Margarete Mitscherlich wagte sich weit vor: „Bin Laden ist ein publikumssüchtiger, homoerotischer Narzisst.” Die Grande Dame der deutschen Psychoanalyse diagnostizierte bei dem islamistischen Terroristenchef in einem Interview mit der „Tageszeitung” eine „ narzisstische Wut”. Die münde in Rachegefühle und entstehe aus Minderwertigkeitsgefühlen. „Dass er (Bin Laden) sich als Heiland stilisiert, zeigt, dass er sich als Opfer fühlt”, so die Sozialwissenschaftlerin weiter. Der arabische Schriftsteller Afif Lakhdar bescheinigt in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” im gleichen Zusammenhang pauschal „uns Arabern, Völkern wie Eliten” einen fanatischen Narzissmus, der „sich weigert, die Realitäten zu erkennen”. Und der amerikanische Historiker Christopher Lasch hat die Entwicklung in den westlichen Gesellschaften als „Das Zeitalter des Narzissmus” (Buchtitel) beschrieben. Tragende Elemente dieser Kultur seien die anschwellende Bedeutung von Image- und PR-Aspekten im politischen, privaten wie wirtschaftlichen Leben. Narkissos lebt also weiter – jener schöne griechische Jüngling, der sich in sein Spiegelbild verliebte, sich aus Sehnsucht nach dem unerreichbaren Gegenstand seiner Liebe verzehrte und schließlich in die Frühlingsblume Narzisse verwandelte. Die Metamorphose in der heutigen Zeit scheint jedoch weniger subjektiv-harmlos. Übereinstimmend charakterisieren Soziologen, Psychologen und Politikwissenschaftler die momentane Gesellschaft als „ durchtränkt vom Narzissmus” – und der umfasst ein breites Spektrum: von der ungezügelten Selbstbezogenheit politischer wie wirtschaftlicher Führer auf der einen Seite bis hin zum quasi-süchtigen Konsumenten von TV-Sendungen wie „Big Brother” im kommerziellen Fernsehen am anderen Ende der gesellschaftlichen Skala. Prof. Peter Winterhoff-Spurk ist beidem auf der Spur. Er nennt die Elite-Egomanen die „aktiven Narzissten” und die Möchtegern-Berühmten die „passiven Narzissten”. Der Psychologieprofessor an der Universität Saarbrücken hat sie immer wieder bei seinen beruflichen Streifzügen durch deutsche Fernsehlandschaften gefunden. Dabei stellte er eine verblüffende Symbiose der beiden gegensätzlichen Pole fest. Winterhoff-Spurk: „ Die beiden Gruppen benötigen und bedingen sich gegenseitig.” Bundeskanzler Gerhard Schröder und Big-Brother-Veteran Zlatko auf einer Schiene? Narzissmus als Persönlichkeitsmerkmal beschäftigt die Psychologen, speziell die Psychoanalytiker, schon lange – mit unterschiedlichsten Wertungen. Sigmund Freud zum Beispiel hielt Narzissmus für eine unbehandelbare Persönlichkeitsstörung. Heute nähert sich die Wissenschaft dem Phänomen gelassener und spannt den Bogen von normalem bis krankhaftem Verhalten. Der Psychoanalytiker und Unternehmensberater Prof. Manfred Kets de Vries vom Europäischen Institut für Unternehmensführung unterscheidet drei Hauptvarianten: den konstruktiven, den selbsttäuschenden und den reaktiven Narzissten: Der konstruktive Narzisst wird oft als gesunde Führungskraft angesehen. Er kann im Allgemeinen mit Mitarbeitern recht gut umgehen. Er besitzt ein hohes Maß an Vertrauen in ihre Fähigkeiten und ist außerordentlich aufgaben- und zielorientiert. Dadurch wirkt er gelegentlich kalt und arrogant. Auch die konstruktiven Narzissten genießen es, von anderen bewundert zu werden, können aber zugleich ihre Fähigkeiten und Grenzen realistisch einschätzen. Ihren Entscheidungen gehen umfangreiche Analysen und Beratungen voran. Diese konstruktive Form von Narzissmus beruht auf einem gesunden Selbstwertgefühl, einer sicheren Identität und einem klaren Selbstverständnis. Sie ist der Motor, der zur Teilnahme am öffentlichen und politischen Leben motiviert. Selbsttäuschende Narzissten sind in ihren sozialen Beziehungen weniger offen als die konstruktiven Narzissten; dies geschieht zudem mehr aus dem Motiv, einfühlsam zu scheinen als aus echter Anteilnahme. Der selbsttäuschende Narzisst ist zudem bei seinen Entscheidungen unsicher und sucht aus Angst vor Misserfolgen eher den Rat von Mitarbeitern. Zu seiner Selbstbestätigung muss er außerdem von den Menschen, mit denen er verkehrt, geliebt und bewundert werden. Sein Selbstwertgefühl ist labil. Der reaktive Narzissmus ist die schwere Form der narzisstischen Störung. Ihre Ursachen liegen in der Kindheit und sind die Reaktion auf Eltern, die als abweisend und kalt erlebt wurden. Führungskräfte mit dieser Persönlichkeitsstruktur sind häufig extrem fordernde Aufseher, die sich vor allem mit Schmeichlern umgeben. Sie ignorieren die Bedürfnisse ihrer Untergebenen ebenso wie die der Gleichgestellten. Bei Entscheidungen neigen sie dazu, auch extrem riskante Projekte ohne hinreichende Prüfung zu übernehmen. Sie geben keine Fehler zu, sind empfindlich bei Kritik und suchen die Ursache für Fehler vorzugsweise bei anderen. De Vries fasst analysierend-wertfrei zusammen: „Narzissten meinen, dass sie sich eher auf sich selbst als auf andere verlassen müssen. Sie geben vor, sich zu genügen, aber in der Tiefe ihres Wesens verspüren sie ein Gefühl von Verlust und Leere. Um damit fertig zu werden, sind Narzissten ständig damit beschäftigt, ihre Adäquanz, Macht und Schönheit, ihren Status, ihr Prestige und ihre Überlegenheit nachzuweisen.” Andere psychoanalytische Beschreibungen sind drastischer. Danach zeigen Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitszügen Anzeichen von Cäsarenwahn bei gleichzeitigem Minderwertigkeitskomplex und übermäßigem Bedürfnis nach Bewunderung und Bestätigung durch andere. Sie haben wenig Einfühlungsvermögen für ihre Mitmenschen und leiden stark unter Neid. Sie neigen ferner dazu, Ereignisse und Personen entweder als nur gut oder als nur schlecht wahrzunehmen. Die Formen der narzisstischen Persönlichkeit reichen also von unauffälligen Formen bis zu psychopathologischen Ausprägungen. Winterhoff-Spurk: „Der Narzissmus geht quer durch alle sozialen Gruppen. Genaue Zahlen über die Häufigkeit gibt es nicht, aber man schätzt, dass etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung narzisstisch veranlagt ist.” Nicht alle Angehörigen der wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Eliten sind illusionäre oder reaktive Narzissten, und ebenso gehören nicht alle Selbstverliebten zu den Eliten unserer Gesellschaft. „Wer aber Politik als Beruf unter den Bedingungen der Mediengesellschaft wählt”, so der Saarbrücker Psychologie-Professor, „der bringt schon ein strammes Maß an Narzissmus mit.” Der hellsichtige Psychoanalytiker und Gesellschaftswissenschaftler Erich Fromm konstatierte in seinem Werk „Anatomie der menschlichen Destruktivität (DVA, 1974): „Man kann den Narzissmus als Berufskrankheit – oder auch als Berufskapital – auffassen, besonders bei denen, die ihre Macht ihrem Einfluss auf ein Massenpublikum verdanken.” Der Narzisst braucht die Masse, die ihm Anerkennung zollt, das Fernsehen sucht Menschen mit „Ausstrahlung” – die Symbiose erscheint zwingend, das Spiel beginnt. Medienwirkungsforscher Winterhoff-Spurk: „Die Regeln der Medien kennt inzwischen jeder Parteikreisvorsitzende: Wenn nichts passiert, muss man etwas geschehen lassen. Das haben als Erste die Grünen brillant gehandhabt mit ihren Aktionen. Dann erst kam der unvermeidliche Herr Möllemann mit seinen Fallschirmsprüngen.” Der aufstrebende Politiker hält derlei ereignisorientierte Medienregeln ein, er bekommt durch seine Präsenz in den Medien ein Image. Starruhm gar genießt ein Politiker, der vom Zuschauer als „unterhaltsam, originell und schlagfertig” eingestuft wird oder mit den Eigenschaften beschrieben wird wie: „ist ein Schlitzohr”, „könnte eine Fernsehshow leiten”, „ist ein Siegertyp”. Irgendwann ist auf der Image-Leiter eine kritische Schwelle überschritten, „dann wird der Politiker durch die Medien gereicht”, spinnt Winterhoff-Spurk den Faden weiter, „es ist für ihn immer ein Platz in der ersten Reihe reserviert, alles, was er sagt, bekommt Gewicht.” Der Narzisst schwelgt. Aber es gibt systemimmanente Korrekturmechanismen. Die Medien bauen den Politiker zwar auf – jedoch: „Wenn sie dann oben sind”, so der Direktor des Medienpsychologischen Forschungsinstituts des Saarlandes, „wird im Müll gestochert, ob man nicht irgendetwas findet, um da wieder die Luft rauszulassen.” Irgendwann verbrauchen sich die Imageträger, und – frische Gesichter müssen her – das Roulette beginnt von Neuem. Aus der medialen Inszenierung des Politikers ergibt sich das Image beim Zuschauer – dem Dritten im Spiel. Auch dessen Verhalten wurzelt im Narzissmus: „Passive Narzissten” teilen die Gesellschaft in die Gruppe der Reichen, Großen und Berühmten einerseits und in die Horde der Namenlosen andererseits. Sie treibt die Sorge, nicht zur ersten Gruppe zu gehören. Aus ihrer immer währenden Angst, zu den Verlierern zu zählen, identifizieren sie sich mit den Gewinnern. Als solche wollen sie auch politische und andere Führungspersönlichkeiten sehen. Winterhoff-Spurk: „Die wollen ihren Strahlemann haben, mit dem sie sich identifizieren können, um nicht auf der Verliererseite zu landen.” Der einmal gewählten Heldenfigur bleibt der passive Narzisst treu, solange dessen Versprechen, reale oder imaginierte, eingehalten werden. Bricht diese narzisstische Projektion zusammen, schlägt die einstige Zuneigung in Abneigung bis zum Hass um – vor allem, wenn der Gegenstand der Bewunderung etwas tut, das den Underdog-Narzissten an seine eigene Bedeutungslosigkeit erinnert. Eine solche narzisstische Kränkung kann auch ganze Gesellschaften erfassen, meint Winterhoff-Spurk. „Da muss man ja bei uns gar nicht weit gucken: Den Nationalsozialismus – von heute aus betrachtet – kann man nur als kollektives Wahnsystem bezeichnen. Das historisch-ökonomische Lebensgrundgefühl der Deutschen war offenbar so zerstört, dass es funkte, als so eine Persönlichkeit wie Hitler auftauchte.” Ob in der arabischen Welt aktuell eine ähnlich latente Opfermentalität mit dem mörderischen Potenzial zu Gewalt und Terror vorhanden ist, wie sie der arabische Schriftsteller Afif Lakhdar diagnostiziert hat, will der Saarbrücker Professor nicht ausschließen. Ein gesichertes Beispiel aus Deutschland aber hat Winterhoff-Spurk parat: „Oskar Lafontaine hat bei seinem Abschied von der Macht eine tiefe narzisstische Kränkung erlebt. Er hat wohl gedacht: Wer unter mir Kanzler wird, ist mir egal – aber da ist er bei Schröder auf den besseren Narzissten gestoßen.”
Kompakt
Der Narzisst hält sich selbst immer für den Größten. Zugleich braucht der Selbstverliebte stets die Bestätigung seiner Bedeutung durch andere. In Führungspositionen verliert der Egomane besonders leicht Maß und Orientierung.
Die Narzisstische Gier
Es sind nicht immer Politiker, die den passiven Narzissten anziehen. Unter Psychologen wird gern die Geschichte von der Studentin kolportiert, die sich vor dem Bildschirm in einen lokalen Fernsehmoderator verliebte: „Wir haben uns nie getroffen, ich habe ihn nur auf dem TV-Schirm gesehen. Die letzten zwei Monate habe ich alle Verabredungen abgesagt, weil alle anderen Männer im Vergleich mit ihm kindisch erschienen. Nichts interessierte mich mehr.” Das weitere Schicksal der jungen Dame ist unbekannt. Doch nicht immer bleiben die Haltsuchenden so passiv. Im Jahr 2000 sind rund 20000 Menschen aus der Familie Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher in deutschen Talkshows aufgetreten – getrieben von der narzisstischen Sucht, wenigstens einmal im Leben öffentliche Beachtung zu finden, einmal für Minuten im spotgleißenden Mittelpunkt zu stehen. In einer krankhaft übersteigerten Form führt diese Gier dazu, dass – wie in Amerika geschehen – Jugendliche wahllos Lehrer und Mitschüler abschießen.
Michael Zick





