Den letzten Flohzirkus Europas gibt es in Deutschland. Direktor Hans Mathes hat bild der wissenschaft die lang gehüteten Geheimnisse der Flohdressur verraten.
Hans Mathes greift nach einem haarfeinen Kupferdraht und zwirbelt ihn so lange zusammen, bis nur noch ein kleines Loch übrig ist. Dann holt er einen seiner Artisten. Sie sind Athleten der Superlative: Sie schießen Bälle, die das Dreißigfache ihres Körpergewichts wiegen, und sie drehen Karusselle, 20000mal so schwer wie sie selbst. Dabei sind diese Kraftpakete nur wenige Millimeter groß. Es sind Flöhe, und Mathes ist der Direktor vom letzten Flohzirkus Europas.
Vorsichtig hält er den etwa vier Millimeter großen Floh zwischen Daumen und Zeigefinger und schiebt ihm die Drahtöse über den Kopf. Dann nimmt er ruhig und konzentriert eine Nadel und zieht auch die Vorderbeine des Tieres durch die Öse. Bei den Flöhen sitzt das vordere Beinpaar direkt am Kopf. Behutsam kneift Hans Mathes die Öse zusammen: „Gerade soviel, daß der Floh nicht aus dem Geschirr rutscht und doch so wenig, daß er nicht stirbt.”
Einst war die Show mit den kleinen Blutsaugern eine weitverbreitete Attraktion. Jeder Mensch hatte früher Flöhe. Die Artisten waren also leicht zu beschaffen, und wer mit den Winzlingen umgehen konnte, hatte ein Showprogramm, das in einen Handkoffer paßte. Mathes hat seine Kunst von seinem Vater gelernt. Seit 150 Jahren besteht der Familienbetrieb. Sogar vor dem Papst und dem Zaren sind seine Vorfahren aufgetreten. Mathes zeigt seine Artisten nur noch einmal im Jahr – auf dem Oktoberfest in München.
Auf dem Showprogramm steht unter anderem: Fußballspiel Kutsch- und Karussellfahrten Jonglieren Mathes nutzt das natürliche Verhalten, die Kraft und das enorme Springvermögen der Flöhe für seine Tricks. Und er hat die Tiere dressiert – auch wenn manche Forscher das nicht glauben wollen. „Man muß die Flöhe gut beobachten. Manche sind mehr Springer und manche mehr Läufer”, erklärt er. „Entsprechend muß man die Tiere sortieren.”
Aus Springern macht Mathes Fußballspieler, denn sie haben ein enormes Kicktalent. Flöhe können über 20 Zentimeter hoch und 35 Zentimeter weit springen. „Das ist so, als ob ein Mensch über das Hauptschiff des Kölner Doms springen würde”, vergleicht der Parasitologe Heinz Mehlhorn von der Universität Düsseldorf. Außerdem kann ein Floh in weniger als einer tausendstel Sekunde aus einer Gefahrenzone wegspringen. Kein Muskel kann so schnell kontrahieren. Flöhe erreichen ihre Sprungkraft mit zwei Polstern aus Resilin, einer Eiweißsubstanz, die elastischer als Gummi ist. Diese Bälle sitzen am Körper über den Hinterbeinen. Die Flöhe drücken sie mit ihren Beinmuskeln ein und arretieren dann ihre Beine mit einem Haken am Unterbauch. Die Resilin-Bälle sind nun wie eine Armbrust gespannt und können ihre Energie in kürzester Zeit abgeben, wenn der Floh die Arretierung löst.
Mathes hält die Fußballspieler-Flöhe an ihrem Kupfergeschirr ins Licht und übergibt ihnen einen Ball aus Styropor. „Ich nutze dabei das natürliche Fluchtverhalten der Tiere. Sie wollen weg vom Licht”, erklärt er. Der Floh spürt den Ball unter den Beinen, interpretiert ihn als Boden und will wegspringen – dabei schießt er den Ball in ein kleines Fußballtor. Mathes: „Als Belohnung darf er dann in die Dunkelheit.”
Viel schwieriger ist es, den Tieren das Springen abzudressieren und sie zu Läufern zu machen. Solche „Laufflöhe” braucht Mathes für seine kunstvoll gefertigten Kutschen und Karussells. Bei diesen Kunststücken zeigen die Flöhe, daß sie auch Muskelkraft besitzen. Ein einziger Floh bewegt einen mehrere Gramm schweren Wagen aus Messing oder das 35 Gramm schwere Karussell. Würden die Tiere dabei versuchen zu springen, entstünde ein groteskes Theater. Mathes konditioniert darum nur die Flöhe, die von vornherein nicht besonders gerne springen. „ Ich habe dafür eine Reihe von verschieden hohen Dosen mit Deckeln, in die ich die Tiere setze”, erklärt er. „Zuerst kommen sie in die hohen Dosen, damit sie merken, daß sie nicht unbegrenzt hoch springen können. Und dann kommen sie in immer niedrigere Gefäße, bis sie das Springen ganz aufgeben.”
Damit die Flöhe die 18 Tage des Oktoberfestes gut überstehen, müssen sie regelmäßig gefüttert werden. Ihr Opfer ist ihr Trainer. Mathes hat sich für das Fest die Arme rasiert. Alle drei Stunden setzt er die Tiere mitsamt ihrem Geschirr auf seine Haut und läßt sie sein Blut trinken. Das ist eine Stunde voller Ruhe, in der keiner den Direktor und seine Artisten stören darf. Wenn die Flöhe einen kleinen Tropfen Blut ausscheiden, sind sie satt.
Für seine Kunststücke nimmt Mathes nur Weibchen, denn die Männchen sind viel zu schwach. Am liebsten sind ihm Igel- oder Menschenflöhe. Igelflöhe fängt er selbst auf nächtlichen Ausflügen. Aber woher bekommt er Menschenflöhe? Diese Blutsauger gelten in Mitteleuropa als fast ausgestorben. Mathes druckst etwas, bevor er antwortet. Doch, Menschenflöhe gäbe es noch, meint er, und er ließe sich öfter von Freunden welche aus dem Urlaub mitbringen. Aber die Länder will er nicht nennen: „Da bekomme ich nur Ärger mit den Tourismusbehörden.” Zu groß war die Aufregung, als sein Vater einst verriet, daß er seine Flöhe aus Griechenland und der Türkei bekam.
Kompakt: Der Floh Leistung: ein Floh ist – je nach Art – nur 1,5 bis 6 Millimeter groß, aber er springt bis zu 20 Zentimeter hoch und 35 Zentimeter weit. Dabei kann er die 140fache Erdbeschleunigung erreichen – ein Astronaut beim Raketenstart nur die 6fache. Überleben: Es gibt etwa 2000 Floharten. Sie besiedeln die gesamte Erde, sogar die Antarktis, wo sie unter dem Schnee monatelang in Vogelnestern auf die Rückkehr ihres Wirtes warten. Geschichte: Flöhe haben die Geschichte Europas wesentlich geprägt, denn Rattenflöhe übertrugen die Pest. Die Seuche tötete nach 1347 ein Viertel der europäischen Bevölkerung. Bdw community Internet Viele Detailfotos von Flöhen (Russische Akademie der Wissenschaften): http://www.zin.ru/Animalia/Siphonaptera/index.htm
Bücher Jörg Blech Leben auf dem Menschen rororo 2000, DM 16,80 Birgit und Heinz Mehlhorn Zecken, Milben, Fliegen, Schaben Springer 1996DM 32,–
Fernsehen Erleben Sie Hans Mathes und seine Flöhe, und beobachten Sie den Wissenschaftsfotografen Volker Steger bei seiner Arbeit in „nano”, dem Zukunftsmagazin auf 3Sat.
Erstausstrahlung: 20. Dezember 2000, 18.30 Uhr bis 19 Uhr Die Wiederholungstermine auf verschiedenen 3. Programmen finden Sie im Internet unterhttp://www.3sat.de/nano
Volker Steger / Thomas Willke / Hans Mathes




