Der Mythos vom genialen Einzelgänger - wissenschaft.de
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Der Mythos vom genialen Einzelgänger

Was erfolgreiche Erfinder auszeichnet. Der Techniksoziologe Prof. Werner Rammert hat nachgeforscht, welche Persönlichkeiten hinter großen technischen Entwicklungen stehen. Das Ergebnis: Erfinder sind meist anders, als man gemeinhin glaubt.

Eine Erfindung ist erst dann erfolgreich, wenn sie sich in der Gesellschaft als Innovation durchsetzt. Erfinder brauchen – heute mehr denn je – drei Dinge, um erfolgreich zu sein: Visionen, Verbindungen und etwas, das ich gerne mit Vielfachheit bezeichne. Visionen sind deshalb wichtig, weil der Erfinder schon selbst wissen sollte, was aus seiner Erfindung werden kann. Das beste Beispiel ist der Amerikaner Alexander Graham Bell, der neben anderem das Telefon erfunden hat. Während der Deutsche Johann Philipp Reis sein Telefon, das er 15 Jahre vor Bell fertig hatte, als Experimentiergerät einstufte und es auf Jahrmärkten herumzeigte, war sich Bell sofort der neuen Dimension der Kommunikation bewußt und suchte Mitstreiter, die zusammen mit ihm am Aufbau eines weit verzweigten Telefonnetzes arbeiten wollten. Damit sind wir bei den Verbindungen. Wer sich als Erfinder nicht selbst darum kümmert, Geldgeber aufzutreiben und Unternehmen für die Produktion der Erfindung zu begeistern, bleibt möglicherweise ewig unverstanden. Sich Netzwerke zu schaffen, ist eine ganz wesentliche Voraussetzung, um aus Ideen Innovationen werden zu lassen. Mit Vielfachheit bezeichne ich das parallele Voranbringen verschiedener Ideen. Die meisten bekannten Erfinder tüftelten nicht nur an einer Entwicklung, sondern hatten gleichzeitig viele im Kopf. Die meisten Erfinder machen – ähnlich wie Wissenschaftler – viele Anläufe, ehe die Öffentlichkeit auf eine ihrer Arbeiten aufmerksam wird. Der erste Mythos ist, daß große Erfinderpersönlichkeiten allein vor sich hinarbeiten. Natürlich haben die meisten von ihnen Charisma, und sie müssen besessen sein vom Glauben an den guten Ausgang ihrer Sache. Doch die meisten großen Erfinder hatten Mitarbeiter. Das gilt für Edison genauso wie für Bell oder von Siemens. Der zweite Mythos rankt sich um die einzigartige Persönlichkeit des Erfinders. Viele große Erfindungen lagen einfach in der Luft – und mehrere Menschen arbeiteten an dem erhofften Durchbruch. Auch hier ist Alexander Graham Bell ein hervorragendes Beispiel. Er wußte, daß sein Landsmann Elisha Gray an einem Telefonapparat arbeitete, den er patentieren lassen wollte. Bell kam Gray dabei um wenige Stunden zuvor – und zwar nur deshalb, weil er ein Patent auf etwas beantragte, was so noch gar nicht richtig funktionierte. Die vollständige Entwicklung lieferte er erst später nach. Ein weiterer Mythos ist der naive Glaube, eine Erfindung sei gleichsam ein einziger Schöpfungsakt. Dabei ist es ganz anders: Es gibt sehr viele Dinge, die wichtig sind, wie die drei „Vs“ – Visionen, Verbindungen, Vielfachheit – beweisen. Erfinden zu lernen, halte ich für genauso unmöglich, wie den Beruf des Künstlers zu lernen. Zum Künstler wie zum Erfinder gehört, daß man seinen eigenen Weg geht und nicht einen, den die Gesellschaft einem zuweist. Natürlich kann man die Bedingungen für das Erfinden verbessern, indem Wirtschaft und Gesellschaft beispielsweise Risikokapital bereitstellen. Doch schon das staatliche Stricken von Netzwerken funktioniert in der Regel nicht. Wer als Erfinder nicht selbst aktiv wird, um Kombattanten für seine Sache zu finden, wird auch durch institutionalisierte Innovationszentren, -börsen oder -märkte nicht erfolgreicher. Nahezu alle seriösen Untersuchungen zeigen, daß solche Institutionen keine nennenswerten Beiträge zu einer innovationsbereiten Gesellschaft liefern. Gesellschaften, die Pluralismus sowie die ethnische und standesmäßige Durchmischung zulassen, sind kreativer als Gesellschaften mit einer starren Ordnung. So konnte ich mit meinen Arbeiten nachweisen, daß die Menschen im Mittelalter zwar ähnlich kreativ und erfindungsreich waren wie im 19. Jahrhundert. Doch Kreativität und Erfindungsreichtum waren im Mittelalter nicht gefragt und wurden daher auch nicht belohnt. Viele Neuerungen wurden vom Zunftwesen einfach verschluckt. Dabei hat es bereits im 14. Jahrhundert so etwas wie eine industrielle Revolution gegeben. Glanzleistungen der Technik aus dieser Zeit kennen wir noch heute: Die mittelalterlichen Kathedralen strotzen vor Erfindungsreichtum – und doch verbindet man mit diesen Leistungen kaum einzelne Namen. Erst mit Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft in der Renaissance fing man an, die individuelle Leistung und die dahinterstehende Persönlichkeit herauszustellen. Gegenwärtig sind die USA in einer besonders guten Stellung: Die kulturelle Durchmischung ist dort außerordentlich stark. Dadurch werden ständig neue Ideen und Entwicklungen hervorgebracht. Zudem haben die Amerikaner bis heute den Pioniergeist des „Go westward“ erhalten. Weil eine solche Gesellschaft risikoreich ist, gehen von dort auch maßgebliche neue Entwicklungen aus. Bei uns wird der Grips dagegen – aus der scheinbar sicheren Position heraus – vor allem dort hineingesteckt, wo es gilt, Bestehendes, Bewährtes, Sichergeglaubtes noch ein Stück zu verbessern. Noch etwas zeichnet die USA aus: Dort läßt man den Ingenieuren und Tüftlern den Raum zum experimentellen Erproben und zum Erfahrungsaustausch. Nicht gleich eine feste Norm zu haben – genau das war es, was die Entwicklung der Computertechnologie in Amerika beflügelte. Tatsache ist, daß viele Gründer von Computerfirmen aus dem mittleren Westen der Vereinigten Staaten kommen – aus einer Gesellschaft, in der Askese und langer Atem auch heute noch Basiseigenschaften von jenen sind, die in wirtschaftliche und technologische Führungspositionen aufsteigen wollen. Dies ist eine starke Kraft für die amerikanische Wirtschaft. Uns Deutschen fehlt dagegen vielfach der Biß, weil wir nicht mehr so sehr wie die Amerikaner daran interessiert sind, etwas Besonderes leisten zu wollen, sondern viel Zeit darauf verwenden, uns etwas zu leisten.

Prof. Werner Rammert

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