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Allgemein

„CO2 macht 1,2 Prozent aus“

Mit dem Buch „Klimafakten“ sorgte der Geo- chemiker Ulrich Berner für Aufruhr unter Klimatologen. Nicht das CO2, sondern die Sonnenstrahlung ist danach Ursache der zunehmenden Erderwärmung.

bild der wissenschaft: Das von Ihnen mitherausgegebene Buch „ Klimafakten“ stellt die weltweite Klimadebatte auf den Kopf. Denn Sie versuchen zu belegen: Hauptverursacher des zunehmenden Treibhauseffekts auf der Erde seien Veränderungen bei der Sonneneinstrahlung. Welche Referenz haben Sie, so eine Aussage mit gutem Grund treffen zu können, Herr Dr. Berner?

Berner: Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, für die ich arbeite, ist eine nachgeordnete Behör-de des Bundeswirtschaftsministeriums und informiert dieses über die weltweite Verfügbarkeit von Rohstoffen. Da viele Rohstofflager nur bei spezifischen klimatischen Bedingungen entstehen, haben wir uns schon immer mit früheren Klimabedingungen auseinander gesetzt und so wichtige Informationen gewonnen. Zeitgemäß ausgedrückt ist die Klimaforschung bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe ein Spin-off der Rohstoffforschung. Ich selbst habe mich in den vergangenen Jahren mit dem Gasaustausch zwischen Ozean und Atmosphäre beschäftigt. Und ich habe Klimarekonstruktionen für die letzten 570 Millionen Jahre und die jüngere Klimavergangenheit erstellt. Seit 1997 bin ich im Haus überdies Koordinator aller Klimaforschungen. Ich bin bestimmt kein Außenseiter, sondern beschäftige mich unter geowissenschaftlichen Gesichtspunkten mit dem Erdklima sehr intensiv.

bdw: Und sind jetzt als Ketzer in Erscheinung getreten?

Berner: Ich sehe mich nicht als Ketzer. Wir wollten in dem Buch Fakten darstellen, die hier im Hause im Verlauf von mehr als 30 Jahren erarbeitet wurden, und diese in einer Zusammenschau weiterer internationaler Arbeiten präsentieren. Ich bin auch kein Einzelkämpfer. In diesem Buch haben über 40 weitere Autoren die Forschungssituation beschrieben, mit dem Ergebnis: Die Rolle des CO2 wird möglicherweise überschätzt.

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bdw: So abgemildert kommt diese Behauptung in Ihrem Buch nicht daher. Nach dessen Lektüre hat man den Eindruck, dass es vor allem Veränderungen der Sonnenfleckenzyklen sind, die das irdische Klima entscheidend prägen.

Berner: Vorweg eines: Treibhausgase – und da vor allem Wasserdampf – sind entscheidend für die Energiebilanz der Atmosphäre. Ohne die schützende Wirkung der Atmosphäre würde die Temperatur an der Erdoberfläche minus 18 Gad Celsius betragen. Wir denken aber in der Tat, dass der Treibhauseffekt durch das vom Menschen ausgestoßene CO2 im Vergleich zum Einfluss der Sonnenstrahlung sehr gering ist. Nach Erkenntnissen der Klimatologen macht der menschengemachte Treibhauseffekt durch CO2 1,2 Prozent des gesamten Treibhauseffekts aus, den wir auf der Erde haben. Zusammen mit den übrigen anthropogenen Treibhausgasen kommt man auf zwei Prozent.

bdw: Wie kommen Sie auf zwei Prozent?

Berner: Ich berufe mich auf Messun-gen des Gesamttreibhauseffekts vom Earth Radiation Budget Experiment (ERBE) Ende der achtziger Jahre und vergleiche sie mit den Daten des durch den Menschen verursachten Anteils am Treibhauseffekt. Diese lassen sich auch im neuen Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) nachlesen.

bdw: Was lässt Sie glauben, dass das vom Menschen produzierte CO2 bei der gegenwärtigen Klimaentwicklung fast vernachlässigbar ist?

Berner: Wenn wir die Welttemperaturdaten der letzten 150 Jahre anschauen und mit dem CO2-Anstieg vergleichen, sehen wir zwar einen monotonen CO2-Anstieg, aber ein Auf und Ab im Temperaturverlauf. Wenn wir dagegen betrachten, wie die Sonnenaktivität in diesem Zeitraum variiert hat, sehen wir einen eklatanten Gleichklang zwischen Temperatur und Änderung der Sonnenaktivität. Die Kurven verlaufen nahezu parallel. Wenige Jahre vor einer Temperaturveränderung auf der Erde hat sich die Sonnenaktivität entsprechend verändert. Diese Temperaturvariationen werden einmal verursacht durch Intensitätsänderung bei der Sonneneinstrahlung, zum Zweiten durch eine Änderung des Sonnenwindes, der auf die Erdatmosphäre einwirkt. Ein Mehr an kosmischen Partikeln führt zu einer verstärkten Wolkenbildung, ein geringerer Partikelstrom zu weniger Wolken. Dies beeinflußt auch das Klima, denn eine stark ausgeprägte Wolkendecke reflektiert mehr Sonnenlicht direkt ins All zurück und kühlt das Klimasystem. Weniger Wolken lassen dagegen mehr Sonnenenergie auf die Erdoberfläche durch, und das Klimasystem erwärmt sich.

bdw: Der Sonnenwind beeinflusst die Wolkenbildung auf der Erde?

Berner: Die Beobachtungen sind eindeutig, doch eine physikalische Erklärung haben wir noch nicht. Ohnehin ist die Wolkenbedeckung für die Klimamodellierer ein schwieriges Feld und noch kaum zu fassen. Generell gilt, dass die Wolkenbildung physikalisch noch nicht komplett verstanden ist. Die Änderung der Wolkenbedeckung durch die schwankende Sonnenaktivität lässt sich deshalb noch nicht zuverlässig modellieren. Daraus freilich zu folgern, dass es diese Einflüsse nicht gibt, wie dies manche Klimamodellierer behaupten, ist unwissenschaftlich.

bdw: Taugen die bisher vorgestellten Klimamodelle nichts?

Berner: Nicht nur die Wolkenbildung, auch der Einfluss der Ozeane ist bislang unzureichend modelliert. Viele Modellierer verweisen selbst auf die genannten Defizite. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Bei allen Unwägbarkeiten halte ich Klimamodelle für immens wichtig. Solche Modelle sind – neben der Klimarekonstruktion – die einzige Möglichkeit, das Weltklima überhaupt besser zu verstehen.

bdw: Brauchen wir also die Treibhausgase gar nicht zu reduzieren?

Berner: Doch. Ähnlich wie im Kyoto-Protokoll festgelegt, empfehlen auch wir verstärkt Anstrengungen hinsichtlich einer effizienteren Energienutzung. Allerdings nicht, weil wir aufgrund der Treibhausgase um das Weltklima fürchten, sondern weil wir alle Anstrengungen unternehmen müssen, uns die bequemen Energieträger Erdöl und Erdgas – weniger Kohle, von der es noch genug gibt – so lange wie möglich zu erhalten.

bdw: Warum präsentieren Sie Ihre Fakten erst jetzt? Die Debatte um eine Klimaerwärmung durch CO2 und andere menschgemachte Treibhausgase läuft ja schon viele Jahre. Im übrigen sind viele hundert Experten fest überzeugt, dass genau diese Ursache zu den beobachteten Temperaturzunahmen führt.

Berner: Im Vergleich zu den Klimaforschern, die sich mit der Gegenwart beschäftigen und auf direkte Messungen zurückgreifen können, brauchen Wissenschaftler, die das Klima früherer Zeiten betrachten, sehr aufwändige Rekonstruktionen, die immens viel Zeit kosten. Das ist ein wesentlicher Grund, dass verlässliche Klimaaussagen zur Vergangenheit langsamer ans Tageslicht kommen. Andererseits behaupten wir nicht, mit dem Buch eine völlig neue Sichtweise darzulegen. Die einzelnen Fakten sind oft schon seit Jahren bekannt.

bdw: Was wissen wir konkret über die klimatische Entwicklung in den letzten 1000 Jahren?

Berner: Eine solche Zusammenschau ist auch heute noch immens schwierig. Dennoch zeigen alle Rekonstruktionen, dass es im Mittelalter ein Klimaoptimum gab, dessen Ausmaß hinsichtlich Jahresmitteltemperatur und Niederschlag heute noch nicht wieder erreicht ist. Aber nicht jeder Versuch einer solchen Rekonstruktion glückt. So stellt das IPCC in seinem neuen Bericht eine 1000-jährige Temperaturentwicklung vor: Moderate Temperaturänderung über lange Zeiträume des zweiten Jahrtausends – mit einem drastischen Temperaturanstieg gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Diese Kurve ist statistisch unhaltbar. Denn ein Großteil der zu Grunde liegenden Klimaaufzeichnungen setzt sich aus der Analyse der Jahresringe von Bäumen zusammen. Zwar lässt sich die zeitliche Abfolge von wärmeren oder kälteren Klimaperioden durch die Stärke der Baumringe dokumentieren. Doch das wirkliche Ausmaß absoluter Temperaturänderungen lässt sich damit nicht nachweisen. Das zeigt ein Vergleich der gemessenen Temperaturdaten aus den letzten 150 Jahren mit den entsprechenden Veränderungen von Baumringen sehr genau. Insofern steht die vom IPCC gemachte Annahme, bis ins 19. Jahrhundert habe es nur moderate Temperaturschwankungen gegeben, auf tönernen Füßen.

bdw: Gibt es überhaupt einen Ort auf der Welt, für den die Klimaforscher einen exakten Temperaturverlauf über das gesamte zweite Jahrtausend nach der Zeitenwende hindurch ermitteln konnten?

Berner: Eine lückenlose Dokumentation gibt es bisher nicht. Gute Möglichkeiten gibt es sicher an Orten, wo Eiskernbohrungen niedergebracht worden sind. Über die Messung von Sauerstoff- oder Wasserstoff-Isotopen im Eis lassen sich prinzipiell gute Temperaturabschätzungen im Jahresverlauf machen. Auch beim bayerischen Ammersee gibt es Temperaturabschätzungen mittels Muschelkrebsen. Hier bedient man sich ebenfalls der Isotopenmethode, indem die Sauerstoff-Isotopen des Kalks analysiert werden. Ich warne aber davor, aus lokalen Messungen eine mittlere Welttemperatur abzuleiten. Diese Orte sind zu rar, liegen zu weit verstreut, und die Rekonstruktionsmethoden sind zu unterschiedlich, als dass eine seriöse globale Statistik dabei herauskommen könnte.

bdw: Wie weit sind wir Ihrer Meinung nach von einer seriösen Bestandsaufnahme aller klimarelevanten Faktoren entfernt?

Berner: Was man weiß oder noch nicht weiß, lässt sich nicht in exakten Zahlen fassen. Ich glaube aber, dass wir weniger als die Hälfte von dem wissen, was das Klima in der Vergangenheit ausgemacht hat. Ich frage mich, ob das bereits genügen kann, um ein Rechenmodell aufzustellen, das das irdische Klima einigermaßen exakt nachvollzieht.

Dr. Ulrich Berner

(Jahrgang 1953) studierte in Clausthal-Zellerfeld Geologie. Er promovierte 1989 mit einer Arbeit über die Isotopengeochemie von Erdgas, die er bereits bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover angefertigt hatte. Kurz danach begann er sich mit der geologischen Erforschung des Erdklimas zu beschäftigen. Seit vier Jahren leitet Berner bei der BGR die Querschnittskoordination „ Klimaentwicklung“. Das von ihm und Hansjörg Streif herausgegebene Buch „Klimafakten – der Rückblick, ein Schlüssel für die Zukunft“ (E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, DM 78,-) liegt kurz nach Ersterscheinen im Frühjahr 2001 bereits in der dritten Auflage vor und wird jetzt ins Englische übersetzt.

Wolfgang Hess

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