Das Gehirn weiß wenig von der Wirklichkeit - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Allgemein

Das Gehirn weiß wenig von der Wirklichkeit

„Jeder irrt, der zu wissen glaubt, was ein anderer denkt. Wenn ein Mensch einen anderen fragt: „“In welcher Welt lebst du eigentlich?““, ist er den Einsichten der Wahrnehmungsforscher sehr nahe. Für die ist klar: Jeder irrt, der zu wissen glaubt, was ein anderer denkt und fühlt.“

bild der wissenschaft: Ein bekanntes Nachschlagewerk definiert das Phänomen der Wahrnehmung sinngemäß so: „Das menschliche Gehirn erstellt aus den Signalen, die ihm über die Sinnesorgane zugehen, ein anschauliches Bild seiner Umwelt und seines Körpers.“ Wahrnehmung wäre also eine Spiegelung der Umwelt. Ist das so?

Roth: Nur zu einem ganz kleinen Teil. Die Hauptaufgabe des Gehirns ist, ein Verhalten zu erzeugen, mit dem ich als Mensch in meiner spezifischen Umwelt – der natürlichen und der sozialen – überleben kann. Wenn diese Umwelt sehr komplex ist – und das ist sie -, dann überfordert eine komplette Abbildung unser Aufnahmevermögen völlig. Unser Gehirn tastet vielmehr die Umwelt blitzschnell ab und prüft, was für uns in der jeweiligen Situation wichtig und was unwichtig ist. Es konzentriert sich dann auf die wichtigen Dinge und fragt in seinem Gedächtnis nach: Welche Erfahrung habe ich mit diesen Dingen, was bedeuten diese Signale für mich. Auf dieser Basis plant es ein Verhalten, das für mein Überleben hilfreich ist. Das bedeutet aber: Mein Gehirn bildet nicht die Umwelt detailgetreu ab, sondern nur das Allerwichtigste davon, und alles andere erinnert, interpretiert und plant es aus sich heraus, auf der Grundlage seiner individuellen Erfahrungen. Im Klartext: Wahrnehmung ist nicht Abbildung, sondern Interaktion. Die Welt, in der wir bewußt leben, ist nicht die Wiedergabe unserer realenUmwelt, sondern vor allem ein Produkt unseres Gedächtnisses und damit unserer Erfahrung. Die aktuellen Sinnesreize sind nur der Anlaß für unser Gehirn, bewährte Konstrukte aus dem Gedächtnis abzurufen.

bild der wissenschaft: Das, was wir wahrnehmen, ist also nicht nur eine Konstruktion unseres Gehirns, wie extreme Denker sagen? Es gibt also eine Umwelt?

Roth: Also, philosophisch gesprochen können wir natürlich überhaupt keine Gewißheit haben über die Existenz einer Welt außerhalb unseres Kopfes. Wir haben nur die Gewißheit über unsere eigenen Sinnesdaten. Ob diese Sinneseindrücke aus einer äußeren Welt stammen, kann ich nicht unmittelbar überprüfen. Ich kann sie ja nicht anfassen, sondern was mein Gehirn verarbeitet sind immer nur Sinneseindrücke, von druckempfindlichen Tastsensoren in meinen Fingerspitzen etwa. Die Frage kann also nicht sein, ob ich nachweisen kann, daß es eine unabhängige Welt gibt, sondern nur, ob es plausibel ist, von ihrer Existenz auszugehen. Meine Antwort: Es ist sehr wahrscheinlich, daß es eine äußere Welt gibt.

Anzeige

bild der wissenschaft: Und in welcher Beziehung steht diese reale Welt mit der in meinem Kopf?

Roth: Gibt es überhaupt eine Beziehung? Diese Frage beantworten drei Denkrichtungen ganz verschieden: der Solipsismus, der radikale und der gemäßigte Konstruktivismus. Der Solipsist sagt: Es gibt keine äußere Welt, alles, was ich wahrnehme, ist eine Konstruktion meines Gehirns. Den Solipsisten kann man streng logisch nicht widerlegen, da er alles – jeden Sinneseindruck und jede Erfahrung – zu einer Illusion erklärt. Man kann das vielleicht vergleichen mit hirngeschädigten Patienten, die keine Erinnerung speichern können, und die sich deshalb jeden Tag eine neue Vergangenheit ausdenken, von deren Realität sie jeweils vollkommen überzeugt sind. Solche Menschen gibt es, sie leben wirklich in einer – täglich neuen – Illusion. Im Gegensatz zum Solipsisten sagt der radikale Konstruktivist: Es mag eine bewußtseinsunabhängige Umwelt geben, wir können aber ihre Existenz nie beweisen, und wir können auch nichts über sie aussagen. Ich gehöre nicht zu dieser Fraktion, aber diese Überlegung muß man ernst nehmen. Ich will das an einem Beispiel erklären: In der Welt außerhalb unseres Kopfes gibt es keine Farben, das ist klar, aber es gibt Licht unterschiedlicher Wellenlängen. Stopp, sagt der radikale Konstruktivist: Der Begriff Wellenlänge ist eine Konstruktion der Physik, und kein Physiker würde sagen, daß Wellenlängen objektiv existieren. Es gibt vielmehr Phänomene, die Physiker auf der Grundlage einer bestimmten einheitlichen Sprache mit dem Begriff Wellenlänge bezeichnen. Wir nehmen also nur bestimmte Phänomene wahr, die wir mit Begriffen belegen, denen wir eine Farbe zuschreiben, oder die wir rund oder eckig nennen. Wieviel diese Begriffe taugen, um die reale Umwelt zu beschreiben, weiß kein Mensch.

bild der wissenschaft: Aber belegt nicht die Tatsache, daß wir uns als Menschen, egal welcher Herkunft, einigen können, teilweise ja sogar mit anderen Tierarten, wann etwas rund ist, daß es dieses Runde tatsächlich gibt?

Roth: Ja und nein. Auch der radikale Konstruktivist wird nicht bezweifeln, daß es Dinge gibt, die wir rund nennen, und über die wir uns auch mit Hunden und Papageien einigen können, sie für rund zu halten. Was diese verschiedenen Gehirne aber wirklich wahrnehmen, und was das mit der Umwelt außerhalb eines Bewußtseins zu tun hat, können wir grundsätzlich nicht sagen. Sobald ich Dinge beschreibe, sagt der radikale Konstruktivist, tue ich das in menschlichen Begriffen. Diese Form einer Beschreibung von Dingen muß ich strikt unterscheiden von der Art ihrer Existenz außerhalb des menschlichen Bewußtseins.

bild der wissenschaft: Sie persönlich sind da anderer Ansicht?

Roth: Im Unterschied zum radikalen Konstruktivisten sage ich: Man kann doch etwas über die bewußtseinsunabhängige Welt aussagen, man muß es sogar, wenn man zum Beispiel Neurobiologe ist. Ich muß mir aber klar darüber sein, daß ich mich immer nur in Umschreibungen, bildhaften Vergleichen, Metaphern ausdrücken kann. Eine solche Metapher ist etwa die Wellenlänge, die ich brauche, wenn ich den Sehvorgang untersuchen will. Dann sage ich: Licht von 400 Nanometer Wellenlänge trifft auf meine Netzhaut und erzeugt auf sehr komplizierte Weise in meiner Großhirnrinde schließlich den Eindruck blauviolett. Ich bin davon überzeugt, daß es dieses Licht wirklich gibt. Ich glaube nicht, daß es nur eine Erfindung meines Gehirns ist. Es gibt außerhalb meines Gehirns eine bewußtseinsunabhängige, objektive Welt, von der ich ein Teil bin, die aber auch ohne mich existiert. Ich muß mir aber klar sein, daß ich davon immer nur in Bildern reden kann. Darin unterscheide ich mich auch von dem radikalen Konstruktivisten, denn ich behaupte, wir können durchaus etwas über die Welt außerhalb unseres Gehirns sagen, auch wenn wir dazu Begriffe verwenden, die nur Metaphern für die Phänomene der objektiven Welt sind. Um das zusammenzufassen:

Ich bin überzeugt von der Existenz einer Welt außerhalb unseres Bewußtseins, einer Welt, in der Tiere und Menschen leben, die ein Gehirn haben. Die objektive Welt erregt die Sinnesorgane dieser Tiere und Menschen. Ihre Gehirne machen daraus etwas, und ich bin ein Konstrukt und lebe in einem Konstrukt dieser Gehirne, einschließlich meines eigenen.

bild der wissenschaft: Aber das, was mein Gehirn konstruiert, was ich sehe von mir und meiner Umwelt, ist nicht dasselbe, was Sie sehen.

Roth: Bestimmt nicht, und es hat auch sehr wenig zu tun mit der realen Welt außerhalb unseres Bewußtseins.

bild der wissenschaft: Dennoch können Sie mir den blauen Zukkertopf reichen, weil wir beide wissen, was wir meinen, und wir können uns verabreden, uns an einem bestimmten Tag unter der Eiche am linken Ufer eines Teiches zu treffen, obwohl wir in verschieden konstruierten Welten leben. Wie ist unter diesen Umständen überhaupt Verständigung möglich?

Roth: Das können wir uns vielleicht am besten durch ein System von aufeinanderstehenden Sockeln begreifbar machen. Der unterste gemeinsame Sockel ist die Tatsache, daß wir Menschen sind, daß wir ähnliche Sinnesorgane und ähnliche Gehirne haben. Die sorgen dafür, daß bestimmte Schalldruckwellen von uns automatisch als menschliche Sprache interpretiert werden. Gehen wir eine Stufe tiefer, ist das schon nicht mehr der Fall. Eine Ameise hat ein anderes Gehirn und dieses Gehirn konstruiert aus diesen Schalldruckwellen keine Sprache. Ein Hund kann das zwar lernen, der Mensch braucht das nicht. Wir wissen aus der Forschung, daß menschlichen Gehirnen die Fähigkeit angeboren ist, bestimmte Schalldruckwellen als Sprache zu erkennen. Dafür sind große Regionen unseres Gehirns reserviert.

Zu diesem angeborenen Sockel, auf dem alle Menschen stehen, gehört auch die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, Wut, Enttäuschung, Trauer und Freude als solche unmittelbar zu erkennen – jedenfalls, wenn der Mensch normal entwickelt ist. Auf diesem Sockel des Menschseins stehen weitere, die verschieden sind, zum Beispiel die der frühkindlichen Prägung. Bei Menschen, die unter ähnlichen Bedingungen aufgewachsen sind, in einer bestimmten Kultur, in einer Familie mit Mutter und Vater, wird das Gehirn ähnlich geprägt und demzufolge werden die Signale aus der Außenwelt ähnlich interpretiert. Und so stehen auf jedem Sockel immer weitere, immer schmalere, deren Grad von Verschiedenheit zunimmt – Sprachgemeinschaft, Jugend, Ausbildung, Erfahrung. Auf jeder höheren Stufe stehen weniger Menschen auf einem gemeinsamen Sockel. Je näher aber die Sockel zusammenstehen, von denen aus Menschen Schalldruckwellen austauschen, um so größer ist die Chance, daß sie sie ähnlich interpretieren.

bild der wissenschaft: Auf der obersten Stufe steht schließlich jeder Mensch allein auf seinem Sockel, in einer nur von ihm wahrgenommenen Welt, und muß versuchen zu deuten, was der andere ihm hat sagen wollen?

Roth: So ist es. Selbst bei Lebenspartnern, mit denen man 20, 30, 40 Jahre zusammen ist, ist die Wahrnehmung nie identisch. Manche Ehepartner entdecken erst nach 50 Jahren, daß sie viele Dinge in ihrem Umgang miteinander und in ihrem sozialen Umfeld ein Leben lang fundamental verschieden gesehen und interpretiert haben. Das muß man nicht werten, da ist nicht der eine dümmer oder klüger, das sind einfach zwei Menschen, deren Gehirne auf der Basis unterschiedlicher Voraussetzungen zwei verschiedene Welten konstruiert haben. Beide Gehirne haben ihrem jeweiligen Besitzer die Illusion vermittelt, die Dinge gleich zu sehen.

bild der wissenschaft: Die meisten Auseinandersetzungen und Enttäuschungen wären also unnötig, denn zwei Menschen müßten sich nur klarmachen: Dein Gehirn nimmt nie dasselbe wahr wie meines.

Roth: Das ist eine der tiefen Einsichten, die der Konstruktivismus vermittelt: Ich darf nie davon ausgehen, daß der andere so wahrnimmt wie ich, auch nicht, daß er so denkt oder fühlt, wie ich glaube, daß er denkt oder fühlt. Das wäre eine fatale Verkennung der biologischen Tatsache, daß jeder in seiner eigenen Welt lebt, daß Verstehen der Sonderfall ist und Nichtverstehen die Regel.

Prof. Gerhard Roth, Doktor der Philosophie und der Biologie, ist Direktor des Instituts für Hirnforschung in Bremen und Gründungsrektor des Hanse-Wissenschaftskollegs der Länder Bremen und Niedersachsen. In seiner jahrelangen Beschäftigung mit der Frage, wie das Gehirn die Welt wahrnimmt, ist er zu zwei wichtigen Schluß-folgerungen gekommen. Erstens macht sich jedes Gehirn seine eigene Welt. Die individuelle Wirklichkeit und die vom Bewußtsein unabhängige Realität sind zwei verschiedene Dinge. Daraus folgt zweitens: Naturwissenschaftliche Aussagen können nie den Anspruch erheben, objektiv wahr zu sein.

Jürgen Nakott / Gerhard Roth

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Re|cy|cling  auch:  Re|cyc|ling  〈[risklın] n. 15〉 Rückgewinnung u. Wiederverwertung von Abfallstoffen ... mehr

Ge|richts|hof  〈m. 1u; Rechtsw.〉 aus mehreren Mitgliedern bestehendes Gericht ● oberster ~ höchste Berufungsinstanz ... mehr

Ei|er|stock|schwan|ger|schaft  〈f. 20; Med.〉 Schwangerschaft, bei der sich der Fötus im Eierstock entwickelt; Sy Ovarialgravidität ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige