Das neue Fett ist beige - wissenschaft.de
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Das neue Fett ist beige

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Dr. Bruce Spiegelman Foto: Dana-Farber Cancer Institute
Es ist beige, verbrennt Kalorien und liegt unter dem Schlüsselbein: Forscher von der Harvard Medical School in Boston, USA, sind bei Menschen auf eine dritte, bislang unbekannte Art von Fettzellen gestoßen. Neben weißem und braunem müsse jetzt auch beiges Fett in die Lehrbücher aufgenommen werden, sagt das Team. Die neue Fettvariante war seit ihrer Entdeckung vor einigen Jahren fälschlich für braunes Fett gehalten worden. Sie bietet viele neue Forschungsmöglichkeiten. Zum Beispiel könnte das beige Fett mit Hilfe eines Hormons in Zukunft zur Kalorienverbrennung angeregt und damit zum Abnehmen verwendet werden.

?Wir haben eine dritte Art Fettgewebe identifiziert?, sagt Bruce Spiegelman, der Hauptautor der Studie. ?Es gibt weißes, braunes und jetzt auch diese dritte Form, die in den meisten oder allen erwachsenen Menschen vorkommt.? Weißes Fettgewebe ? das, was man als das Fett der Bierbäuche und Hüftpolster kennt ? ist für die Speicherung überschüssiger Energie zuständig. Bei einem durchschnittlich gebauten Menschen sind etwa 15 bis 20 Prozent des Gesamtgewichts auf Fettspeicher zurückzuführen. Braune Fettzellen dagegen kommen hauptsächlich bei Tieren, die Winterschlaf halten, und bei Neugeborenen vor. Sie entwickeln sich aus Muskelzellen, und ihre Aufgabe besteht darin, den Säugling warm zu halten. Das geschieht in einem Prozess namens Thermogenese: Braune Fettzellen verbrennen Kalorien, dadurch wird Energie in Form von Wärme erzeugt. Es braucht dabei nur eine geringe Anzahl von braunen Fettzellen, um eine große Menge an Kalorien zu verbrennen.

Im Jahr 2009 berichteten mehrere Forschungsgruppen, braunes Fett auch in erwachsenen Menschen gefunden zu haben. So ganz hat sich diese Behauptung jedoch nicht bestätigt, denn mit Hilfe von genetischen Markierungen können die Wissenschaftler nun braunes und beiges Fett unterscheiden. Bei dem vermeintlichen braunen Fettgewebe handelte es sich nach einer Analyse der Forschungsgruppe offensichtlich um beiges Fett.

Es ähnelt dem braunen Fett jedoch in vielerlei Hinsicht. So gibt es in beiden Zellsorten Mitochondrien, die wie kleine Kraftwerke Energie durch Verbrennung von Kalorien erzeugen. Es gibt aber auch Unterschiede. Der Hauptunterschied betrifft die Produktion eines Proteins namens UCP1. Dieses wird von den Zellen benötigt, um Kalorien zu verbrennen und in Energie umzuwandeln. Braune Zellen sondern viel UCP1 ab, beige deutlich weniger. Letztere können jedoch ihre Produktion des Proteins erhöhen. Dies geschieht entweder bei Kälte oder als Reaktion auf bestimmte Hormone. Einer dieser Botenstoffe ist Irisin (benannt nach der Götterbotin Iris), das von den Wissenschaftlern Anfang des Jahres entdeckt worden war. Dieser Zusammenhang sei vor allem deswegen interessant, weil man mithilfe von Irisin möglicherweise die Fettverbrennung erhöhen könnte, sagen die Forscher. Das Hormon könnte also ein vielversprechendes Mittel gegen Fettleibigkeit sein. Bruce Spiegelman ist sich zudem sicher, dass Irisin nicht das einzige Hormon ist, das die Funktion von beigem Fett beeinflusst.

Und es gibt noch einen Unterschied: Während braune Fettzellen bei Bedarf aus muskelähnlichem Gewebe gebildet werden, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass das beige Fett schon von Anfang an im Körper vorhanden ist. ?Wahrscheinlich existieren diese Zellen schon. Sie sehen wie weißes Fett aus, aber sie sind in Wirklichkeit ein ganz anderer Zelltyp und können sich mit angemessenem Anreiz in Zellen verwandeln, die wie braunes Fett aussehen?, erläutert Spiegelman. ?Ich kann Ihnen sagen, dass die vor kurzem als braunes Fett identifizierten Körperfettablagerungen eindeutig näher mit dem in Nagetieren gefundenen beigen Fett verwandt sind als mit dem klassischen braunen Fett.? Spiegelman und seine Kollegen hatten zuerst Studien an Mäusen durchgeführt. Nachdem sie festgestellt hatten, dass die Nager beiges Fett besitzen, suchten sie auch im Menschen nach ähnlichem Gewebe. Sie wurden fündig, und ein genetischer Abgleich der beigen Fettzellen bestätigte die Vermutung der Forscher: Auch Menschen haben nicht nur weißes, sondern auch das neu entdeckte beige Fett.

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Als nächstes möchte sich die Forschergruppe näher mit der Entstehung der beigen Fettzellen befassen und auch nach anderen Hormonen und Signalstoffen suchen, die die Kalorienverbrennung von beigem Fett beeinflussen und ? im besten Fall – ankurbeln.

Jun Wu (Harvard Medical School) et al., Cell doi: 10.1016/j.cell.2012.05.016 © wissenschaft.de ? Sabine Kurz
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