Dagmar Schipanski – Die Kandidatin - wissenschaft.de
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Dagmar Schipanski – Die Kandidatin

Am 23. Mai entscheidet die Bundesversammlung über die Nachfolge des bisherigen Bundespräsidenten Roman Herzog. Die CDU/CSU-Fraktion setzt bei der Wahl auf die weitgehend unbekannte Thüringer Festkörperphysikerin Prof. Dagmar Schipanski. Karin Mölling, Professorin und Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie an der Universität Zürich, portraitiert die Kandidatin Schipanski für bild der wissenschaft. Mölling ist mutig: Selten haben deutsche Wissenschftler das Herz, sich populär über eine andere Persönlichkeit in der Forschung zu äußern. Schließlich machen sie sich dadurch selbst angreifbar.

Draußen vor dem Hotel, dessen Namen sie nicht mal weiß, wartet der Fahrer im Morgengrauen. Berlin, Bonn, gestern Dortmund, demnächst Weimar – und zwischendurch am Wochenende Ilmenau bei der Familie – das sind die Reiseziele von Dagmar Schipanski, die sie nur mit Fahrer und Pkw absolvieren kann.

Bei der frühmorgendlichen Begrüßung hat sie bereits ihr Handy in der Hand. Ihr erster Anruf um 7 Uhr früh gilt der Familie, der Beruhigung, daß zu Hause alles in Ordnung ist, die Tochter auf dem Weg zur Schule, der Mann Herr der Lage und die Mutter gesund. Später telefoniert sie mit Bonn, arbeitet an der Einladungsliste der Geburtstagsparty für den Thüringer Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, überdenkt ob zwei Herren lieber nicht gleichzeitig einzuladen seien, gibt Interviews für Journalisten über einen Studentenstreik, der die deutschen Universitäten lähmt und vertritt vehement ihren Standpunkt – für die Ausbildung der Jugend müßte das Land alles tun, tue aber zu wenig.

Dagmar Schipanski war eine der höchsten Wissenschaftsmanagerinnen der Bundesrepublik – ein Unikat in lupenreiner Männergesellschaft. Zuerst war sie Mitglied des Wissenschaftsrats, dessen Aufgabe nach der Wende darin bestand, die wissenschaftlichen Institutionen der ehemaligen DDR auf Qualität, Kosten-Nutzen, wissenschaftliche oder technische Leistungsfähigkeit zu evaluieren. Dabei wurde ein riesiger Personalüberhang in den Instituten der Akademie der Wissenschaften abgebaut. Ein schmerzlicher Prozeß für den Osten – und mit Sorge von manchem Institut im Westen beobachtet.

Prompt wurde der Spieß umgedreht. Auch die Effizienz westdeutscher Institute und Institutionen wurde aus Gerechtigkeitsgründen evaluiert. Das hatte es bisher nur in harmlosester Weise gegeben. Jetzt brach Angst aus. Die Leitung für die Überprüfung der West-Institute übernahm eine Fachfrau aus dem Osten – die Schipanski. 82 Institute der sogenannten Blauen Liste standen zur Analyse durch die Kommission an, die Institute werden je zur Hälfte von Bund und Ländern getragen. Neider fanden schon lange, daß es diesen Einrichtungen zu gut gehe. Es war eine knifflige Aufgabe – um „Rache“ aber ging es ihr jedenfalls nicht. Das paßt nicht zu Frau Schipanski, die sich selber als eher ausgeglichenen Menschen bezeichnet. Nahe gegangen sei ihr da manches auf alle Fälle. Nach einem solchen „Fall“ in Dortmund wurde sie von einem verzweifelten „Abgewickelten“ angegangen: Wieso kann ein so reiches Land wie die Bundesrepublik Deutschland ein Institut für Ernährungswissenschaften nicht mehr finanzieren? Sehr diplomatisch antwortet Dagmar Schipanski. Sie geht nicht auf den Spezialfall des Fragenden ein, sondern definiert allgemein die Kriterien der Gutachter – Qualität gegen Kosten seien abzuwägen. So reich sei die Bundesrepublik eben nicht mehr.

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Schipanski spricht von sich bescheiden – „wissen Sie, mein Schicksal war so ein spezielles DDR-Schicksal und nach der Wende wurde ich dann eben Präsidentin des Wissenschaftsrats“. Außerdem sei es ja auch politisch opportun gewesen, eine Frau zu nehmen.

Tatsächlich verhält es sich aber etwas anders. Daß sie Präsidentin des Wissenschaftsrats wurde, geht nicht auf das Konto „Quotenfrau“, sondern liegt an ihrer Persönlichkeit. Sie spricht präzise, ruhig, verbindlich und wirkt immer etwas mütterlich – ungefährlich. Vielleicht ist das ein Geheimnis ihres Erfolgs in der Domäne der Männer.

Sie wuchs auf in einem Elternhaus, das gedankliche Alternativen zur Indoktrination der Schule bot, die nur Fakten vermittelte, die es nicht zu hinterfragen galt. Der Staat hatte recht. Der Staat richtet alles. Eigenes Fragen, Denken, Handeln wurde nicht gefördert. Dagmar Schipanski betrachtet das Gegengewicht, das ihr das Elternhaus bot, als Privileg. Man müsse die Jugend der Ex-DDR verstehen, die niemand zur Selbständigkeit, Eigenverantwortlichkeit, zu alternativer Denkweise erzogen habe. Den Preis für ein akademisches Elternhaus mußte die begabte Tochter bezahlen – ein Sprung ins Studium wurde der 1943 Geborenen erst einmal verwehrt. Ihre Interessen reichten von den Theaterwissenschaften bis zur Physik. Alle geisteswissenschaftlichen Fächer waren ihr jedoch ideologisch zu stark belastet, die Physik schien davon frei zu sein, logisch aufgebaut, und so fiel ihre Wahl nach nüchternen Überlegungen auf dieses Fach.

Als wir an Magdeburg vorbeifahren, sagt sie, daß sie hier an der Technischen Universität „Otto von Guericke“ studiert habe – „eine schreckliche Stadt, so viel zerstört, viel Industrie“. Jedoch gab es keine freie Wahl für den Studienort und sie habe hier eine gute Ausbildung als Physikerin erhalten. Das fehlende Angebot zur Ablenkung kam ihrem Studium zugute. Sie promovierte später an der Technischen Hochschule in Ilmenau in Festkörperphysik, genauer Festkörperelektronik.

In der ehemaligen DDR folgte die Zulassung zum Studium nach festgelegten Ausbildungskapazitäten, entsprechend dem Bedarf des Landes. Daher wurden Frauen oft in Ingenieur-, Natur- und Wirtschaftswissenschaften gelenkt. 40 Prozent der Frauen studierten diese Fächer, obwohl sie lieber etwas anderes gewählt hätten. Ein Viertel der Studierenden in Ilmenau waren Frauen. Dennoch blieben für sie Top-Positionen ähnlich rar wie im Westen. Hier wie dort lag und liegt diese Zahl bei fünf Prozent.

Schipanski trat für 20 Jahre in eine Warteschleife: „Es bewegte sich nichts.“ Sie war und blieb Assistentin – politisch nicht zuverlässig, kein Parteimitglied, kein Westreisekader. Auch Ehemann Tigran, den sie 1967 heiratete, war politisch nicht linientreu. Er war mal für sechs Wochen zu einem Lehrgang der Nationalen Volksarmee einberufen worden – und danach sei er zum Glück irgendwie vergessen worden. Die sechs Wochen hätten ihm gereicht, um die Spielregeln zu kapieren. Das sagte er dann auch schon mal laut, wenn sich Kollegen zu Militärlehrgängen anmeldeten. Das war nicht gerade karrierefördernd. Er fiel aus dem Raster. Als Diplom-Ingenieur arbeitete er in einem Großbetrieb für die Herstellung von technischem Glas. 4500 Arbeiter hatte das Werk einstmals – 20 Prozent blieben nach der Wende übrig.

Mit 24 Jahren zu heiraten wie es Dagmar Schipanski tat – mitten im Studium -, war in der DDR keine Seltenheit. Berufstätigkeit der Frauen war staatlich erwünscht und gesellschaftlich akzeptiert. Die Frauen der DDR sahen sich daher nicht der Alternative zwischen Beruf oder Kind ausgesetzt. Mehr als ein Drittel der Studierenden hatte ein Kind. Das Studium für Studentinnen mit Kind hatte auch seine Vorteile: Es erlaubte Sonderstudienplätze, individuelle Regelungen. Außerdem gab es Kinderhorte. Diese Errungenschaften der DDR nach der Wiedervereinigung zu retten und im Westen zu etablieren, ist ihr auch heute noch ein Anliegen.

In ihrem 33. Lebensjahr bekommt Dagmar Schipanski Zwillinge, Agnes und Tankred. Fünf Jahre später wird die Tochter Angela geboren. Die Schipanskis führen eine kameradschaftliche Ehe. Beide Partner sind beruflich engagiert, gleichrangig. „Die Kindererziehung wird aufgeteilt“, äußert der Ehemann mit absolut überzeugender Selbstverständlichkeit. Sie kann wissenschaftlich arbeiten und auch reisen – in den Osten, nach Kiew etwa. Ihr Mann paßt derweil auf die drei Kinder auf. Er beschwert sich höchstens mal über die vielen Teller, die es zu spülen gibt.

Dagmar Schipanski spricht russisch, aber nicht gut genug englisch. Gleich nach der Wende versucht sie, diesen Mangel wettzumachen. Sie lädt einen jungen Mann aus Florida ein – einen Austauschstudenten. Ihre Vision: Gleich die ganze Familie sollte die englische Sprache erlernen. Das erweist sich zwar als Flop, da der junge Mann nur deutsch reden wollte und sich weigerte, englisch zu sprechen, offenbart jedoch Pragmatismus und Flexibilität der Schipanskis.

Im November 1989 katapultiert sie die Wende in den Posten der Rektorin der Technischen Hochschule Ilmenau. Mit der anschließenden Berufungspraxis im Osten zeigt sie sich nicht immer einverstanden, manche Berufungen bedauert sie regelrecht, weil die zweite Garnitur des Westens eingezogen sei und nun für Jahrzehnte die Lehrstühle besetze. In der TU Ilmenau etabliert sie angewandte Medienwissenschaften, Elektronische Medientechnik und Medien-Wirtschaft und -Management als neue Studiengänge. Es geht ihr dabei nicht nur um Journalismus, sondern um moderne Kommunikation. Dazu gehört für sie Signalverarbeitung, Informatik, Computeranimation. Große Fortschritte erhofft sich die gelernte Festkörperphysikerin vor allem durch die Biologie. Schipanski sieht sie als zentrale Wissenschaft des nächsten Jahrhunderts.

Ihre Interessen spiegeln sich in den Kindern – die ältere Tochter studiert Medienwissenschaften, die jüngere will Biologin werden. Die Biologie und die Welt der Technik rücken für die 55jährige zusammen: „Die Biologie braucht die Informatik, den Computer. Das Humangenomprojekt erfordert neue Technologien zur Auswertung.“ In ihren Vorträgen äußert sie sich zur Nanotechnologie – einem Schlagwort der gegenwärtigen Wissenschaftspolitik. Sie weiß, was sie sagt, versteht etwas von Festkörperphysik und dem Sprung aus der Mikro – in die Nanowelt, vom Festkörper zum Einzelatom, vom Kontinuum zum Diskreten.

Ein weiteres Anliegen ist ihr die Globalisierung. Was fehlt, wenn man diese Chancen nicht hat, weiß sie aus eigener Anschauung. Die absolute Isolation, in die sich die DDR Ende der achtziger Jahren begab, führte zum Stillstand, es gab keine Entwicklung, keinen Fortschritt mehr. Die Globalisierung sei in der Wissenschaft vorbildlich, dort müsse man auf internationalen Kongressen Gedanken austauschen, Maßstäbe erkennen und sich messen. Das müsse nun auch im Wechselspiel zwischen Wissenschaft und Wirtschaft erfolgen. Es gehe um ein neues Miteinander.

Erfreulicherweise habe die Gentechnik an Akzeptanz gewonnen – „die Physik leider nicht“. Die Kernphysik werde für teures Geld abgeschafft. Unsichere Reaktoren im Osten Europas und in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion würden gut ausgebildete deutsche Kernphysiker verlangen, die beurteilen können, was sich auf diesem Sektor in der Welt abspielt – auch wenn man in Deutschland der Kernenergie feindselig gegenüber steht. Schipanski erinnert sich an Tschernobyl und das Reaktorunglück im April 1986. „Menschenleben zählten dort nichts.“ Man ließ die Kinder den 1. Mai zelebrieren, wenige Tage nach dem Unglück. Sie erkrankten an Hautausschlägen. Mehrere ihrer Physikerkollegen waren an der Unglücksstelle im Einsatz und starben an den Strahlenfolgen. Ein Physikerehepaar war im Reaktorbereich tätig – beide Partner starben an Krebs. „Wie gut kennt man diese Krankheitsrisiken eigentlich?“ fragt sich die Doktor-Ingenieurin.

Heute ist die Forscherin in rund 20 wissenschaftlichen internationalen Gremien Mitglied, vielgefragte Sprecherin – ein Aushängeschild für Ost-West-Fragen im Hinblick auf Wissenschaft, Technik, Ausbildung, Ethik und Frauenfragen. Als Vorsitzende des Wissenschaftsrats initiierte sie eine Studie zur Chancengleichheit für Frauen in der Wissenschaft mit Empfehlungen, die für Frauen paradiesisch klingen. Wenn es eine Volksabstimmung gäbe für die Wahl des Bundespräsidenten könnte man diese Empfehlungen ordentlich publik machen. Dagmar Schipanski hätte alleine dadurch schon viele Frauen auf ihrer Seite. Den „Ossis“ möchte sie die PDS-Liebelei austreiben und den „Wessis“ die Politik- und Wirtschaftsverdrossenheit.

Sollte sie die Wahl gegen Johannes Rau verlieren, sei das überhaupt keine Schande, meint Schipanski. Hauptsache, sie hätte ihre Stimme erheben dürfen und Gehör gefunden für das, was sie als Anliegen hat.

Karin Mölling / Dagmar Schipanski

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