immer mehr „ beunruhigende Belege“ dafür, dass Krippenkinder sich aggressiver gebärden: „Es scheint am besten zu sein, die Kinder zu Hause zu erziehen und nicht zu lange in eine Kinderkrippe zu geben“, meint er heute. Bei allem Streit ist eines sicher: Vor allem die ersten Tage fern der Mutter sind hart für Babys. Eine Arbeitsgruppe um den Soziologen Hans-Joachim Laewen vom Berliner Institut für angewandte Sozialisationsforschung/Frühe Kindheit verfolgte in Berliner Kinderkrippen die Eingewöhnung von Neuankömmlingen mit der Videokamera: Ein acht Monate alter Junge hielt sich am ersten Tag äußerlich ganz tapfer. Doch am zweiten ging das Drama los. Beim Abtrocknen nach dem Baden wurde sein Gesichtchen kurz vom Handtuch bedeckt. Daraufhin weinte er die nächsten drei Tage nahezu ununterbrochen. Trotz aller Erfahrung konnte die Betreuerin ihn nicht trösten. Doch nicht alle Kinder reagieren gleich. Wann ein Kind wie laut jammert, hängt von der Art seiner Bindung an die Mutter oder eine andere Bezugsperson ab. So genannte sicher gebundene Kinder betrachten die Mutter als verlässliche Basis, von der aus sie die Welt erkunden. Irritiert sie unterwegs etwas, flüchten sie zurück zur Mutter oder schreien nach ihr. Unsicher gebundene Kinder verlassen sich dagegen im Notfall nicht auf ihre Mutter, sondern meiden sogar ihre Nähe.

In der Krippe rebellieren die sicher gebundenen Kinder zunächst stärker. Sie weinen mehr, wirken ängstlich und zeigen den Erzieherinnen die kalte Schulter. Die unsicher gebundenen Kinder erkunden offenbar fröhlich die neuen Räume, beschnuppern die anderen Kleinen und schmiegen sich ans Personal. Das ergab eine vor drei Jahren veröffentlichte Studie der promovierten Pädagogin Ute Ziegenhain mit 35 Einjährigen in Westberlin.

Doch die forschen Unsicher-Gebundenen fühlen sich nur scheinbar wohler. Das zeigte sich, als die Psychologin Lieselotte Ahnert von der Freien Universität Berlin Mitte der neunziger Jahre 70 Einjährigen Elektroden auf die Brust klebte. So verfolgte die Privatdozentin mit ihrer Kollegin Heike Rickert anhand des Herzschlags die Stresskurve der Kleinen: Sie standen unter erheblicher Anspannung. Allmählich aber gewöhnen sich Kinder beider Gruppen an die neue Lage und entwickeln eine Beziehung zu ihrer Erzieherin.

Aber hinterlässt die frühe Trennung von der Familie eventuell Spätfolgen? Um endlich Klarheit zu bekommen, spannte das amerikanische National Institute for Child Health and Human Development (NICHD) vor einem Jahrzehnt die widerstreitenden Experten zusammen. Es gab den wissenschaftlichen Kontrahenten Millionen Dollar für eine umfassende Studie, deren Ergebnisse jetzt nach und nach veröffentlicht werden.

Mehrere Dutzend Forscher aus Psychologie, Kindermedizin und Statistik verfolgen an zehn Orten in den USA über 1000 Kinder seit zehn Jahren von Geburt an und beobachten sie in Familie, Krippe, Kindergarten und Schule. Tests und Befragungen von Eltern und Betreuern ergänzten die einmalige Studie. Aus der Fülle der ersten Daten kann sich nun jeder der schon zuvor zerstrittenen Wissenschaftler das zu seiner Position Passende heraussuchen und interpretieren. Das geschieht ausführlich, kontrovers und lautstark. Immerhin aber gibt es nun gemeinsam erhobene Zahlen, an denen keiner vorbeikommt.

•Erste – einvernehmliche – Erkenntnis: Die Familie bestimmt das Schicksal eines Kindes weit mehr als Besuch oder Nichtbesuch einer Krippe. Neben dem Einkommen der Eltern und der Ausbildung der Mutter zählt vor allem ihre Sensibilität: Je mehr sie auf ihr Kleines eingeht, desto besser kommt das Kind später im Kindergarten zurecht und desto weniger Schwierigkeiten gibt es in der Schule.

•Zweite Erkenntnis – ebenfalls von niemandem bestritten und nicht überraschend: Bessere Kinderkrippen, in denen die Erzieherinnen mehr Zeit für die Kleinen haben, zahlen sich aus. Ihre Schützlinge können mit drei Jahren leichter mit Sprache umgehen und fallen weniger durch Verhaltensprobleme auf.

•Schwieriger wird es bei der dritten Frage: Sorgt die Erfahrung in der Gruppe generell für aufgewecktere Kinder als das Leben in der Kleinfamilie? Ja, sagt die Forschergruppe: Je mehr Zeit Kinder in der Krippe verbracht haben, desto besser sprechen sie mit viereinhalb Jahren und desto besser arbeitet ihr Gedächtnis.

Aber: Es erscheint problematisch, wenn Mütter wieder arbeiten gehen, bevor ihr Baby ein Jahr alt ist. Zunächst schneiden solche Kinder in Tests zwar genauso gut ab wie andere. Doch mit drei Jahren erzielen sie plötzlich schlechtere Ergebnisse beim so genannten Bracken-Schulreifetest, bei dem sie Farben kennen und ein bisschen zählen sollen. „Es wäre klug“, kommentieren die für diese Analyse verantwortlichen Autoren der Universität Columbia, „ vorsichtig zu sein mit Maßnahmen, die Frauen im ersten Jahr zum Arbeiten zwingen“.

• Der Hauptstreit aber dreht sich um den vierten Punkt: Bringen Krippen kleine Raubeine hervor? Denn je mehr Zeit Kinder dort zugebracht haben, desto aggressiver und ungehorsamer sind sie nach Einschätzung ihrer Eltern und Erzieherinnen. Sie bekommen leichter Wutanfälle, helfen weniger und schlagen eher mal zu.

Der Effekt ist nicht sehr groß – die kleinen Rabauken liegen innerhalb der üblichen Bandbreite kindlicher Angriffslust. Etliche der Forscher messen dem Befund deswegen keine große Bedeutung bei. „Kinderkrippen produzieren keine super-aggressiven Kinder“, argumentiert die Statistikexpertin der Gruppe, Margaret Burchinal von der University of North Carolina.

Antipode Belsky fürchtet dagegen, dass schon die kleinen Unterschiede große Folgen haben könnten – wenn später in einer Klasse 20 leicht aufsässige Kinder sitzen statt wie früher 5: „ Wir müssen damit rechnen, dass der Lehrer weniger Zeit zum Unterrichten hat und mehr damit beschäftigt ist, die Klasse im Zaum zu halten.“ Belsky wirft seinen Kollegen vor, aus ideologischen Gründen nichts auf die Krippen kommen lassen. (siehe Interview).

Die Wissenschaft bietet aber auch Trost: Zwar können sich die Krippen-Erzieherinnen nicht so viel um ihre einzelnen Schützlinge kümmern wie „Hausmütter“. Doch beschäftigen sich die Mütter von Krippenkindern abends und morgens umso intensiver mit ihrem Liebling. In der Summe kassieren Krippenzöglinge ebenso viele Streicheleinheiten wie die zu Hause Betreuten. Dafür sorgen die Kleinen selbst. Offenbar wissen sie genau, wo sie ansetzen müssen: In der Krippe wimmern sie selten – doch zu Hause plärren sie dafür umso mehr.

KOMPAKT

• Die ersten drei Jahre sind für die weitere Entwicklung eines Kindes prägend.

• Die Kinderkrippen in Deutschland entstanden zu Beginn der industriellen Revolution.

• In der DDR wurden 65 Prozent der Zwei- und Dreijährigen in Krabbelgruppen betreut.

Jochen Paulus

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