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Der Expertenkrieg ums Klima

Im deutschen Treibhausstreit geht es um die Reinheit der Lehre: Vor dem Weltklimagipfel ist der Streit um die Schuld des Menschen an der globalen Erwärmung erneut aufgekocht. Der Dunst der Argumente droht zu vernebeln, daß sich die Experten im Grunde einig sind: Es wird wärmer. Und was immer in Kyoto beschlossen wird – es kann den Temperaturanstieg vorläufig nicht verhindern.

Mit drei Sätzen läßt Prof. Ernst Augstein die Weltklimakonferenz, die am 1. Dezember im japanischen Kyoto eröffnet wird, als globale Farce erscheinen. „Es stimmt“, sagt er, „daß weltweit die Temperaturen steigen. Es stimmt auch, daß die Konzentration des Treibhausgases CO2 in der Atmosphäre zunimmt und daß der Mensch dazu beigetragen hat und weiter beiträgt. Es ist aber überhaupt nicht erwiesen, daß der gegenwärtige Temperaturanstieg etwas mit der aktuellen CO2-Zunahme zu tun hat.“ Seine Befürchtung: „Vielleicht drehen wir, was das Weltklima angeht, in Kyoto an den völlig falschen Knöpfen.“

Die Vorstellung ist makaber: Da werden sich in Japan die Delegationen von rund 200 Staaten treffen, um darüber zu beschließen, welches Land bis wann seine CO2-Emission um wieviel Prozent zu senken hat. Kohlendioxid ist eines der Hauptabfallprodukte der Stromerzeugung, von Verkehr, Industrie und Haushalt. Je höher der Lebensstandard eines Landes ist, um so mehr CO2 setzen seine Bewohner frei. Die Entscheidungen von Kyoto werden also weltweit die Wirtschaft beeinflussen, das Leben von annähernd sechs Milliarden Menschen. Und hier mahnt ein Experte: „Ihr wißt nicht, was ihr tut.“

Ernst Augstein ist nicht irgendjemand. Der Ozeanograph am Alfred-Wegener-Institut (AWI) für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven war zeitweise Vorsitzender des Klimabeirates der Bundesregierung.

Er verließ dieses – inzwischen aufgelöste – Gremium im Streit, weil man, wie er sagt, seinen Argumenten nicht das nötige Gewicht beimaß. Ihn aber deshalb als Kronzeugen berufen zu wollen für die – vor allem in den USA – heftig propagierte Ansicht, die von Menschen gemachte Klimaerwärmung existiere gar nicht, wäre falsch. Augstein sagt nur, daß die Zusammenhänge zwischen Treibhausgas und Treibhauseffekt für die momentanen Änderungen des Weltklimas wissenschaftlich nicht bewiesen seien.

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Und er bestreitet, daß man aus den Klimasimulationen der Großcomputer auf reale Abläufe in der Natur schließen darf. Es gebe selbst in der jüngeren Erdgeschichte Beispiele für schnelle und große Temperaturänderungen, bei denen das CO2 – der wichtigste Faktor in den Berechnungen – keine Rolle gespielt habe. Er verweist auf die „Kleine Eiszeit“: Zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert habe sich die Weltmitteltemperatur zunächst um knapp ein Grad verringert, um dann binnen 150 Jahren um den gleichen Wert rapide wieder anzusteigen. Erklären kann das bis heute keiner.

Aber je länger er und seine drei AWI-Kollegen reden – Augstein wird unterstützt von dem Geophysiker Heinz Miller, dem Klimamodellierer Dirk Olbers und dem Meeresphysiker Claus Böning -, um so mehr wirken sie wie das Führungsquartett jenes berühmten kleinen gallischen Dorfes mit seinen unbeugsamen Helden, die als letzte Bastion eine umkämpfte Stellung halten. In diesem Fall als Verteidiger der reinen Lehre: „Auch eine angebliche Sicherheit von 95 Prozent ist keine Basis, die es Wissenschaftlern erlaubt, so weitreichende politische Entscheidungen zu beeinflussen.“

Als Motiv dafür, warum so viele Fachleute anders handeln, kann Augstein sich vieles vorstellen: „Es geht um Millionen an Forschungsgeldern, es geht um Einfluß und um Eitelkeiten.“ Gegenüber dem Vorsitzenden der Weltklimaorganisation WMO in Genf, Prof. Hartmut Graßl, setzt er noch eines drauf: „Persönlich verstehen wir uns gut, sind praktisch Sandkastenfreunde. Aber Graßl ist ein Mann, der gern die Katastrophenorgel dreht, der notfalls auch versucht, Ziele, die er für richtig hält, mit zweifelhaften Argumenten durchzusetzen.“

Über Prof. Klaus Hasselmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, sagt Augstein: „Ein exzellenter Wissenschaftler. Aber mit seiner Interpretation über die Aussagekraft der Klimamodelle geht er zu weit.“ Heinz Miller fügt hinzu: „Es ist eines Hasselmanns unwürdig zu argumentieren, wie er es im August in der ,Zeit` getan hat, nach dem Motto: 1000 Wissenschaftler können nicht irren. Wissenschaft ist doch keine Sache von Mehrheiten.“

Solche Vorwürfe kontert Hasselmann gelassen: „Die Wahrscheinlichkeit, daß 1000 Wissenschaftler sich irren, ist viel geringer, als daß einer sich irrt. Außerdem“, antwortet er auf einen anderen Vorwurf, „habe ich das so gar nicht geschrieben. Ich habe gesagt: Daß über 1000 Experten sich weltweit verschwören, Unwahres zu verbreiten, in der Absicht, Forschungsgelder zu kassieren, ist wohl kaum glaubhaft.“

Er gesteht Augstein aber zu: „95 Prozent Sicherheit sind kein Beweis für die Aussage, daß die Menschen schuld sind am derzeitigen Anstieg der Welttemperatur. Es wird aber auch immer schwerer, ihn als natürliche Klimakapriole abzutun.“

Seine Sicherheit bezieht er weniger aus dem Temperaturanstieg um 0,7 Grad seit 1850, auch nicht aus den knapp 0,5 Grad seit der Jahrhundertwende – „das liegt aber schon am oberen Rand dessen, was mit natürlicher Variabilität zu erklären wäre“ -, sondern vor allem aus den letzten drei Jahrzehnten, in denen die Temperatur pro Dekade um 0,1 Grad kletterte. „Eine Änderung in diesem Tempo und in diesem Ausmaß hat der Mensch noch nicht erlebt. Auch nicht in der Kleinen Eiszeit, auf die Augstein sich beruft“, meint Hasselmann.

Zweifel an der Aussagekraft der aktuellen Klimamodelle läßt er nicht gelten. „Wir berücksichtigen inzwischen alles, was wichtig ist: die Meeresströmungen, die Wolken, den Einfluß luftverschmutzender, energieabsorbierender Teilchen, die Ozonverteilung, die Schnee-bedeckung, die Passatwinde und noch mehr. Damit können wir nicht nur die Klimaänderungen der Vergangenheit exakt simulieren, die Modelle geben auch die Gegenwart genau wieder, die Verteilung der Niederschläge, vermehrte Wirbelstürme. Auch den aktuellen El-Niño, die warme Meeresströmung vor Südamerika, haben wir richtig vorausgesagt. Deswegen bin ich sicher, daß unsere Modelle die Entwicklung des Klimas in den nächsten 100 Jahren zuverlässig berechnen.“

Hasselmann traut den Simulationen Realitätsnähe bis zu einem CO2-Gehalt der Atmosphäre von mehr als 600 ppm zu (ppm steht für „parts per million“, 600 ppm sind 600 Teile CO2 in einer Million Teile Luft). Vor Beginn der Industrialisierung lag der Anteil des Kohlendioxids bei 280 ppm. Er stieg dann bis 1940 allmählich auf 310 ppm und schnellte seitdem auf heute 364 ppm.

„Was passiert, wenn der CO2-Anteil 1000 ppm überschreitet, oder wenn die steigende Welttemperatur die Umweltbedingungen abrupt verändern sollte, das können die Modelle nicht berechnen“, schränkt Hasselmann die Reichweite der Vorhersagen ein. Ein Klima-Chaos könnte zum Beispiel entstehen, wenn sich durch die Erwärmung des Ozeans die Meeresströmungen ändern. „Unterhalb dieser Extreme gibt es natürlich auch Fehlergrenzen, die wir aber in jeder Veröffentlichung nennen, und die in den vergangenen Jahren enger geworden sind, weil wir gelernt haben, die Natur immer besser abzubilden. Es ist doch nicht die Schuld der Wissenschaftler, wenn manche Medien früher nur mit der Obergrenze Schlagzeilen machten. Und jetzt, wo wir die Fehlerbreite einengen können, drehen sie es um und höhnen, den Klimaforschern wäre ihre Katastrophe abhanden gekommen.“

Den umgekehrten Vorwurf macht Prof. Graßl den Forschern am AWI: „Sie gebärden sich in ihrer Schmollecke in Bremerhaven als die letzten Puristen der Wissenschaft und beißen sich in der natürlichen Bandbreite der Unsicherheit fest.“ Die wird aber immer schmaler. „1993 haben die Wissenschaftler des International Panel of Climate Change (IPCC) noch gesagt, es sei nicht möglich, die Aktivitäten des Menschen für einen Teil der Klimaänderung verantwortlich zu machen. 1995 war der Schuldspruch fällig, und im August dieses Jahres haben sie bei einer Konferenz in Genf – zur Vorbereitung auf Kyoto – den Schuldspruch noch einmal verstärkt. Mir reichen die 95 Prozent Sicherheit, um ohne Bauchschmerzen den Politikern das Handeln zu empfehlen“, sagt Graßl.

Nach Japan blicken er und Hasselmann allerdings skeptisch. Hasselmann: „Mehr als einen Einstieg in den Ausstieg der CO2-Produktion zu erwarten ist nicht realistisch“, sagt Hasselmann: „Machen wir weiter wie bisher, steigen die Temperaturen bis zum Jahr 2100 im globalen Durchschnitt um zwei bis drei Grad. In den höheren Breiten“ – in der Region der Industrienationen – „können es mehr sein. Und der Anstieg hört dann ja nicht einfach auf, sondern setzt sich fort. Könnte man die Emissionen weltweit einfrieren, würde die Temperatur zwar immer noch um 0,5 Grad steigen, wir würden aber Zeit gewinnen, um uns auf die Folgen einzustellen“ – den Umbruch in der Landwirtschaft etwa und den Anstieg des Meerespiegels – „und auf erneuerbare Energien umzusteigen, ohne die Wirtschaft zu überfordern.“

Eine umweltschonende Politik zu betreiben, Öl und Kohle zu sparen und neue Energiequellen zu entwickeln, um die CO2-Belastung der Atmosphäre zu verringern, das finden Augstein und seine Kollegen übrigens auch gut. Im Prinzip.

Pfropfen im Schornstein Kyoto ist nach dem Umweltgipfel von Rio (1992) und der Weltklimakonferenz von Berlin (1995) das dritte Etappenziel im Bemühen der Vereinten Nationen, die Aufheizung der irdischen Atmosphäre zu stoppen. Am Ende der Konferenz, am 10. Dezember, sollen die rund 200 teilnehmenden Staaten ein Protokoll unterschreiben, in dem sie sich verpflichten, den Ausstoß des Treibhausgases CO2 um eine bestimmte Menge zu verringern.

Die Allianz der Kleinen Inselstaaten (AOSIS), unmittelbar bedroht vom Steigen des Meeresspiegels, fordert, daß die Industrieländer ihre Emissionen bis zum Jahr 2005 um 20 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Die EU geht nach Angaben aus dem Bonner Umweltministerium als Block in die Verhandlungen, der eine Reduktion um 15 Prozent bis zum Jahr 2010 anbietet. Innerhalb der Gemeinschaft können die Lasten verteilt werden: Deutschland bleibt bei seinem Ziel, die CO2-Emissionen um 25 Prozent zu verringern, Länder mit weniger hohem Lebensstandard und Energieverbrauch müßten weniger reduzieren, einzelne Staaten – Portugal etwa – dürften ihre Emissionen sogar steigern.

Wenn sich die Welt nach dem EU- Modell richtet, könnte die befürchtete Verdoppelung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre – und damit die Aufheizung mit all ihren Folgen – nach Berechnungen am Massachusetts Institute of Technology in den USA bis Mitte des 22. Jahrhunderts verzögert werden („Atmosphärische Störungen“, bild der wissenschaft 9/1997). Dagegen sprechen zwei Entwicklungen: Der Nachholbedarf der Schwellenländer wie China und Indien, und die Prognosen für den Energiebedarf der Industrieländer.

Seit Rio ist die Weltbevölkerung um 400 Millionen Menschen gewachsen. Die UN schätzt, daß sich der Energieverbrauch auf der Erde bis zum Jahr 2050 verdoppelt, die Weltbank geht sogar von einer Verdreifachung aus.

Ein wichtiger Indikator für den Energiebedarf ist der Verkehr, der drittgrößte CO2-Produzent. Das Worldwatch Institute schätzt, daß sich die Zahl der Autos auf der Erde bis zum Jahr 2020 auf eine Milliarde verdoppeln wird. In Deutschland ist der Flugverkehr seit 1985 um beinahe 100 Prozent gestiegen, Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann sagte vor kurzem eine weitere Verdreifachung beim Passagierflugverkehr und eine Vervierfachung des Frachtflugverkehrs bis zum Jahr 2016 voraus.

Fazit: Da nicht sofort alle Schornsteine verstopft werden können, sollte sich die Welt auf eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur von rund zwei Grad bis zum Jahr 2100 vorbereiten. Dennoch müssen zur Verringerung des CO2-Ausstoßes jetzt Maßnahmen beschlossen werden, die mit kleinen Schritten beginnen und zunehmend progressiv werden. So ließe sich das Weltklima nach Ansicht der Experten bis Mitte des 22. Jahrhunderts wenigstens stabilisieren.

Jürgen Nakott

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