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Antarktis – der mysteriöse Kontinent

Der Erdteil widerspricht jeder Vorstellung: ein Kontinent – von kilometerdicken Eisgebirgen in den Ozean gedrückt. 80 Prozent allen Süßwassers ist hier gebunden – und es ist trocken wie in der Sahara. Zwischen Eis und Land eingeschlossen – ein gigantischer See aus der Urzeit. Geschieden zwar von aller Welt ist die Antarktis dennoch ein wichtiger Motor für unser globales Klima. Geheimnisse und Fragen zuhauf – und die Wissenschaft steht erst am Anfang.

Das Arbeitsjahr ist kurz. Es beginnt im Dezember und endet Mitte Februar. Dann frieren die Zufahrtswege zu. Die Temperaturen sinken unter 50 Grad minus. Orkane peitschen übers Eis. Die Sonne verschwindet für Monate hinter dem Horizont. So gleicht jede Expedition einem Wettlauf gegen die Zeit. Hans Oerter, Glaziologe am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven, saß zum Jahresende 2000 in den Startlöchern – zum neunten Mal. Am 1. Dezember ging er in Kapstadt an Bord der „Polarstern“. Bald sah Oerter in der Ferne den ersten Eisberg auftauchen, dann wurde das Eis dichter, und schließlich musste sich das 118 Meter lange Forschungsschiff durch „zehn Zehntel Eis“ kämpfen, wie es im Seemannsjargon heißt. Die meterdicke geschlossene Eisdecke erforderte die ganze Kraft der 20000 PS-Maschine. Nach zehn Tagen war die haushohe Schelfeiskante nahe der deutschen Neumayer-Station erreicht, wo neun Forscher auf ihre Ablösung warteten. Der Bordkran wuchtete 120 Tonnen Ausrüstung aufs Eis. Für Oerter und sein 15-köpfiges Expeditions-Team konnte es losgehen. Sie sollten ein Bohrcamp errichten, rund 750 Kilometer tief im Landesinneren. Fünf Pistenbullis, riesige Schlitten im Schlepp, machten sich auf den Weg in die Eiswüste. Zehn Tage zockelte die Karawane im behäbigen Jogger-Tempo die Gletscher hinauf, alle 40 Kilometer ein Tankstopp. Das Ziel mit dem nüchternen Namen DML 05, fast 3000 Meter über dem Meer, unterschied sich in nichts vom weißen Einerlei der Umgebung. Fünf Jahre Erkundung waren vorausgegangen, um den Punkt „Dronning Maud Land Nummer 5″ zu finden. AWI-Forscher hatten vom Flugzeug aus eine Fläche dreimal so groß wie Deutschland vermessen und – ganz nebenbei – ein Gebirge vom Ausmaß der Alpen unter dem Eispanzer entdeckt (bild der wissenschaft 5/2000, „Berge im Eisgrab“). Ihre Suche galt einer Region, in der wenig Bewegung im Gletscher ist. Nur dann kann sich eine Schneeschicht sauber über die andere legen und so als lückenloses Eis-Tagebuch dienen. In den nächsten Jahren soll auf DML 05 das 2750 Meter mächtige Eis bis zum Grund durchbohrt und damit das Buch geöffnet werden. Die Wissenschaftler hoffen auf eine akribische Beschreibung von mindestens 150000 Jahren Klimageschichte. Zwölf Nationen beteiligen sich am „European Project for Ice Coring in Antarctica“ (EPICA). Es geht darum, die Klimageschichte der südlichen Hemisphäre mit der im Norden zu vergleichen. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei Phasen des Umbruchs. So wollen die Forscher wissen, was in der Antarktis los war, als sich die Atmosphäre im Norden innerhalb weniger Jahre wiederholt um sechs bis zehn Grad erwärmte (siehe bild der wissenschaft 6/2001, „Der versunkene Wald“). Diesen Temperatursprung belegen auch Bohrungen im grönländischen Eis. Um das frühere Weltklima rekonstruieren zu können, bringen die Europäer gleich zwei Bohrungen nieder: Die auf Dronning Maud Land, das vom Atlantik beeinflusst wird, und eine zweite auf Dome Concordia, das unter dem Einfluss von Pazifik und Indischem Ozean steht. Auf Dome Concordia wollen Glaziologen 3300 Meter tief bohren und so fast 500000 Jahre tief in die Vergangenheit blicken. EPICA bietet alles, was ein typisches Antarktis-Projekt ausmacht: internationale Zusammenarbeit, großen Aufwand, lange Laufzeit und Grundlagenforschung zum Thema „Global Change“. Mehrere tausend Wissenschaftler aus 43 Ländern – Deutsche, Briten und Amerikaner an führender Stelle – nutzen das ewige Eis als gigantisches Freiluftlabor. Hier können sie unverfälschte Daten sammeln. Keine Industrie, kein Verkehr, keine Städte stören die Messungen. Sie bohren im Eis und im Sediment, analysieren die Luft, versenken Sonden in die Tiefsee, filmen Lebensgemeinschaften am Meeresgrund, untersuchen Rammspuren von Eisbergen und tauchen zum Wohl der Wissenschaft ins eiskalte Wasser. Um wirtschaftlichen Nutzen geht es längst nicht mehr. Bestenfalls suchen Biologen im Ökotop noch nach Wirkstoffen, die in der Medizin nützlich sein könnten. Dass AWI-Forscher im Frühjahr 2001 Walen und Delfinen den Trick abschauten, wie die Tiere ihre Haut vor lästigem Larvenbefall schützen, und das als mögliches Schutzmittel für Schiffsrümpfe zum Patent anmeldeten, war eine Ausnahme. Die Antarktis ist ein gutes Revier für Grundlagenforscher. Im Mittelpunkt stehen Fragen, wie sich die Eingriffe des Menschen auf den irdischen Haushalt auswirken, oder wie die globalen Prozesse, die in der Atmosphäre und im Wasser ablaufen, im Detail funktionieren und ineinander greifen. Für das Klima spielt die Antarktis – ähnlich wie die Arktis – eine Schlüsselrolle. Mit ihrer mächtigen Eiskappe, die im Mittel 2160 Meter dick ist und 98 Prozent der Landmasse bedeckt, kühlt sie die Erde und regelt den Meeresspiegel. Wer hier forscht, muss sich warm anziehen. Die Antarktis ist der kälteste, windigste und trockenste Kontinent. Hier wurde mit minus 89,2 Grad Celsius die tiefste Temperatur gemessen. Selbst am wärmsten Sommertag auf DML 05 hatte der Bohrtrupp eine mittlere Temperatur von minus 20 Grad zu verkraften. In der Zentralantarktis steigt das Thermometer im Jahresmittel kaum über minus 50 Grad. Und dort fällt weniger Niederschlag als in der Sahara. In manchen Tälern schneit es so selten, dass weder Eis noch Schnee den Boden bedeckt. Im Herbst und Winter fegen Orkane mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde über Land und Meer. Keine Gewässer sind unter Seeleuten gefürchteter als die antarktischen. Die lebensfeindlichen Bedingungen haben den Menschen lange den Zugang zum weißen Kontinent verwehrt. Die ersten Besucher waren Walfänger, die in der Wind gepeitschten See reiche Beute machten. Dann kamen wissenschaftlich ambitionierte Abenteurer, die darum konkurrierten, als Erste den Pol zu erreichen. In der Eishölle riskierten sie Frostbeulen, erfrorene Zehen, Skorbut, Schneeblindheit – und ihr Leben. Tragische Schicksale sind mit der Antarktis verknüpft: Der Ire Ernest Shackleton musste 1909 nur 97 Meilen vor dem Ziel umkehren, weil ihm die Lebensmittel ausgingen. Zwei Jahre später starteten der Norweger Roald Amundsen und der Engländer Robert Scott fast gleichzeitig zum Südpol. Der Norweger, auf Hundeschlitten unterwegs, siegte mit einem Monat Vorsprung. Scott und drei seiner Begleiter bezahlten das Abenteuer mit ihrem Leben: Sie hatten nicht nur auf die falsche Ausstattung – Motorschlitten und Ponys – gesetzt, sondern auch Pech mit dem Wetter. Ungewöhnliche Kälte hatte den Schnee stumpf wie Sand werden lassen – die Schlitten rutschten kaum. Und der Wind, der sonst stets zur Küste weht, war abgeflaut, sodass an Segelhilfe nicht zu denken war. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts warfen zahlreiche Länder begehrliche Blicke gen Süden. Vor allem England, Chile und Argentinien, aber auch Norwegen, Australien, Neuseeland und Frankreich beanspruchten Gebiete. Es ging und geht um nationales Prestige, um Walfang und – früher mehr als heute – um Bodenschätze. Geologen vermuten unter dem Eis Kohle und Eisenerz, sowie Platin, Chrom, Blei, Kobalt, Nickel und andere seltene Metalle. Im Schelf fanden sie Anzeichen für Erdöl und -gas. Um den territorialen Forderungen Nachdruck zu verleihen, betrieb Argentinien sogar Familienpolitik: Auf der Militärbasis Esperanza wurde 1978 erstmals ein Mensch in der Antarktis geboren. Doch der Frost kühlte offenbar die Gemüter ab. Die Antarktis entwickelte sich zu einem Musterbeispiel friedlicher Zusammenarbeit. 1959 – mitten im Kalten Krieg – unterzeichneten die USA und die UdSSR sowie zehn weitere Staaten den Antarktisvertrag, der dort jegliche militärischen Aktivitäten verbietet. Wer seitdem bei der Nutzung dieses Kontinents mitreden will, muss sich erst einmal wissenschaftlich engagieren. Als in den siebziger Jahren die Angst vor den Grenzen des Wachstums umging und Rohstoffe für Energie und Ernährung knapp zu werden drohten, sprangen auch die Deutschen ins Boot. Auf dem Schelfeis errichteten sie die Georg-von-Neumayer-Forschungsstation, die seitdem ganzjährig besetzt ist. Im Winter arbeiten dort jeweils neun Wissenschaftler – seit einem Jahrzehnt sind es Männer und Frauen. 1991 einigten sich die Vertragsstaaten sogar, den Abbau von Bodenschätzen für die nächsten 50 Jahre zu verbieten. Die Antarktis ist nun ein „ dem Frieden und der Wissenschaft gewidmetes Naturreservat“, in dem der Umweltschutz Priorität genießt. Die Antarktisforscher sind auf die dadurch verursachte Reglementierung nicht immer gut zu sprechen. Glaziologe Oerter etwa musste für die Errichtung des Bohrcamps eine 107-seitige Umweltverträglichkeitsstudie vorlegen: „Anderthalb Jahre hat das Verfahren gedauert.“ Die Ruhe um die wirtschaftliche Ausbeutung der Antarktis hat einen banalen Hintergrund: Es gibt derzeit nichts, worum es zu streiten lohnt: Die Bodenschätze lassen sich nicht wirtschaftlich abbauen. Der Walfang ist verboten. Die Hoffnung auf massenhafte Krill-Beute hat sich nicht erfüllt. Die wenige Zentimeter kleine Leuchtgarnele, die in riesigen Schwärmen durch die antarktischen Gewässer driftet und Walen, Robben und Pinguinen als Nahrung dient, galt in den siebziger Jahren als unerschöpfliche Eiweißreserve, die den Hunger der Menschheit stillen sollte. Die Dezimierung der Wale – so rechneten Ökologen vor – würde einen Überschuss von mehr als 150 Millionen Tonnen Krill pro Jahr hervorrufen. Doch der Traum platzte, als sich herausstellte, dass die Tiere in einem Panzer stecken, der für Menschen ungenießbar viel Fluor enthält. Mehr noch: In ihrem Körper zirkuliert ein aggressives Enzym, das Fleisch von toten Tieren innerhalb weniger Stunden verderben lässt. Unterdessen gelang es zwar, mit neuen Fang- und Verarbeitungstechniken diese Probleme zu lösen. Dennoch zogen die Fangflotten, vor allem aus Japan und Polen, 1999 gerade 100000 Tonnen Krill aus dem Wasser. Formal öd und leer, übt die Antarktis doch eine eigenartige Faszination auf Menschen aus. So schreibt die Ärztin Monika Puskeppeleit, die 1990/91 in der Neumayer-Station überwinterte, vom grassierenden Polar-Virus – als wäre die Sehnsucht nach dem kalten Kontinent eine ansteckende Krankheit. Funktionskleidung, Satellitennavigation, Telefon, Eisbrecher, Polarflugzeug und vieles mehr machen das Risiko einer Antarktisüberwinterung inzwischen kalkulierbar und bieten sogar Komfort. Dennoch hat jeder Antarktisveteran „sein“ Abenteuer. Oerter zum Beispiel war bei einer Schlittenexpedition drei Tage im engen Wohncontainer gefangen, weil ein Blizzard übers Eis fegte. Das Schicksal der amerikanischen Ärztin Jerry Nielsen ging um die ganze Welt: Sie ertastete einen Brusttumor und musste Monate im Eis ausharren, ehe er operativ entfernt werden konnte. Die 47-Jährige saß im Südpolwinter in der Scott-Amundsen-Station fest – direkt am Südpol.

Dr. Eberhardt Fahrbach, Klimatologie beim Alfred-Wegener-Institut erlebte Anfang 1999 seine Zitterpartie. Schuld daran war letztlich der Klimawandel. Seit einigen Jahrzehnten steigen die Temperaturen an den antarktischen Küsten. Deshalb bricht mehr Schelfeis als früher vom Festland ab und treibt ins offene Meer. Der Exodus droht überall, wo die Durchschnittstemperatur fünf Grad minus übersteigt. Das sich in den Sommermonaten bildende Schmelzwasser sickert in die Eisspalten, die sich dabei vergrößern. Frostsprengung, Seegang und Gezeiten tun ein Übriges und lösen Eisschollen vom festen Verbund. Im Oktober 1998 brach eine Tafel der zehnfachen Größe des Bodensees vom festen Eispanzer ab. Und mit ihr die deutsche Sommerstation „Filchner“, die ohne Ziel – zum Glück ohne Besatzung – im Ozean umher driftete. Einfach absaufen lassen konnte man die Filchner-Station nicht. Das Equipment war teuer, und das Meer musste vor den Gerätschaften geschützt werden. Also nahm die Polarstern mit Fahrtleiter Fahrbach Kurs auf. Der Weg führte durch dichtes Eis. Ohne triftigen Grund hätte sich Fahrbach nicht da hineingewagt. Ständig drohte die Gefahr, dass der Wind die Schollen zusammenschob und das Schiff einklemmte. Zwar war die Besatzung nicht gefährdet – die Polarstern hält sogar dem Klammergriff von massivem Packeis stand. Aber „wir hatten wenig Lust, den Winter in dieser Gegend zu verbringen“, sagt Fahrbach heute. Das beflügelte die Mannschaft: Nach einer guten Woche war die Station abgebaut. Unterdessen sind die Container der Filchner-Station Teil des Bohrcamps auf DML 05.

Fahrbach ist Meereskundler und puzzelt wie viele seiner Kollegen am Weltklima. Der Antarktis Fakten abzuringen, ist anstrengend. Oft bedeckt meterdickes Eis die Tiefseesonden, die jahrelang Strömung, Temperatur und Salzgehalt des Wassers aufgezeichnet haben. Dann muss die Polarstern erst einmal mächtig ackern und das Eis zu Brei zermalmen, bevor Fahrbach per Funkbefehl die Halterung löst, die das teure Gerät am Meeresgrund hält. Danach dauert es oft noch bange Stunden, bis ein Crew-Mitglied die leuchtend roten Auftriebsbälle der Sonden entdeckt. Manchmal muss man sich sogar per Hubschrauber auf die Suche nach dem Messfühler machen. Viel Aufwand für wenig Fortschritt. Denn die so gewonnenen Daten liefern nur ein punktuelles Bild des Ozeans, das wenig Aussagekraft besitzt. „ Einmal hinfahren heißt, keinmal hinfahren“, philosophiert Fahrbach. Die Antarktis sei nicht nur riesengroß, sie wandele sich auch im Rhythmus von Jahren und Jahrzehnten. Zu ihrer Überraschung mussten Meereskundler vor kurzem einsehen, dass nicht einmal die aus der Tiefsee gewonnenen Werte stabil sind. Temperatur und Salzgehalt können sich auch dort innerhalb weniger Jahre spürbar ändern. Kein Wunder, dass in der Klimadiskussion bis heute viele Fragen offen sind. Sicher ist, dass die Antarktis – ebenso wie die Arktis – als weiße Lunge die Ozeane mit sauerstoffreichem, kaltem Wasser versorgt. Tiefenwasser aus der Antarktis ist bis in die Breiten Europas nachgewiesen.

AWI-Forscher brachten die internationale Wissenschaft vor einigen Jahren einen großen Schritt weiter, als sie die Eisdicke des Ronne-Eisschelfs mit Radarstrahlen vermaßen und dabei entdeckten, dass sich Eis auf zwei Wegen bilden kann: Eis entsteht aus gepresstem Schnee, Eis entsteht aber auch aus gefrorenem Meerwasser. Die Radaruntersuchungen zeigten, dass sich gefrierendes Wasser von unten an das Schelfeis anlagert – hundert und mehr Meter. Das hat Konsequenzen: Weil das Meersalz nicht in die Eiskristalle eingebaut wird, erhöht sich im Wasser darunter der Salzgehalt. Salzreiches Wasser sinkt ab. Unter dem Schelfeis verbergen sich Quellgebiete für das kalte Bodenwasser, das in Richtung Äquator und noch weiter nach Norden strömt. Wie viel kaltes Wasser ergießt sich durch diesen Prozess in die Weltmeere? Wie stark ist die antarktische Pumpe? Die Wissenschaftler tun sich schwer mit einer präzisen Antwort. Die wenigen Messungen, die gemacht werden, liefern nur grobe Anhaltspunkte, zumal die Kaltwasserproduktion nicht gleichmäßig abläuft. Nach Modellrechnungen strömen pro Sekunde etwa zwölf Millionen Kubikmeter Wasser gen Norden in die Weltmeere. Das entspricht der zehnfachen Abflussmenge aller Flüsse und Ströme in die Ozeane. Nicht nur das Schelfeis ist ein bedeutender Kaltwasserproduzent, sondern auch das Meereis. Immerhin bedecken jeden Winter 16 Millionen Quadratkilometer Fest- und Treibeis das Meer, das entspricht fast der 50fachen Fläche Deutschlands. Dabei entstehen rund 12000 Kubikkilometer Eis. Dass diese antarktische Umwälzpumpe einmal ins Stocken gerät, befürchtet Fahrbach nicht: „ Es braucht ganz massive Eingriffe, um das System zum Kippen zu bringen.“ Die vielen natürlichen Rückkopplungsmechanismen würden Fehlfunktionen weitgehend kurieren und Stabilität garantieren. Doch es gibt auch andere Anzeichen. Nachdem vor wenigen Jahren große Teile des Larsen-Schelfeises abgebrochen waren, hat sich das Bodenwasser im nordöstlichen Weddelmeer innerhalb von zwei Jahren um 0,3 Grad erwärmt. „Eine so starke Erwärmung hatten wir zuvor noch nie“, staunt AWI-Klimatologe Dr. Hartmut Hellmer. Offenbar war mit dem Schelfeis ein Teil der Kaltwasserfabrik verloren gegangen. Und nicht nur am Larsen-Schelfeis knirscht es: Derzeit brechen die Platten auf breiter Front. Mehr Eis als jemals zuvor treibt ins offene Meer. Das bedroht die Umwälzpumpe doppelt: Nicht nur die Aufsalzung wird erschwert, das Süßwasser der schmelzenden Eisberge verzögert auch das Absinken antarktischer Wassermassen.

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Ein anderes Problem beschäftigt die Menschheit essenziell: Wie stabil ist der antarktische Eispanzer? Kann ihn die globale Erwärmung zum Abschmelzen bringen? Im Eis sind immerhin rund 30 Millionen Kubikkilometer Wasser gebunden, mehr als 80 Prozent der globalen Süßwasserreserve. Wird die freigesetzt, steigt der Meeresspiegel um gut 60 Meter. Manche Wissenschaftler suchen in der Vergangenheit nach einer Antwort. Sie streiten vor allem darüber, wie die Antarktis vor gut zwei Millionen Jahren aussah, also bevor die bislang letzte Eiszeit begann. Wenn die Antarktis damals ohne Eiskappe war, kann es – so mutmaßen Klimatologen – um die Stabilität des Eispanzers nicht weit her sein. Zunächst glaubten amerikanische Geologen im Schutt der transantarktischen Berge Belege für eine damals weitgehend eisfreie Antarktis gefunden zu haben: Kieselige Mikrofossilien mit einem Alter von rund drei Millionen Jahren. Die Organismen hatten im Meer gelebt und konnten nur auf den Kontinent geraten – so die Vermutung –, weil die Antarktis abgeschmolzen und daher teilweise vom Meer überflutet war.

Doch dieses Argument sticht nicht mehr. Aktuelle Untersuchungen haben gezeigt, dass eine kosmische Katastrophe die Mikrofossilien ins Inland verfrachtet hat. Vor rund 2,2 Millionen Jahren schlug ein Asteroid in die rund 5000 Meter tiefe Bellinghausen-See nahe der antarktischen Halbinsel ein. Im vergangenen Frühjahr haben AWI-Geologen dort den Meeresboden – von der Größe Bayerns – kartiert und 25 Bohrproben gezogen. „ Überall stießen wir auf völlig durchgedrehtes Material“, sagt Dr. Rainer Gersonde. Das kosmische Geschoss hat die Sedimentschichten am Ozeanboden total durcheinander gewirbelt. Zwischen dem Schutt tauchten bis zu 2,5 Zentimeter große Meteoritbrocken auf – eine Rarität. Denn bei Einschlägen an Land bleiben keine Rückstände, weil das gesamte Projektil verdampft. Gersonde vermutet, dass der Asteroid mehr als einen Kilometer Durchmesser hatte und eine Sprengkraft von mindestens zwei Millionen Hiroshima-Bomben entwickelte. Mit dem Fall-out regnete Gesteinsbrei aus der Tiefsee auf das Umland herab. So erklären sich die AWI-Forscher auch die rätselhaften Mikrofossilien im transantarktischen Gebirge. Auch wenn der Streit um die Stabilität des Eisschildes damit nicht entschieden ist: Ein rasches Abschmelzen ist nicht zu befürchten. Ein paar Grad Erwärmung können dem bitterkalten Kontinent so schnell nichts anhaben. Die steigende Konzentration an Treibhausgasen in der Atmosphäre dürfte die Schneedecke sogar wachsen lassen. Denn die erwärmte Luft nimmt mehr Feuchtigkeit auf, womit auch mehr Schnee fällt.

faszination und Forschung

Der Sechste Kontinent ist der zweitkleinste Die Antarktis umfasst insgesamt rund 14 Millionen Quadratkilometer – sie ist etwa eineinhalb mal so groß wie Europa. Der Kälteste Kontinent Die niedrigste Temperatur auf der Erde wurde am 21. Juli 1983 mit minus 89,2 Grad Celsius an der antarktischen Wostok-Station gemessen. Die Grösste Forschungsstation In der amerikanischen McMurdo-Station leben im Sommer bis zu 1000 Menschen, im Winter immerhin noch 250. Der Höchste Berg Der 4897 Meter hohe Mount Vinson ragt weit aus der durchschnittlich 2500 Meter dicken Eisdecke heraus. Das Dickste Eis An der massivsten Stelle ist das antarktische Eis 4776 Meter stark. Der Schweizer Aletsch-Gletscher schiebt 800 Meter Eis zu Tal. Die Grösste zugefrorene Wasserfläche Die Eisfläche rund um die Antarktis wächst im Winter von rund 4000000 auf 22000000 Quadratkilometer. Das ist mehr als die Fläche von Kanada und der USA zusammen. Die Heftigsten Stürme Die höchste Windgeschwindigkeit in der Antarktis betrug 327 Kilometer pro Stunde, von einem Orkan spricht man ab 120 km/h. Die Tiefste Bohrung Bei 3623 Meter stoppte die bisher tiefste Bohrung, knapp über dem Wostok-See (siehe „Urzeit-Meer unter dem Eis“). Der Grösste Gletscher Der 40 bis 80 Kilometer breite und etwa 500 Kilometer lange Lambert-Gletscher ist der größte Gletscher der Welt. Der mächtigste Alpen-Gletscher, der Schweizer Aletsch- Gletscher, ist 22 Kilometer lang und im Mittel 1800 Meter breit. Der Langsame Pol Der magnetische Südpol wandert pro Jahr 4 Kilometer, der magnetische Nordpol bewegt sich um mehr als 40 Kilometer. Die Fahne am geografischen Südpol wird jährlich versetzt – die Eisschicht über ihm verschiebt sich um 10 Meter. Der Staubtrockene Kontinent Das Innere der Antarktis ist mit 20 bis 30 Millimetern jährlichem Niederschlag ähnlich trocken wie die Sahara.

Fischreiche Flüsse und ein Wald voller Koniferen

Könnten Wir eine Zeitreise ins Erdmittelalter machen, würden wir uns über die Antarktis wundern. Vor rund 160 Millionen Jahren wuchs auf dem südlichsten Kontinent üppiger Wald aus Koniferen, palmenähnlichen Cycadophyten und Farnen. Fischreiche Bäche schlängelten sich zwischen mächtigen Baumstämmen, Käfer krabbelten über die Blätter. Das belegen Fossilien, die auf der Antarktischen Halbinsel gefunden wurden. Der Landsporn, der weit nach Norden reicht, ist heute eines der wenigen eisfreien Gebiete, in denen Paläontologen fündig werden. Dort tauchten auch die Überbleibsel von Meeresreptilien auf, die in der Kreidezeit, vor rund 100 Millionen Jahren, gelebt haben. Die Plattentektonik hat die subtropische Landschaft in eine Eiswüste verwandelt. Im Lauf von Millionen Jahren driften Kontinente über den Globus und ordnen sich neu. Das beeinflusst Meeresströmungen und Windsysteme, die wiederum das Klima prägen. Vor 250 Millionen Jahren – zu Beginn des Erdmittelalters – war die Erdmasse im Kontinent Pangäa vereint. Die Antarktis lag nördlicher als heute, Europa war auf der Höhe des heutigen Nordafrikas zwischen Asien und Nordamerika eingeklemmt.

Im Lauf des Erdmittelalters, dem Zeitalter der Dinosaurier, zerbrach Pangäa in Gondwana im Süden und Laurasia im Norden. Der Atlantik öffnete sich, die Landmassen zersplitterten noch mehr. Die Temperaturen lagen über den heutigen – die Pole waren eisfrei. Der Meeresspiegel war höher, weite Teile Europas wurden immer wieder vom Meer überspült. Vor 100 Millionen Jahren rutschte die Antarktis in ihre polare Position. Doch ihr Winterschlaf begann erst Millionen Jahre später. Das lag am weltweiten Klimatrend: Seit rund 50 Millionen Jahren sinken die Temperaturen. Hinzu kommt, dass vor rund 33 Millionen Jahren die Landverbindung zwischen Antarktis und Australien gekappt wurde. Kurz darauf trennte sich auch Südamerika von der Antarktis: Die Antarktis war isoliert und der Zirkumpolarstrom entstand. Der stetige Westwind, der seither um den Kontinent weht, brachte gewaltige Wassermassen in Schwung und rührt die Ozeane von der Oberfläche bis zum Tiefseegrund um. Der Zirkumpolarstrom hält so wärmeres Wasser von der Antarktis fern. Derart vom globalen Wärmefluss abgeschnitten, wuchs eine wuchtige Eiskappe. Als sich in Europas Wäldern Säbelzahnkatzen, Nashörner und Krokodile tummelten, zog sich das Leben aus der Antarktis zurück. Nur an den Küsten und im Wasser passten sich Pinguine, Robben und andere Spezialisten den unterkühlten Bedingungen an. Die weiten Eisflächen, die im Landesinneren und auf der zugefrorenen See entstanden, werfen bis heute viel Sonnenlicht in den Weltraum zurück und verstärken den globalen Abkühlungstrend. Die Nordpol-Eiskappe ist dagegen deutlich jünger. Sie entstand erst während der jüngsten Eiszeitperiode vor rund zwei Millionen Jahren.

Rüdiger Vaas

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